PROJEKT: DIE OSTSTADT VON VELIA – VELIA CITTÀ ORIENTALE

TOPOGRAFIE UND HISTORISCHER ÜBERBLICK

Die griechische Apoikie Elea befindet sich in Kampanien nahe dem heutigen Ascea. Ursprünglich eine wichtige Hafenstadt am Meer, ist die Küste heute infolge von Verlandung etwa einen Kilometer entfernt. Die Stadt erstreckte sich über den Hügelrücken von Castellammare della Bruca, auf dem später eine mittelalterliche Burg

über den Ruinen der einstigen Akropolis errichtet wurde. Archäologisch untersucht sind vor allem die Südstadt, die Akropolis samt ihren Abhängen, die Stadtbefestigungen inklusive mehrerer, entlang eines Hügelrückens aufgereihter, Kultplätze sowie die sog. Südostterrasse.

Elea wurde um 540 v. Chr. von griechischen Siedlern aus Phokaia gegründet, die aufgrund der persischen Invasion ihre westkleinasiatische Heimat verlassen mussten. Nach einer gescheiterten Ansiedlung in Alalia auf Korsika fanden sie in Kampanien ein neues zu Hause. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass sie dabei keinen älteren indigenen Siedlungsplatz übernommen haben; denn die frühesten Zeugnisse stammen alle erst aus der Zeit nach der griechischen Gründung.

Als bedeutende Handelsstadt wird Elea mehrfach in den antiken Quellen erwähnt. Im 4. Jh. v. Chr. nahm sie als Mitglied des Bundes der Italioten am Krieg gegen Dionysios von Syrakus teil. Während der Punischen Kriege war sie ein wichtiger Verbündeter Roms und Flottenhafen. Neben griechischem und römischem Einfluss ist ab dem 4. Jh. v. Chr. archäologisch auch lukanisches Material nachweisbar. 89/88 v. Chr. wurde Elea zum römischen Municipium erhoben und fortan Velia genannt. Bis heute bekannt ist die Stadt vor allem durch die Philosophenschule der Eleaten, deren bedeutendste Vertreter Parmenides und Zenon waren.

FORSCHUNGSGESCHICHTE UND AUSGANGSLAGE

Die archäologische Erforschung Velias begann ungeachtet der Bedeutung der Stadt als Wirkungsort des Parmenides vergleichsweise spät. Zwar fanden erste systematische Grabungen bereits 1927 unter Amadeo Maiuri statt, eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung setzte aber erst ab 1961 mit den Arbeiten von Mario Napoli ein.

Die frühen Forschungen konzentrierten sich zunächst auf die Akropolis, die vor ihrer Monumentalisierung in der ersten Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. den ursprünglichen Siedlungskern bildete. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Untersuchung der Stadtgrenzen, d. h. der Stadtmauern, die besonders ab den 1970er Jahren von der österreichischen Mission intensiv erforscht wurden. Diese Arbeiten lieferten wertvolle Erkenntnisse sowohl zur Stadtentwicklung als auch zur Kulttopografie. Dabei geriet auch die Oststadt immer mal wieder in den Fokus des Interesses, wobei sich die Arbeiten von Bernhard Neutsch und Friedrich Kinzinger in erster Linie auf bereits zuvor freigelegte Thermen und einen Insulakomplex sowie auf die Verifizierung der Existenz eines regelmäßigen Straßenrasters konzentrierten. In jüngerer Zeit wurden diese Forschungen unter Leitung von Verena Gassner auf das südöstliche Stadtareal ausgedehnt. In der Süd- und der Weststadt ist ferner seit langem die Università degli Studi di Napoli „Federico II“ unter Leitung von Luigi Cicala tätig und besonders auf der Akropolis auch der Park selbst unter Leitung von Francesco Scelza.

Ein zentrales Forschungsdesiderat stellt in Velia der Vignalehügel dar, der für gewöhnlich als Oststadt bezeichnet wird, obwohl seine westliche Hälfte eigentlich das topografische Zentrum der Siedlung bildet. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustands wurden dort bislang nur begrenzte Untersuchungen durchgeführt. Nachgewiesen sind einzelne Wohnbauten, eine Therme sowie ein eigenständiges, an die Topografie angepasstes Straßensystem, während Nutzung und Entwicklung weiter Teile des Areals – insbesondere des westlichen Bereichs – ungeklärt bleiben. Vor allem Fragen nach der konkreten Ausdehnung und Organisation der archaischen Siedlung, der Nutzung und diachronen Entwicklung der westlichen Oststadt, der Art und dem Umfang des lukanischen Einflusses sowie der spätantiken Phase bedürfen weiterer systematischer Forschung.

FRAGESTELLUNG UND ZIELE DES PROJEKTS

Das Projekt „Velia – Città Orientale (VCO)“, das in Kooperation zwischen den Universitäten Bochum und Freiburg sowie den Parchi Archeologici di Paestum e Velia durchgeführt wird, setzt genau an diesem Forschungsdesiderat an. Ziel ist es, einen diachronen Überblick über die Siedlungshistorie der westlichen Oststadt zu gewinnen. Dabei sollen vor allem die bisher wenig erforschten Epochen, wie die lukanische und die spätantike Phase, stärker in den Fokus rücken.

Diese Zielsetzungen werden mithilfe einer Kombination verschiedener Methoden verfolgt. Mittels eines intramuralen Surveys und gezielter Grabungen in der Insula zwischen den Straßen QE-3, QE-4 und QE-D (vgl. den grün markierten Bereich im Stadtplan) soll zunächst die Aussagekraft eines Surveys in einer innerstädtischen Hanglage geprüft werden. Dabei wird untersucht, inwiefern sich die letzten Nutzungsphasen dieses Areals durch diese nicht-invasive Methode rekonstruieren lassen.

Im feldarchäologischen Teil des Projekts liegt der Fokus auf der Bebauung dieses Stadtbereichs, der diachron hinsichtlich seines Erhaltungszustands und seiner Funktion untersucht werden soll. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Frage, wie dieses Areal genutzt wurde. Nach bisherigen Erkenntnissen handelte es sich um ein Wohngebiet, was bislang jedoch nur für einen kleinen Teil der Oststadt nachgewiesen ist. Auch die genaue Nutzungszeit des Areals ist unsicher: Es wird von einer Besiedlung zwischen dem 5. Jh. v. Chr. und der spätrömischen Zeit ausgegangen, wobei für die westliche Oststadt sichere Nachweise sowohl für die Früh- als auch für die Spätzeit fehlen. Um diese Fragen zu klären, wird im Rahmen des Projekts in mehreren Kampagnen ein Teil der Bebauung der bisher nur hypothetisch rekonstruierten Insula nordwestlich der Straßenkreuzung QE-4/QE-D schrittweise freigelegt und im Hinblick auf ihre Funktion sowie ihre unterschiedlichen Phasen untersucht.

DIE KAMPAGNEN 2024 UND 2025

Grabung und Fundbearbeitung

In der ersten Kampagne

2024 wurden im Untersuchungsbereich zwei Grabungsschnitte positioniert. Einer davon, S1, sollte die Insulaecke sowie Teile der Straßenkreuzung erfassen und wurde quadratisch angelegt; der andere, S2, wurde weiter nördlich platziert um eine mögliche Trennung von Wohneinheiten zu dokumentieren und war dementsprechend langrechteckig dimensioniert.

In beiden Schnitten zeigten sich schon in der ersten Kampagne verhältnismäßig gut erhaltene Mauern dicht unter der modernen Oberfläche. Die massive, von N nach S durch beide Schnitte laufende Mauer stellt dabei zweifellos die Außenmauer der Insula dar, so

dass die bisherige Rekonstruktion des Stadtplans in diesem Punkt bestätigt werden kann. Östlich davon wurde eine dichte Schuttschicht angetroffen, bei der es sich vermutlich um Material handelt, das nach schweren Regenfällen dem Hang hinabgeschwemmt worden war und die Straße unter sich begrub. Dabei wurden offenbar auch Teile anspruchsvoller Wohnbauten mitgerissen, wie der Fund von Mosaikfragmenten und eines Medusenantefixes bezeugen.

Bereits 2024 war beobachtet worden, dass die Breite der östlichen Insula-Außenmauer merkwürdig schwankt. Auch konnte ihr südliches Ende damals nicht lokalisiert werden;

stattdessen setzte sich die Mauer auf tieferem Niveau und in etwas anderer Ausrichtung fort ins Südprofil. 2025 wurde daher beschlossen, die Arbeiten auf den südlich gelegenen Schnitt, S1, zu konzentrieren, zumal sich auch nur hier im Jahr zuvor Reste einer Innenbebauung der Insula hatten fassen lassen. Um die östliche Außenmauer weiter verfolgen zu können wurde der Schnitt nach S erweitert. Dabei zeigte sich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Ecke handelt, sondern um eine Art hufeisenförmige Apsis, die sich außerdem nicht an die südliche Insulabegrenzung hält, sondern die Straße QE-D überscheidet. In Verbindung mit den beachtlichen Mauerstärken liegt die Vermutung nahe, dass hier keine Wohninsula angeschnitten wurde, sondern ein öffentliches Gebäude.

In späterer Zeit wurde dieses Gebäude durch den Ein- und Aufbau schmalerer Mauern umgenutzt. Das letzte Nutzungsniveau des bisher freigelegten Raums (im Norden von S1) konnte 2025 ebenfalls identifiziert werden; möglicherweise handelte es sich um eine Art Küche oder Lagerraum spätantiker Zeit, da direkt über diesem letzten Nutzungsniveau einige großflächig (doch nicht vollständig) erhaltene Küchen- und Vorratsgefäße gefunden wurden, deren guter Erhaltungszustand dafür spricht, dass sie in dem Bereich gefunden wurden, wo sie verwendet worden waren. In der Nähe dürfte sich außerdem ein Kalkofen befunden haben. Denn im Norden des Raumes fanden sich zwei Marmorplattenfragmente, die aneinander und an ein niedriges Mäuerchen gelehnt waren und im Osten ein verkehrt herum an ein anderes Mäuerchen gelehnter Labrumfuß aus Marmor.

In der ersten Hälfte des 5. Jhs. n. Chr. wurde dieser Raum aufgegeben. Zuvor scheint man alles, was sich noch verwenden ließ, wie unbeschädigte Küchen- und Vorratsgefäße oder die Ziegelplatten des einstigen Fußbodens, aus dem Raum entfernt zu haben; nur noch an drei Stellen haben sich Reste des Bodenbelags erhalten

Survey

Im Bereich der beiden Schnitte sowie westlich des Grabungsareals wurde 2024 parallel ein intramuraler Survey durchgeführt. Ziel dieser Untersuchung war es, zu prüfen, ob die Methode weitere Erkenntnisse über die antike Nutzung eines städtischen Hanggebiets liefern kann, die später mit den Ergebnissen der Grabung abgeglichen werden sollen. Um möglichst präzise Daten zu erhalten, wurde ein Raster von 1 x 1 Meter verwendet, in dem das gesammelte Material gezählt wurde. Obwohl die Analyse noch nicht abgeschlossen ist, konnte bereits ein breites Spektrum an Fundmaterial identifiziert werden, darunter Ziegel, Amphoren und Haushaltsgegenstände, die vorwiegend in die spätrömische Zeit datiert werden konnten.

TEAM

Projektleitung
Prof. Dr. Jon Albers
Institut für Archäologische Wissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Am Bergbaumuseum 31
D – 44791 Bochum
Tel. +49 (0)234/32-28528
jon.albers@rub.de

PD Dr. Birgit Bergmann
Institut für Archäologische Wissenschaften
Abteilung für Klassische Archäologie
Universität Freiburg
Friedrichstraße 39 (Fahnenbergplatz)
D – 79098 Freiburg i. Br.
Tel.: +49 (0)761/203-3108
birgit.bergmann@archaeologie.uni-freiburg.de

Fundbearbeitung
Dr. Kai Riehle, Universität Innsbruck/Tübingen
Kai.Riehle@uibk.ac.at / kai.riehle@uni-tuebingen.de

Technik und Archäoinformatik
Dr. Barbora Weissová (2024); Lennart Fütterer (2025)

Survey
Dr. Barbora Weissová
barabora.weissova@gmail.com

Studentische Teilnehmer:Innen
2024: Sarah Blumenschein, Katrin Dorfner, Denitsa Koseva, Sophie Peintinger, Anna-Lisa Schneider, Timur Sipahi, Anja Wolf
2025: Janine Enns, Lena Katharina Fischer, Denitsa Koseva, Fionna Liebert, Anna-Lisa Schneider, Maxi Jasmina Werner, Anja Wolf

FÖRDERUNG
2024: Universität Regensburg, Ruhr-Universität Bochum, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
2025: Ruhr-Universität Bochum, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

PUBLIKATIONEN
im Druck: J. Albers – B. Bergmann, Il progetto Velia – Città Orientale (VCO): Prima relazione di indagini, in: Parchi archeologici di Paestum e Velia (Hrsg.), Nuovi scavi archeologici a Paestum e Velia, Argonautica (2027)

LINKS
Projektseite der Uni Bochum: https://www.archwiss.ruhr-uni-bochum.de/aw/forschung/velia.html.de
Seite des archäologischen Parks: https://parchipaestumvelia.cultura.gov.it/