Sänger und Sängerinnen im Alten Orient, Eine diachrone Studie (3.-1. Jt. v. Chr.) zur Stellung der Berufsgruppe der Sänger unter wirtschaftlichen und gesellschaftlich-kulturellen Gesichtspunkten
Projektleitung: Prof. Dr. Regine Pruzsinszky
Förderung u.a. durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften, Gerda-Henkel-Stiftung, Österreichische Forschungsgesellschaft, Wissenschaftliche Gesellschaft der Universität Freiburg, Institute for Advanced Studies, Princeton
Literaturwerke, wie Epen, Mythen, Königshymnen u.a. in sumerischer und akkadischer Sprache wurden nachweislich zum Hören gedichtet. Vortragende waren die Sänger, die von verschiedenen Musikern mit ihren Instrumenten begleitet wurden, wie uns insbesondere die sumerische Dichtung wissen lässt. Die Sänger des Alten Orients nahmen an allen wichtigen Festen anlässlich Neujahrsprozessionen, Tempelrekonstruktionen und sonstigen Feierlichkeiten teil. Nicht nur am Hof und Tempel führten sie ihren Beruf aus, sondern begleiteten ihren König auf Sieges- und Triumphzügen. Musiker dienten der Herrscherschicht als Machtwerkzeug zur Übermittlung wichtiger politisch und religiös relevanter Themen.
Eine der wichtigen Fragestellungen, die sich aus der Durchsicht verschiedenster Texte, wie z.B. Hymnen und diverser administrativer Dokumente, ergibt, ist ob und in wieweit Sänger auch an der Dichtung bzw. am Verfassen dieser am Hof und im Tempel vorgetragenen Literaturwerke beteiligt waren. Im ersten Jahrtausend v. Chr. existierte zwar die Tradition verschiedene Werke einzelnen Personen zuzuschreiben, allerdings gelten der Weisheitsgott Ea und Herrscher als „Autoren“. Viele königliche Lieder bzw. Hymnen aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. sind in der ersten Person Singular aus der Sicht des Königs stilisiert, der sich als herausragender Sänger, Musiker und Dichter darstellt. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Sänger nicht selbst als Dichter fungieren: Dies kann aus einer Stelle im Proömium der sogenannten Šulgi-Hymne erschlossen werden, in welcher der Dichter und Sänger von sich selbst spricht, den gepriesenen König aber in der in der dritten Person Singular erwähnt.
Diverse Listen, die regelmäßige Geschenke und Lohnzahlungen aus Palästen und königlichen Archiven an Sänger festhalten, lassen schnell erahnen, dass Sänger, nicht nur als „einfache“ Künstler tätig waren, sondern eine wichtige Funktion innerhalb der Oberschicht bzw. der Eliten einnahmen. Welche Interessen verfolgt die politische und religiöse Macht Künstler zu unterhalten? Neben dem ökonomischen Prinzip der „conspicious consumption“, dass „Nutzloses“ unterhalten wurde und dafür Güter ausgegeben werden, geht es insbesondere um die Verankerung des Ansehens des Herrschers in der Gesellschaft. Letzteres wird einerseits durch Geschenke an die Musiker sowie durch die Darstellung des Königs in der Dichtung, mit dem Ziel Wirkung auf Meinungsträger zu erwirken, deutlich. Musik ist die einzige Kunst, die wir als Kunst deutlich im Alten Orient greifen können. Das verdeutlichen viele Listen mit kostbaren Geschenken an Musiker, jedoch nicht an Baumeister, Architekten, Dichter o.a. bildende Künstler. Es geht daher insbesondere um die Darstellung einer sozialen Elite, auf die sich die königliche Herrschaft stützt.
Neben der Position, Kompetenzen und Arbeitsbereiche der Sänger innerhalb der Palasthierarchie sollen auch die im Bereich der Tempelhierarchie umfassend anhand von Keilschrifttexten religiösen Inhalts zu Ritualen und kultischen Feierlichkeiten erörtert werden. Paradigmatisch kann hier anhand von Textquellen die Verankerung der schönen Künste am Königshof dargelegt werden. Eine der zentralen Frage ist, wie sich parallel hierzu eine religiöse Musikpraxis und Dichtkunst am Tempel entwickeln und unabhängig vom Königshof existieren konnte.
Eine diachrone Studie (3. -1. Jt. v. Chr.) zum Berufstand der Sänger, die als sumerisch NAR und akkadisch nāru bezeichnet wurden, soll über ihre bislang noch wenig beachtete (Macht-)Stellung im wirtschaftlichen, kulturell-religiösen und politischen Bereich Aufschluss geben. Aus dem Vergleich ergeben sich wichtige Beobachtungen zur noch nicht in ihrem Gesamtumfang erfassten gesellschaftlichen Stellung der Sänger und Sängerinnen, die mit wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen einhergehen.
Publikationen:
Herausgeberschaft:
R. Pruzsinszky D. Shehata (eds.), Musicians and the Tradition of Literature in the Ancient Near East, Proceedings of the Vienna-workshop in September 2007, Wiener Offene Orientalistik 8, Wien 2010.
Artikel und Buchbeiträge:
R. Pruzsinszky, Die königlichen Sänger als Werkzeug politischer Propaganda, in: R. Pruzsinszky D. Shehata (eds.), Musicians and the Tradition of Literature in the Ancient Near East, Proceedings of the Vienna-workshop in September 2007, Wiener Offene Orientalistik 8, Wien 2010, 95-118.
R. Pruzsinszky, Singers, Musicians and Their Mobility in Ur III Period Cuneiform Texts, in: R. Dumbrill (ed.), Proceedings of the International Conference of Near Eastern Archaeomusicology ICONEA 2009-2010, Gorgias Press 2011, 31-39.
R. Pruzsinszky, The Social Positions of nar-Musicians of the Ur III Period at the End of the 3rd Millennium BC, in: S. Emerit (ed.), Le statut du musicien dans la Méditerranée ancienne: Égypte Mésopotamie, Grèce, Rome, Actes de la table ronde internationale tenue à Lyon Maison de l’Orient et de la Méditerranée (Université Lumière Lyon 2) les 4 et 5 juillet 2008, Lyon, Bibliothèque d’Étude 159, Institut Français d’Archéologie Orientale, Kairo 2013, 31-46.
R. Pruzsinszky, Vielseitig und kreativ: Musikerinnen im Alten Orient, Antike Welt, Verlag Phillip von Zabern 2015/2, 26-31.
R. Pruzsinszky, Musicians and Monkeys, Ancient Near Eastern Clay Plaques Displaying Musicians and their Socio-Cultural Role, in: A. Bellia C. Marconi (eds.), Representations of Musicians in Ancient Coroplastic Art: Iconography, Ritual Contexts, and Functions, TELESTES. Studi e recherché di archeologia musicale nel Mediterraneo 2, Istituti editoriali e poligrafici internazionali: Pisa Roma 2016, 23-34.
R. Pruzsinszky, “The Poor Musician” in Ancient Near Eastern Texts and Images, in: A. Garcia-Ventura, C. Tavolieri und L. Verderame (eds.), The Study of Musical Performance in Antiquity: Archaeology and Written Sources, Cambridge Scholars Publishing 2018, 39-58.
R. Pruzsinszky, Las mujeres y el universo musical en el Próximo Oriente Antiguo, in: A. Garcia-Ventura and J. J. Justel (eds.), Las mujeres en el Oriente cuneiforme, Servicio de Publicaciones de la Universidad de Alcalá 2018, 89-116.
R. Pruzsinszky, “Singing the Rug” or Weaving Singers? The Case of Temple Singers in the Ur III Period, in M. Cifarelli et al. (eds.), Exploring Gender Dynamics across the Ancient Near East, Collected Essays of Gender and Methodology in the Ancient Near East (GeMANE) 4 and 5, wEdge 7 (2025) 241-256.
R. Pruzsinszky, “More than Just Music: The Sociocultural Role of Musicians in the Ancient Near East”, in: M. Mikrakis (ed.), Towards a Social Archaeology of Sound: Music and Related Practices in the Ancient Mediterranean, Bloomsbury Publishing plc (in Vorbereitung).