„Das Umbruchsgedächtnis nach 1989/90 ist vielstimmig und widersprüchlich“
Freiburg, 02.10.2025
„Neon/Grau“ heißt das Buch, das die Freiburger Historikerin Dr. Anna Lux gemeinsam mit ihrem Kollegen Jonas Brückner geschrieben hat. Erschienen ist es 2025 im Berliner Verbrecher Verlag. Darin fragen sie, welche Geschichten über 1989 und die 35 Jahre seit der Wiedervereinigung in der Popkultur erzählt werden – und welche ostdeutschen Erfahrungsräume sich dabei zeigen. Hervorgegangen ist das Buch aus dem Verbundprojekt „Das umstrittene Erbe von 1989“ an den Universitäten Freiburg und Leipzig.

Frau Lux, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie über die Umbruchszeit 1989/90 in Songs, Filmen und Romanen erzählt wird. Warum heißt das Buch „Neon/Grau“?
Wir haben lange um den Titel gerungen: Wie will man die widersprüchlichen Erfahrungen und Erinnerungen, die sich im Umbruchsgedächtnis finden, auf einen Begriff bringen? Neon verstehen wir als eine historische Farbe: 80er-Jahre-Trash, 90er-Jahre-Techno – eine schrille Un-Farbe, aus der die warmen Töne rausgezogen sind und die sehr viel will… Und Grau sehen wir als eine Zuschreibung: der graue Osten, Tristesse. Aber gleichzeitig ist Grau eben auch alles zwischen Schwarz und Weiß – in dem Buch geht es uns um diese Nuancen und Zwischentöne. Und die finden wir in der populären Geschichtskultur.
Welche Geschichten über 1989/90 und die Folgen kann denn Popkultur erzählen?
Die Idee zum Buch war auch eine Reaktion auf sehr festgefahrene Debatten über „den Osten“ und „den Westen“ und ihr Verhältnis zueinander. Wir wollten keine neue, eindeutige Helden- oder Krisengeschichte erzählen, sondern zeigen, dass es ganz unterschiedliche Geschichten gibt, eine große Breite, Vielstimmigkeit, Widersprüchlichkeit. Im Pop ist davon viel vorhanden – und unser Beitrag als Forschende ist, das sichtbar zu machen, und die Komplexität auszuhalten, ohne sie in die eine oder andere Richtung zu vereindeutigen.
„Wir wollten keine neue, eindeutige Helden- oder Krisengeschichte erzählen, sondern zeigen, dass es ganz unterschiedliche Geschichten gibt, eine große Breite, Vielstimmigkeit, Widersprüchlichkeit.“
Dr. Anna Lux
Historisches Seminar, Universität Freiburg
Welche Besonderheiten bietet Pop als historische Quelle?
Genau gesagt schauen wir uns populäre Geschichtskultur an – also nicht nur zum Beispiel Popmusik, sondern unterhaltende und informierende Darstellungen von Geschichte, in denen es oft auch um Emotionen geht. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hat einmal von „historischen Menschen“ in Romanen gesprochen. Das meint eine fiktive Verdichtung von bestimmten historischen Zeiten, Situationen und Milieus in einer literarischen Figur. Solche „historischen Menschen“ begegnen uns auch in Romanen, Spielfilmen, Songs zu 1989/90 und Umbruchszeit. Durch sie können wir auf Lebenswelten und Emotionen scharf stellen, die wir in klassischen historischen Quellen so nicht sehen.
In Ihrem Buch sind das Geschichten von Verlusten, Aufbrüchen, Utopien; Melancholie steht neben Euphorie…
Uns geht es um Vielstimmigkeit – vielleicht nicht in jedem Werk selbst, aber wenn man die unterschiedlichen Werke nebeneinanderstellt, bekommt man ein gutes Verständnis für die komplexen Erfahrungen dieser Zeit. Im Buch versuchen wir, thematische Schneisen zu schlagen: Wir schauen auf multiple Verunsicherungen, auf Utopie und Utopieverlust, auf den ländlichen Raum, auf Jugend im Umbruch, auf Geschlechterperspektiven, auf Vereinigung und Fremd-Werden…
Welche Themen fanden Sie dabei besonders spannend?
Sehr interessant fand ich das Thema Verluste. Ich bin in Leipzig aufgewachsen, 1990 war ich elf Jahre alt, für mich war im Umbruch damals vieles aufregend, interessant, auch wild. Wenn ich mir heute mit Mitte 40 vorstelle, dass sich plötzlich alles verändert, dann wird mir klar, wie heftig eine solche Erfahrung auch sein kann. Durch die Beschäftigung mit Romanen und Filmen habe ich nochmal anders verstanden, was es bedeutet, wenn Normalität kippt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film „Good Bye, Lenin!“ von 2003, in dem es auch um Verlust von Normalität und Alltag geht.
„Good Bye, Lenin!“ erzählt diesen Verlust als Komödie…
… und genau das eröffnet uns als Zuschauenden neue Möglichkeiten, uns mit diesen schwierigen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Ein anderes Thema, das mich berührt hat, sind die sogenannten Baseballschläger-Jahre in den 90ern. Ich habe erst später und im Umgang mit den eigenen Kindern verstanden, dass es nicht normal ist, vor Neonazis wegrennen zu müssen… Hierzu fand ich den Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels eindrücklich, der vom Aufwachsen in der brandenburgischen Provinz erzählt, wo sich ehemalige Freunde oder Klassenkameraden innerhalb kürzester Zeit auf der Straße als Feinde gegenüberstanden.
Die Wiedervereinigung ist 35 Jahre her. Wie hat sich seitdem das popkulturelle Erzählen über den Umbruch verändert?
Interessant ist, dass es dazu immer Erzählungen in Film, Literatur und Musik gegeben hat. Manche Themen kamen neu hinzu, andere wurden später wiederentdeckt. Das verstärkte Reden über die „Baseballschläger-Jahre“ etwa hat Mitte der Nullerjahre angefangen. Das hing auch mit dem Aufstieg der AfD zusammen und mit der Frage, was da eigentlich los ist im Osten. Eine wichtige Stimme ist in diesem Zusammenhang Hendrik Bolz. Er ist Rapper bei der ost-west-deutschen Combo „Zugezogen Maskulin“ und hat das autobiografisch geprägte Buch „Nullerjahre“ veröffentlicht, in dem es viel um Gewalterfahrungen geht – auch von denen, die damals Gewalt ausgeübt haben… Ein anderes Feld sind migrantische Perspektiven: Dazu gab es in den frühen 90er Jahren den wichtigen Dokumentarfilm „Bruderland ist abgebrannt“, in dem es um die Situation der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR geht. Später war das lange kein Thema mehr, übrigens auch nicht die Situation westdeutscher migrantischer Communities vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung. Aber ab Mitte der Nullerjahre sind hierzu wichtige Romane entstanden, etwa „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel. Mittlerweile wird das Thema auch geschichtswissenschaftlich behandelt…
„Ich war manchmal überrascht, wie unterschiedlich die Positionen sind. Es wurde aber bei allen deutlich, dass es relevant ist, über diese Erfahrungen und Erinnerungen zu sprechen, darüber zu streiten, sie zu erzählen und einander zuzuhören – das zieht sich bei aller Unterschiedlichkeit durch.“
Dr. Anna Lux
Historisches Seminar, Universität Freiburg
Die Kapitel Ihres Buchs werden ergänzt durch kurze Fragen an Musikerinnen, Regisseurinnen, Autor*innen. Welche Erfahrungen haben Sie bei diesen Kontakten gemacht?
Uns war wichtig, die Vielstimmigkeit der Popkultur auch im Reden darüber aufzugreifen. Ich war manchmal überrascht, wie unterschiedlich die Positionen sind. Es wurde aber bei allen deutlich, dass es relevant ist, über diese Erfahrungen und Erinnerungen zu sprechen, darüber zu streiten, sie zu erzählen und einander zuzuhören – das zieht sich bei aller Unterschiedlichkeit durch.
Wird im Pop auch künftig über 1989/90 erzählt werden – und wenn ja, wie?
Uns hat überrascht, wie viel neues Material seit dem Start unseres Projekts 2018 erschienen ist, wir sind kaum nachgekommen. Rap zum Beispiel war ziemlich produktiv: Kraftklub, Kummer, Zugezogen Maskulin, Der Asiate, Hinterlandgang… Ich denke, dass das Thema auch künftig bleiben wird – Musik, Literatur und Film, auch Podcasts, sind weiter produktiv, da passiert immer noch viel. Interessant finde ich, dass in den letzten Jahren mit Romanen wie „Die Möglichkeit von Glück“ von Anne Rabe der Blick auch wieder zurück auf die DDR geht, nicht nur auf die 90er und 2000er Jahre. Ich wünsche mir, dass die Debatte nicht zur Nabelschau mutiert und der Blick sich weitet. Zum einen finde ich wichtig, dass ein Roman wie „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel aus verschiedenen Blickwinkeln gelesen wird. Darin geht es um Tabus, Konflikte und das Schweigen in Familien, sowohl nach 1945 als auch nach 1990. Das ist ja nicht nur ein Ost-Thema; ich würde mir wünschen, dass solche Werke in einem größeren Kontext rezipiert werden. Zum anderen finde ich Verflechtungsgeschichten zwischen Ost und West sehr spannend – wie etwa in dem Film „Die Unberührbare“ mit Hannelore Elsner. Er erzählt eine Geschichte über die westdeutsche Linke und das Ende der DDR auch als Utopieverlust.
Natürlich hat sich der Alltag im Westen nicht sehr verändert – manche Perspektiven auf das eigene Leben und die Zukunft aber schon…
Anna Lux und Jonas Brückner: Neon/Grau. 1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop. Verbrecher Verlag, Berlin 2025.
Projekt „Das umstrittene Erbe von 1989“
Das Forschungsprojekt „Das umstrittene Erbe von 1989. Aneignungen zwischen Politisierung, Popularisierung und historisch-politischer Geschichtsvermittlung“ ist ein interdisziplinärer Verbund, der an den Universitäten Leipzig und Freiburg angesiedelt ist. Er wurde von 2018 bis 2025 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.