Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

„Das Bild des Botanischen Gartens wird sich sehr stark ändern“

Freiburg, 28.07.2026

Verwelkter Rasen, verdorrte Blätter, abgestorbene Äste: Wochenlange Trockenheit und Hitze haben dem Botanischen Garten der Universität Freiburg stark zugesetzt. Direktor Michael Scherer-Lorenzen und Kustodin Friederike Gallenmüller erzählen im Interview, warum sie manche Bäume nicht retten können, wie der Klimawandel den Botanischen Garten langfristig verändern wird und welche neuen Aufgaben er in Zukunft bekommen könnte.

Drei Personen unterhalten sich sitzend auf einer Wiese.
Im Interview sprechen Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen, Professor für Geobotanik an der Fakultät für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens, und Dr. Friederike Gallenmüller, Kustodin des Botanischen Gartens, über die Auswirkungen der wochenlangen Hitze und Trockenheit im Park. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Welche Auswirkungen hat die extreme Trockenheit der vergangenen Wochen auf den Botanischen Garten?

Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen: Der akute Wassermangel macht den Pflanzen schwer zu schaffen. Manche können zwar erst mal gegensteuern, indem sie die Spaltöffnungen ihrer Blätter schließen und so die Wasserverdunstung reduzieren. Das führt aber bei längerer Trockenheit zu einem Dilemma, die Pflanze muss sich sozusagen entscheiden, ob sie verdurstet oder verhungert: Wenn sie die Spaltöffnungen schließt, um Wasser zu sparen, kann sie kein Kohlendioxid mehr aufnehmen, keine Photosynthese mehr betreiben, nicht mehr wachsen und Abwehrstoffe produzieren. Hinzu kommt die Hitze: Die sehr hohen Temperaturen führen ebenfalls zu einer hohen Wasserverdunstung, und sie verursachen bei manchen Pflanzen Hitzeschäden. Wenn die Bäume die Spaltöffnungen schließen, dann fällt auch die Verdunstungskühlung weg und das Blatt kann sich noch stärker erhitzen. Dann versengen Blätter regelrecht, verfärben sich oder werden sogar frühzeitig abgeworfen. Und bei manchen Bäumen löst sich die Borke ab.

Droht auch ein Verlust alter Bäume?

Dr. Friederike Gallenmüller: Ja, in dramatischem Ausmaß. Früher hat es uns weh getan, wenn wir einen einzelnen Baum etwa durch einen Sturm verloren haben – inzwischen sehen wir überall Bäume, die wir nicht mehr erhalten können.

Könnten Sie diese Bäume nicht durch Gießen retten?

Gallenmüller: Das würden wir gerne – aber wir sind in einer hilflosen Lage. Wir haben zwar Sammelsysteme für Regenwasser, aber die reichen inzwischen bei weitem nicht mehr aus und sind bei einer solchen Trockenheit sehr schnell leer. Wir haben auch einen Tiefbrunnen, der aber ständig leerläuft und kaum mehr Wasserdruck erzeugt. Für Trinkwasser gibt es verständlicherweise strikte Entnahmebeschränkungen. Und selbst wenn genug Wasser da wäre, hätten wir nicht die personelle Ausstattung, um alle Pflanzen ausreichend zu wässern.

Scherer-Lorenzen: Ein großer Laubbaum kann – abhängig von Art, Kronengröße und Witterung – an einem heißen Sommertag mehrere Hundert Liter Wasser verdunsten, in Einzelfällen bis zu rund 1.000 Liter pro Tag. Man kann sich leicht vorstellen, dass wir diese Mengen nicht täglich jedem Baum im Garten als Gießwasser zur Verfügung stellen können.

Gallenmüller: Wir müssen eine Wahl treffen, welche Pflanzen wir noch bewässern können und welche wir sterben lassen.

Ein Teich im Vordergrund und im Hintergrund sieht man eine dürre Wiese mit Bäumen.
Die Folgen der wochenlangen Trockenheit und Hitze sind auch im Botanischen Garten der Universität Freiburg deutlich zu erkennen. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg
Ein mit Absperrband abgesperrter Weg im Botanischen Garten Freiburg.
Manche Flächen im Botanischen Garten mussten aufgrund abgestorbener Äste, die brechen und abstürzen, sogenanntem Trockenbruch, in diesem Sommer sogar gesperrt werden. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Manche Flächen im Botanischen Garten sind zurzeit sogar abgesperrt…

Gallenmüller: Das hat Sicherheitsgründe: Äste, die schon abgestorben sind, können brechen und abstürzen, wir nennen das Trockenbruch.

Was sind die langfristigen Folgen dieser Situation?

Scherer-Lorenzen: Das Bild des Botanischen Gartens wird sich in den nächsten Jahrzehnten sehr stark ändern. Wir haben ein Konzept entwickelt, um den Umbau des Gartens in Angriff zu nehmen. Dazu gehört vor allem eine andere Auswahl von Pflanzenarten. Wir müssen auf die neue klimatische Qualität reagieren – was in der Natur durch natürliche Prozesse passiert, gehen wir hier gärtnerisch an, indem wir uns überlegen, welche Arten besser an die Trockenheit angepasst sind. Wahrscheinlich wird sich langfristig ein offeneres, eher savannenartiges Landschaftsbild des Gartens entwickeln.

Im Botanischen Garten wachsen viele verschiedene Pflanzen unterschiedlichster Herkunft. Unterscheiden sie sich auch in ihren Reaktionen auf Hitze- und Trockenstress?

Scherer-Lorenzen: Ja, das tun sie – der Botanische Garten ist wie ein Labor, in dem wir sehen können, wie welche Arten reagieren. Wir haben hier zum Beispiel eine mediterrane Steineiche, der es momentan sehr gut geht, weil sie an Trockenheit angepasst ist, allerdings ist sie bei Frost recht empfindlich. Besonders spannend für eine künftige Gartengestaltung sind Arten, die aus Übergangsgebieten zwischen Wald und Steppe mit kontinentalem Klima stammen und kalte Winter, aber auch sehr heiße, trockene Sommer gewöhnt sind. Die Baum-Hasel aus Kleinasien zum Beispiel kann auch auf kargen, trockenen Böden mächtige Stämme bilden, die Libanon-Zeder ist in diesem Zusammenhang interessant, auch die Zerr-Eiche. Oder manche Buchenarten aus wärmeren Regionen, die mit unseren Buchen nah verwandt sind. Unsere Erfahrungen fließen natürlich in die Gartengestaltung ein, sie könnten aber auch bei der Auswahl künftiger Stadtbäume helfen, die von dieser Problematik ja ebenso betroffen sind.

Portrait von Dr. Friederike Gallenmüller.

„Unsere hiesigen Regionen tragen erheblich zum Klimawandel bei, aber bisher waren die Auswirkungen eher anderswo zu spüren. Jetzt beginnt es, dass die Folgen auch hier ankommen und wir sie immer deutlicher sehen und erfahren.“

Dr. Friederike Gallenmüller

Kustodin des Botanischen Gartens, Universität Freiburg

Was kann man aus all dem über die Folgen des Klimawandels lernen?

Gallenmüller: Unsere hiesigen Regionen tragen erheblich zum Klimawandel bei, aber bisher waren die Auswirkungen eher anderswo zu spüren. Jetzt beginnt es, dass die Folgen auch hier ankommen und wir sie immer deutlicher sehen und erfahren.

Scherer-Lorenzen: In unserem Exzellenzcluster „Future Forests“ an der Universität Freiburg forschen wir dazu, wie in Zukunft die Wälder in unseren Regionen aussehen, welche Baumarten sie prägen werden. Auf sandigen Böden in der Oberrhein-Ebene im Raum Karlsruhe zum Beispiel gibt es jetzt schon Flächen, auf denen kein Waldbewuchs mehr möglich ist, weil es einfach zu trocken und zu heiß ist: Dort kommen keine Bäume mehr hoch, da haben wir jetzt schon savannenartige Systeme. Wir untersuchen auch die molekularen und physiologischen Mechanismen, warum der eine Baum abstirbt, der andere nicht – manchmal haben wir solche Unterschiede sogar bei denselben Arten im selben Bestand, das ist hoch spannend. Und der Botanische Garten ist eine Art Schaufenster für all diese Entwicklungen und unsere Forschungen dazu.

Portrait von Prof. Dr Michael Scherer-Lorenzen.

„Wir müssen auf die neue klimatische Qualität reagieren – was in der Natur durch natürliche Prozesse passiert, gehen wir hier gärtnerisch an, indem wir uns überlegen, welche Arten besser an die Trockenheit angepasst sind. Wahrscheinlich wird sich langfristig ein offeneres, eher savannenartiges Landschaftsbild des Gartens entwickeln.“

Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen

Professor für Geobotanik an der Fakultät für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens, Universität Freiburg

Was braucht der Botanische Garten in Zukunft?

Gallenmüller: Neben der langfristigen Umgestaltung des Gartens müssen wir die Wassertechnik von Grund auf erneuern, wir brauchen ein sehr viel effizienteres und nachhaltigeres System. Die Königslösung wäre eine unterirdische Tröpfchenbewässerung, damit möglichst wenig Wasser verdunstet und der Arbeitsaufwand zu bewältigen ist. An einigen wenigen Stellen im Garten konnten wir so etwas schon realisieren – auch mithilfe von Spenden von Alumni der Universität sowie aus der Bürgerschaft. Dafür sind wir sehr dankbar. Auch der Freundeskreis des Botanischen Gartens hilft uns sehr.

Scherer-Lorenzen: Um es auf einen Nenner zu bringen: Klimaanpassung ist arbeitsaufwändig und kostet viel Geld. Vielleicht brauchen wir in Zukunft auch so etwas wie Crowdfunding für den Garten…

Gallenmüller: Unser Garten ist täglich geöffnet und kostet keinen Eintritt. Und wir tragen zum Naturschutz und zur Bildung bei, wir haben Schulklassen und Kindergärten hier zu Besuch, wir machen Veranstaltungen und Führungen, wir informieren zum Beispiel über Naturschutz, Nachhaltigkeit und Klimawandel. Das alles gehört zu meinen Lieblingsaufgaben, ist aber auch sehr aufwändig.

Scherer-Lorenzen: Außerdem sind Botanische Gärten ja auch ein Mosaiksteinchen bei den globalen Anstrengungen, Biodiversität zu erhalten. Für Zoos ist die Funktion, bedrohte Tierarten zu schützen, ja gut bekannt. Wir wollen das hier bei uns im Garten für bedrohte Pflanzenarten zukünftig noch stärker tun.

Dr. Friederike Gallenmüller

Dr. Friederike Gallenmüller ist Biologin und seit 2003 Kustodin des Botanischen Gartens. Zu ihren Aufgaben gehören die wissenschaftliche Betreuung der Pflanzensammlungen, Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und Lehrtätigkeiten.

Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen

Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen ist seit April 2026 Direktor des Botanischen Gartens. Er ist Professor für Geobotanik an der Fakultät für Biologie der Universität Freiburg sowie Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Future Forests“ und des fakultätsübergreifenden „Centre for Planetary Health“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Biodiversität und Ökosystemfunktionen, die Ökologie des Globalen Wandels, Ökoakustik und die Beziehungen zwischen Natur und menschlicher Gesundheit.

Weitere Informationen

Wer spenden möchte, kann sich gerne an den Freundeskreis des Botanischen Gartens  https://uni-freiburg.de/botanischer-garten/freundeskreis/ oder direkt an die Gartendirektion wenden:

Botanischer Garten der Universität Freiburg
z. Hd. Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen

Schänzlestr. 1
79104 Freiburg
+49 761 203 5014
michael.scherer@biologie.uni-freiburg.de

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