Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Offener Brief: Gefährdete Arten gehören nicht ins Jagdgesetz

Freiburg, 02.02.2026

Initiative von Forschenden der Universitäten Freiburg und Hohenheim: 20 Expert*innen von neun Forschungseinrichtungen empfehlen in offenem Brief gezieltes Management statt pauschaler Bejagung von gefährdeten Arten.

Ein Wolf in einem Mittelgebirge

Expert*innen von neun Forschungseinrichtungen empfehlen gezieltes Management statt pauschaler Bejagung. Foto: AdobeStock_507733463

Ob Wolf, Biber oder Saatkrähe – eine Bejagung dieser geschützten Tierarten kann Konflikte mit der Landwirtschaft sogar verschärfen. Darauf weisen 20 Forschende aus ganz Baden-Württemberg in einem offenen Brief an die Politik hin. Auch eine Übernahme ins Jagdrecht sehen die Expert*innen kritisch: Sie betonen, dass ein notwendiger Abschuss von Problemtieren dadurch erschwert würde. Um Konflikte mit der Landwirtschaft zu verringern und zugleich diesen ökologisch wichtigen Arten Raum zu geben, plädieren sie für ein gezieltes Management statt pauschaler Bejagung. Es stelle einen Erfolg der Naturschutzpolitik dar, dass es diese gefährdeten Arten wieder in Baden-Württemberg gibt.

Bejagung kann Konflikte sogar verschärfen

Weidetiere, die vom Wolf gerissen wurden, Überschwemmungen durch Biber-Staudämme und Ernteeinbußen durch Saatkrähen: Geschützte Tierarten können massive Konflikte auslösen. Oft wird der Ruf nach vermehrter Bejagung laut. „Doch der Schuss kann nach hinten losgehen und die Probleme sogar verschärfen“, erklärt Prof. Dr. Marco Heurich, Professor für Wildtierökologie und Naturschutzbiologie an der Universität Freiburg und einer der vier Initiatoren der Stellungnahme. „Wenn man Tiere in wachsenden Populationen schießt, werden sie oft schnell durch Artgenossen ersetzt.“ Bei Wölfen im Rudel könne ein Abschuss sogar dazu führen, dass mehr Weidetiere gerissen werden, vermutlich aufgrund einer gestörten Rudelstruktur, wenn Elterntiere getötet werden.

Ein Mann mit kurzem, rotblondem Haar

„Der Schuss kann nach hinten losgehen und die Probleme sogar verschärfen. Wenn man Tiere in wachsenden Populationen schießt, werden sie oft schnell durch Artgenossen ersetzt.“

Prof. Dr. Marco Heurich

Professor für Wildtierökologie und Naturschutzbiologie, Universität Freiburg

Andere Maßnahmen seien wesentlich erfolgreicher, berichtet Mitinitiator Prof. Dr. Johannes Steidle, Tierökologe von der Universität Hohenheim. „Weidehalter in Sachsen-Anhalt zum Beispiel setzen Zäune und Herdenschutzhunde ein. Damit hatten sie – in einer Region mit hoher Wolfsdichte – bei 25.000 Weidetieren in sechs Jahren keinerlei Risse zu verzeichnen.“

Auch bei Biber und Rabenvögeln setzen die Fachleute auf gezieltes Management: „Biber-Leitfaden, Biberbeauftragte oder Verfügungen auf Basis des Naturschutzrechts stellen eine gute Basis dar, um Konflikte ohne das Jagdrecht zu lösen“, so der Experte.

In einigen Fällen sei ein gezielter Abschuss von Problemtieren unumgänglich – und dann müsse dieser unbürokratisch und schnell möglich sein, um die betroffenen Landwirt*innen zu schützen. Die Forschenden befürchten, dass eine Aufnahme der Arten in das Jagdgesetz – wie sie in Baden-Württemberg für den Wolf kürzlich beschlossen wurde – den Abschuss erschwert, denn der Schutzstatus der Arten bleibe davon unberührt. Mit einem Abschussantrag müsste sich daher nicht nur die Naturschutzbehörde, sondern zusätzlich auch noch die Jagdbehörde befassen und zahlreiche betroffene Jagdpächter beteiligt werden.

Betroffene Arten haben wichtige ökologische Funktionen

„Früher gefährdete Arten wie der Saatkrähe sind wieder zahlreich in Baden-Württemberg zu finden, und regional ausgestorbene Arten wie Wolf und Biber sind zurückgekehrt. Und das ist ein großer Erfolg der Naturschutzpolitik“, hält Prof. Dr. Lars Krogmann, Direktor des Naturkundemuseums Stuttgart und Professor an der Universität Hohenheim, fest. „Diese Tiere sind wichtige ökologische Schlüsselarten. Der Wolf etwa fördert die Baumverjüngung in Wäldern, der Biber trägt zur Offenhaltung von Feuchtgebieten bei.“

Die Vereinten Nationen haben die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen von 2021 bis 2030 ausgegeben, auch Deutschland und die EU haben sich dieser Agenda verpflichtet. „Baden-Württemberg kann stolz sein auf seine Erfolge im Naturschutz und sollte sie nicht gefährden“, so Krogmann.

Kontakt

Hochschul- und Wissenschaftskommunikation

Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de