Forschungsprofil

Die Forschungsschwerpunkte der Urgeschichtlichen Archäologie in Freiburg liegen chronologisch auf den Metallzeiten (Kupferzeit, Bronzezeit und Eisenzeit), mit besonderem Fokus auf der jüngeren Bronzezeit, der Hallstattzeit und der Frühlatènezeit, und regional hauptsächlich in Mitteleuropa, Westeuropa und Italien.

Im Mittelpunkt stehen vorwiegend anthropologisch formulierte Fragestellungen zur Siedlungs- und Wirtschaftsweise schriftloser Gesellschaften, zu Metallwirtschaft und Gütertausch in der Bronzezeit, zu Technik als Kulturschöpfung des Menschen, zu religiösen Vorstellungswelten, zur Gräberarchäologie und zu Akkulturationsphänomenen zwischen illiteraten und schriftführenden Gesellschaften. Ein im deutschsprachigen Raum einzigartiger Schwerpunkt beschäftigt sich mit Bildwerken als Form und Ausdruck urgeschichtlicher Weltbilder. Zusammengenommen ergeben die Forschungsansätze Einblicke in urgeschichtliche Lebenswelten und ihre Wahrnehmung, die theoretisch und methodisch der kognitiven Archäologie zuzurechnen sind.

Forschung findet einerseits in Gestalt von drittmittelfinanzierten Projekten statt, andererseits durch Promotionsvorhaben und auch Masterarbeiten. Daneben gibt es ein on-board-Forschungsvorhaben in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege zur Besiedlung des Mühleberges in Hugstetten bei Freiburg.

Die Ergebnisse der Forschungsprojekte und Dissertationen werden in eigenen Schriftenreihen publiziert (Freiburger Archäologische Forschungen, Freiburger Studien zur Archäologie & Visuellen Kultur) sowie als Monographien in ausgesuchten Verlagen.

Die Urgeschichtliche Archäologie ist Mitglied im Forschungsverbund Archäologie und Geschichte des 1. Jahrtausends in Südwestdeutschland der Universität Freiburg.

Unsere aktuellen Forschungsprojekte

Verwandtschaft und Herrschaft im Apennin. Fremde und einheimische Bevölkerungsgruppen im eisenzeitlichen Spoleto

Projektleitung: Dr. Joachim Weidig

Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG-Projektnr. 568702652)
Laufzeit (Drittmittelförderung): Januar 2026 – Dezember 2027

In Zusammenarbeit mit Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio dell’Umbria, Direzione Regionale Musei Umbria, Museo Archeologico Nazionale e Teatro Romano di Spoleto, Prof.ssa Maria Cristina Martinez-Labarga (Università degli Studi di Roma Tor Vergata), Prof.ssa Alessandra Coen (Università degli Studi di Urbino Carlo Bo), Prof.ssa Marina Micozzi (Università degli Studi della Tuscia).

In Etrurien und in der italischen Welt kommen reich ausgestattete Bestattungen von Kindern unter drei Jahren nur selten vor. Eine Ausnahme sind daher die Prunkgräber von Säuglingen und Kleinkindern mit Waffen und Trachtgegenständen aus der Nekropole von Piazza d’Armi in Spoleto (720–580 v. Chr.), Umbrien, aus der auch die berühmten Königszepter stammen.

Gleichzeitig zeigt sich sowohl in den Kinder- als auch in den Erwachsenengräbern eine Vielfalt kultureller Einflüsse. Ob dies auf fremde Personen oder auf kulturelle, selektive Adaptionsprozesse der lokalen Elite zurückzuführen ist, lässt sich nur in einer Kombination von archäologischen und biologischen Methoden klären. Während in Italien die menschlichen Skelettreste anthropologisch und molekularbiologisch untersucht wurden (PRIN-Projekt), soll die archäologische Auswertung des gesamten Gräberfeldes die Grundlage für die Beantwortung von Forschungsfragen ermöglichen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Grabriten, Beigaben und Verwandtschaftsbeziehungen? Sind die Unterschiede auf verschiedene Bevölkerungsgruppen oder auf selektive Adaption zurückzuführen? Blieb die Herrschaft über mehrere Generationen hinweg in derselben Familie, und zeugen die Kindergräber von dem Versuch, eine Herrscherdynastie zu etablieren, in der Machtpositionen von Geburt an vererbt wurden? Damit eng verbunden ist eine Definition der eisenzeitlichen Sachkultur in Umbrien, die im Vergleich zu den benachbarten Regionen herausgearbeitet werden soll.

Publikationen zum Thema (Auswahl)

  • 2021: J. Weidig, Lutto, rito funebre e status sociale. Considerazioni sulle sepolture infantili in Umbria e nelle aree limitrofe dalla prima età del Ferro all’epoca arcaica. In: E. Govi (Hrsg.), BIRTH. Archeologia dell’infanzia nell’Italia preromana (Bologna 2021) 569–599.
  • 2020: J. Weidig, Connessioni ideologiche tra le aristocrazie arcaiche dell’Italia appenninica e medio-adriatica. In: G.M. Della Fina (Hrsg.), Ascesa e crisi delle aristocrazie arcaiche in Etruria e nell’Italia preromana. Annali Faina 27, 2020, 21–60.
  • 2020 (2015): J. Weidig, Früheisenzeitliche etruskische und italische Zepter. Jahrbuch RGZM 62, 2015 (2020), 1–46.
  • 2019: J. Weidig, Ikonographie und Deutung der figürlichen Szenen auf den Zeptern von Spoleto (prov. Perugia). In: H. Baitinger, M. Schoenfelder (Hrsg.), Hallstatt und Italien, Festschrift für Markus Egg. Monographien des RGZM 154 (Mainz 2019) 483–503.
  • 2017: J. Weidig, Die Vererbung von Macht – Kleinkindergräber mit Waffen und Statussymbolen. In: Leskovar, J. & Karl, R. (eds.), Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbeiträge der 7. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie. Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 47 (Linz 2017), 195–214.
  • 2015: J. Weidig, N. Bruni, Strutture tombali plurime a Spoleto. Elementi di differenze cronologiche, sociali e gruppi familiari nel VII sec. a.C. In: G. M. della Fina (Hrsg.), La delimitazione dello spazio funerario in Italia dalla protostorica all’età arcaica. Recinti, circoli, tumuli. Atti del XXII Convegno Internazionale di studi sulla storia e l’archeologia dell’Etruria, Orvieto, 19–21 dicembre 2014. Annali Faina 22, 2015, 535–571.

The Iberian stelae of the Final Bronze Age: Iconography, Technology and the Transfer of Knowledge between the Atlantic and the Mediterranean / Die Iberischen Stelen der Spätbronzezeit: Bildkunst, Technologie und Wissenstransfer zwischen Atlantik und Mittelmeer

Projektleitung: Dr. Ralph Araque Gonzalez
Mitarbeiter*innen: Dr. Bastian Asmus, Dr. Pablo Paniego Díaz, Vera Rammelkammer M.A.

Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG-Projektnr. 446739573)
Laufzeit: Januar 2021 – August 2026

The western Iberian stelae from the Final Bronze-Early Iron Age transition (ca. 1200–550 BC) have long been a mystery, as none have been found in their original archaeological contexts. Most studies rely on interpretative drawings that often overlook crucial details like rock type and mineral composition, despite nearly 50% of these stelae being carved into hard materials like granitic and quartzitic rocks. This gap in research leaves the technology behind these intricate carvings largely unexplored.

Our project seeks to change that by conducting a detailed petrographic analysis of the stelae, focusing on those carved from hard rock. By integrating materials science and experimental archaeology, this project aims to provide novel insights into the craftsmanship, technology transfer, and social dynamics of protohistoric Iberia. We will explore the role of stelae as symbolic media, embedded in their landscapes, and study how these objects reflected the interconnectedness of Mediterranean and Atlantic networks. A special focus is on the tools used for the engravings, with ground-breaking results on the earliest iron metallurgy in Europe.

Ultimately, this research will offer a new perspective on the stelae, revealing the complex and persistent symbolic systems of prehistoric societies. Our findings will not only reshape our understanding of Iberian stelae but also provide valuable frameworks for studying rock art and technology transfer in ancient societies worldwide.

Griechischer Mythos aus Bernstein. Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno. Untersuchungen zu Ikonographie, Stil und Technik im zeitlichen und kulturellen Zusammenhang.

Projektleitung: Dr. Joachim Weidig
Mitarbeiter*innen: Dott.ssa Denise Galuzzi, Dott.ssa Rebecca Pauselli

Förderung durch die Gerda Henkel Stiftung
Laufzeit (Drittmittelförderung): März 2020 – März 2021

In Zusammenarbeit mit der Soprintendenza Archeologia Belle Arti e Paesaggio delle Marche (SABAP Marche AP-FM-MC und SABAP Marche AN-PU), Direzione Regionale Musei Marche, Museo Archeologico Nazionale delle Marche, Gemeinde von Belmonte Piceno.

Im Rahmen des DFG-Projektes „Materialstudien in Belmonte Piceno“ konnte die Position der Altgrabung von Dall’Osso 1909–1911 lokalisiert werden. Daran schlossen sich im Jahr 2018 Nachgrabungen auf dem Colle Ete an, die von der Gemeinde finanziert wurden. Dabei entdeckten wir zwei gestörte Prunkgräber aus dem 6. Jh. v. Chr., die sehr viele Elfenbein- und Bernsteingegenstände enthielten. Den Höhepunkt stellt ein Elfenbeinkästchen mit 18 eingelegten Bernsteinfiguren dar, welches griechische Mythen (Ajax und Achill, Perseus und Medusa) in einem etruskischen Stil vereint und heute zu den wichtigsten Funden der archaischen Zeit in den Marken zählt.

Die Erforschung des einzigartigen Gegenstandes in seinem Fundkontext sowie die zeitliche und kulturelle Einordnung erbrachten ungewohnte Einblicke. So lassen sich die Bernsteinfiguren aufgrund ihrer eingeritzten Gesichter, Gewänder und Waffen mit den griechischen schwarzfigurigen Vasen eines Sophilos und Kleitias vergleichen, die auch in Chiusi gefunden wurden, wo der Handwerker des Kästchens wahrscheinlich seine Werkstatt hatte. Auch für die Hallstattkultur liefert das Kästchen neue Erkenntnisse: Die beiden kleinen Sphingen mit Bernsteingesichtern aus dem Grabhügel von Grafenbühl (Baden-Württemberg) besitzen ihre besten Vergleiche nun in den Sphingen mit Bernsteingesichtern des Elfenbeindeckels und mit den beiden, ebenfalls aus Belmonte Piceno stammenden, figürlichen Knochenanhängern der „dea Cupra“.

Publikationen zum Thema (Auswahl)

  • 2024: J. Weidig, Archaische Mythen aus Bernstein. Die Rezeption griechischer und etruskischer Kunst in Belmonte Piceno (Herder, WBG, Philipp von Zabern 2024).
  • 2022: J. Weidig, Figürliche Elfenbeinarbeiten aus Belmonte Piceno. Vorderorientalische Kunsttraditionen im archaischen Ostitalien und die Frage der etruskischen und griechischen Vermittlung, in: T. Brestel, F. Teichner, M. Zeiler (Hrsg.), Zwischen Kontinenten und Jahrtausenden. Festschrift für Andreas Müller-Karpe. Internationale Archäologie. Studia honoraria 42 (Rahden/Westf. 2022) 152–162.
  • 2022: J. Weidig, Belmonte Piceno tra vecchie e nuove scoperte, in: N. Frapiccini, A. Naso (eds.), Archeologia Picena. Atti del Convegno Internazionale di studi. Ancona, 14–16.11.2019 (Roma 2022) 327–344.

Materialstudien in Belmonte Piceno (FM). Die Wiederentdeckung eines picenischen Zentrums im westlichen Adriagebiet zwischen Etruskern, Griechen und Hallstattkultur

Projektleitung: Dr. Joachim Weidig
Mitarbeiter*innen: Dott.ssa Denise Galuzzi, Dott.ssa Rebecca Pauselli
Antragsteller bei der DFG: Prof. Dr. Christoph Huth

Laufzeit: abgeschlossen, neue Forschungsvorhaben in Vorbereitung.
Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (2016–2019, 2021–2024; Antragsteller: Prof. Dr. Christoph Huth, DFG-Projektnummer: 324175866)

In Zusammenarbeit mit der Soprintendenza Archeologia Belle Arti e Paesaggio delle Marche (SABAP AP-FM-MC und SABAP AN-PU), Direzione Regionale Musei Marche, Museo Archeologico Nazionale delle Marche, Gemeinde von Belmonte Piceno.

Belmonte Piceno gilt als der bedeutendste eisenzeitliche Fundort in den südlichen Marken (Picenum) wegen der einzigartigen Prunkbestattungen („Amazonengräber“), Schnitzereien aus Elfenbein und Bernstein und bronzenen Schmuckstücken mit etruskischen, griechischen und italischen Gestaltungselementen. Die Eliten des Ortes waren offensichtlich im 6. Jh. v. Chr. bei der Verbreitung von baltischem Bernstein in den Süden und nach Etrurien involviert.

Das über zwei Förderperioden von der DFG finanzierte Projekt hatte ursprünglich zum Ziel, die Altgrabung von I. Dall’Osso 1909–1911 anhand des noch vorhandenen Materials aufzuarbeiten. Durch die unerwartete Wiederentdeckung der Grabungstagebücher und durch die umfangreiche Archivdokumentation konnten die rund 240 Bestattungen rekontextualisiert werden, darunter 22 Gräber mit zweirädrigen Wagen und mehr als 35 Gräber mit Bronzehelmen. Auch die berühmte „Tomba del duce“ wurde vollständig rekonstruiert, bei der es sich um das reichste Männergrab aus dem 6. Jh. v. Chr. im Picenum handelt, in dem sechs Wagen, viele Waffen, u. a. vier Helme und eine figürlich gestaltete Bronzehydria enthalten waren.

Die Frauengräber sind mit vielen Trachtgegenständen ausgestattet, die auch ungewöhnliche Einzelanfertigungen umfassen, wie Torques mit Sirenen- und Hippokampenfiguren oder Riesenfibeln mit Fabelwesen. Die Dokumentationsaufnahme ist mit dem Projekt zwar abgeschlossen, die langwierige Auswertung der einzelnen Grabkontexte dauert aber noch an.

Publikationen zum Thema (Auswahl)

  • 2024: J. Weidig, Archaische Mythen aus Bernstein. Die Rezeption griechischer und etruskischer Kunst in Belmonte Piceno (Herder, WBG, Philipp von Zabern 2024).
  • 2024: J. Weidig, Belmonte Piceno. La ricostruzione dei contesti tombali e il cofanetto in avorio. In: A. Coen, F. Grilli, J. Weidig (Hrsg.), Antiche genti della valle del Tenna. Il Fermano in epoca preromana (IX-VI sec. a.C.). (Fermo 2024) 80-87.
  • 2022: J. Weidig, Belmonte Piceno tra vecchie e nuove scoperte, in: N. Frapiccini, A. Naso (eds.), Archeologia Picena. Atti del Convegno Internazionale di studi. Ancona, 14–16.11.2019 (Roma 2022) 327–344.
  • 2021: J. Weidig, The heroic Virtue of the Warrior. The Tomb of the Duce and the Tomb of the Ivory Box of Belmonte Piceno. In: R. Graells, G. Bardelli (eds.), Ancient Weapons. New Research Perspectives on Weapons and Warfare in the 1st Millennium BC. RGZM Tagungen 44 (Mainz 2021) 71-90.
  • 2017: J. Weidig, Il ritorno dei tesori piceni a Belmonte. La riscoperta a un secolo dalla scoperta. Catalogo del Museo archeologico (Belmonte Piceno 2017).

Laufende Dissertationen

Abgeschlossene Dissertationen

Unsere Schriftenreihen

Seit Jahrzehnten geben die historisch eng verbundenen Abteilungen Urgeschichtliche Archäologie sowie Frühgeschichtliche Archäologie und Archäologie des Mittelalters angesehene Fachzeitschriften heraus, in denen zentrale Themen unserer Forschung am Institut für Archäologische Wissenschaften (IAW) behandelt werden.