Die Achillesferse der Forschung
Freiburg, 25.06.2026
Im Interview sprechen Prof. Dr. Sylvia Paletschek, Historikerin und Prorektorin für Universitätskultur, und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle, Rechtwissenschaftler und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, über „Wissenschaft zwischen Schutzbedürftigkeit und gesellschaftspolitischer Verantwortung“. Zu diesem Thema nehmen sie am Dienstag, 30. Juni 2026, ab 19:00 Uhr (s.t.) an einer Podiumsdiskussion im Hörsaal 1199 im Kollegiengebäude I teil.

Die Wissenschaftsfreiheit ist im Grundgesetz garantiert, was dazu dienen soll, Forschung und Lehre vor politischer oder ideologischer Einflussnahme zu schützen. Wie schutzbedürftig ist die Wissenschaft heute?
Paletschek: Die Wissenschaft ist sehr schutzbedürftig. Würde sie politisch, ideologisch oder religiös beeinflusst, wäre ein freier Diskurs gefährdet. Zudem ist sie ein langwieriges Gut. Es braucht Ruhe, Zeit und Ressourcen, damit wissenschaftliches Wissen produziert werden kann. Auch die Wissenschaftler*innen sind schutzbedürftig. Die Idee der Wissenschaftsfreiheit gab es bereits vor dem Grundgesetz, erstmals aufgenommen in der Paulskirchenverfassung von 1849. Auch wenn diese Verfassung nicht umgesetzt werden konnte, war die dort formulierte Wissenschaftsfreiheit Vorbild für weitere Verfassungen.
Voßkuhle: Wir haben einen sehr starken Schutz der Wissenschaftsfreiheit in der Verfassung angelegt, sie ist in Artikel 5 Absatz 3 GG schrankenlos gewährleistet. Es gibt nur einige wenige Grundrechte, bei denen das so ist. Die Wissenschaftsfreiheit kann nur mit Blick auf andere kollidierende Verfassungsgüter eingeschränkt werden. Es braucht also einen starken Grund, um sie zu begrenzen. Allerdings ist die Wissenschaft als solche heute stärker unter Druck.
Woran denken Sie dabei konkret?
Voßkuhle: Die Gefahr für die Wissenschaft wird in Zukunft, das sehen wir unter anderem in den USA, von der Kürzung von Mitteln ausgehen. Wenn es für viele Dinge kein Geld mehr gibt, wird sich die universitäre Landschaft verändern. Die Trump-Administration nimmt auf diese Art und Weise Einfluss auf Forschungsthemen. Sie will verhindern, dass Forschung zu so genannten ‚woken‘ Inhalten – zum Beispiel zu Identitätsfragen, Machtstrukturen oder sozialer Ungerechtigkeit – weiterhin stattfindet und Themen behandelt, die aus Sicht der US-Regierung nicht attraktiv sind, wie der Genozid der Urbevölkerung in den USA oder die Geschichte der Sklaverei. Ich erwarte, dass die AfD – sollte sie politisch an die Macht kommen – ebenfalls versuchen wird zu beeinflussen, was an Universitäten geforscht wird.
„Die AfD wird vermutlich der Forschung, die sie als problematisch erachtet, das Geld entziehen. Die Finanzierung ist die Achillesferse der Wissenschaft.“
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle
Rechtwissenschaftler der Universität Freiburg und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts
Was müsste passieren, um der Wissenschaft, trotz der im Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit, zu schaden?
Voßkuhle: Meine Prognose ist, dass die Einflussnahme der AfD nicht über offensichtlich verfassungswidrige Gesetze stattfinden wird, sondern über Geld. Die AfD wird vermutlich der Forschung, die sie als problematisch erachtet, das Geld entziehen. Die Finanzierung ist die Achillesferse der Wissenschaft. Es wäre denkbar, dass eine Landesregierung sagt: Eine Professur zu „Gender und Diversity“ brauchen wir nicht mehr, das Geld dafür wird gestrichen. Oder: Es sollte mehr zur deutschen Nationalgeschichte geforscht werden, dafür aber nicht mehr zur globalen Geschichte. Landesregierungen können das, weil Hochschulpolitik in die Zuständigkeit der Länder fällt. Ich gehe davon aus, dass zwei Legislaturperioden der AfD ausreichen würden, um die Universitäten nachhaltig zu beschädigen.
Wo endet aus Ihrer beider Sicht die Freiheit von Forschenden?
Paletschek: Die Freiheit von Forschung und Forschenden findet ihre Grenze im Grundgesetz und muss in dessen Rahmen stattfinden. Das steht so auch im Passus zur Wissenschaftsfreiheit.
Voßkuhle: Die Menschenwürde ist eine feste Grenze. Ansonsten haben wir es nicht mit einer eindeutigen roten Linie zu tun, sondern mit Kollisionslagen, die im Sinne praktischer Konkordanz aufgelöst werden müssen. Ein Beispiel hierfür ist das Thema Tierversuche, denn auch der Tierschutz ist im Grundgesetz verankert. In solchen Fällen muss abgewogen werden, um angemessene Lösungen zu finden.
„Was man tun kann und muss, ist zu reflektieren, um welche Art von Wissen es sich handelt, was man damit machen kann und welche Verantwortung dieses Wissen mit sich bringt.“
Prof. Dr. Sylvia Paletschek
Historikerin und Prorektorin für Universitätskultur, Universität Freiburg
Viele Forschungsergebnisse können heute „Dual-Use“ sein, also nutzbar für zivile und militärische Zwecke. Dürfen Forschende ihr erarbeitetes Wissen aus ethischen Gründen auch zurückhalten?
Voßkuhle: Das wäre denkbar, aber das eigentliche Problem beginnt vorher, nämlich bei der Frage: Ist diese Form der Forschung an der Universität erlaubt? Wir sehen jetzt gerade beim Krieg in der Ukraine, dass Dinge, die wir erforschen, plötzlich auch für militärische Zwecke relevant sein können. Das reicht vom Einsatz Künstlicher Intelligenz über die Verwendung bestimmter Werkstoffe bis hin zu technischen Vorrichtungen, mit denen man zum Beispiel Drohnen bauen kann.
Paletschek: Man weiß im Vorhinein oft nicht, wofür bestimmte Technologien, Erfindungen oder auch Wissensbestände genutzt werden können. Missbrauch kann man nie von vornherein ausschließen. Was man tun kann und muss, ist zu reflektieren, um welche Art von Wissen es sich handelt, was man damit machen kann und welche Verantwortung dieses Wissen mit sich bringt.
Wo sehen Sie die grundlegende Aufgabe von Universitäten in diesem Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft?
Voßkuhle: Zu dem Spannungsfeld gehört auch, was unter den Stichworten ‚Post-Truth‘ und ‚Reliable Knowledge‘ diskutiert wird. Die Frage ist, ob es so etwas wie Erkenntnis gibt oder ob wir in einer Zeit leben, in der jede Person ihre eigene Wahrheit hat. Bei dieser Diskussion geht es auch um die Zukunft der Universitäten, denn wenn wissenschaftliches Wissen nicht mehr diesen Sonderstatus hat, dann fragt sich die Politik: Warum sollen wir da viel Geld ausgeben, wenn man das doch eigentlich gar nicht braucht?
Paletschek: Als Universität haben wir eine ganz bedeutende Rolle in der Ausbildungs- und Wissensvermittlung, in der Forschung und beim Transfer des Wissens in die Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es dabei, der Gesellschaft zu vermitteln, wofür wir das Wissen brauchen. Wichtig ist auch nachvollziehbar zu machen, dass wissenschaftliche Ergebnisse immer überholt werden können, denn sie sind immer nur eine relative Annäherung an die so etwas wie ‚absolute‘ Erkenntnis.
„Als Universitäten müssen wir uns anstrengen, zeitgemäße Arbeits- und Karrierebedingungen zu schaffen, die den sich wandelnden Bedürfnissen, gerade auch der jüngeren Generation, entsprechen.“
Prof. Dr. Sylvia Paletschek
Historikerin und Prorektorin für Universitätskultur, Universität Freiburg
Eine hohe intrinsische Motivation ist unabdingbar für viele Forschende. Wenn die Wissenschaft nun aber zunehmend unter Druck gerät, was bedeutet das für die Zukunft des Berufs „Wissenschaftler*in“?
Voßkuhle: Der Beruf muss attraktiv bleiben. Das ist nicht einfach unter den Bedingungen, die wir im Augenblick haben. Viele zusätzliche Anforderungen – zum Beispiel das stete Einwerben von Forschungsgeldern und der Aufbau internationaler Netzwerke – müssen erfüllt werden. Wir sehen das auch bei anderen Berufen: Intrinsische Motivation ist da, aber sie ist nicht unendlich. Wenn Sie nicht sehr viel Geld oder soziale Anerkennung bekommen, dann muss es andere Vorteile geben. Zum Beispiel, dass der Alltag freier planbar ist als in anderen Berufen. Das ist für viele Menschen, die in die Forschung gehen, ein großes Privileg, das sie dazu motiviert, sich anzustrengen und eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.
Paletschek: Ich denke, diese intrinsische Motivation ist unabdingbar, sowohl für das Forschen als auch für das Lehren. Wichtig, um diese Motivation aufrechterhalten zu können, sind auch attraktive Karrierewege und -bedingungen. Als Universitäten müssen wir uns anstrengen, zeitgemäße Arbeits- und Karrierebedingungen zu schaffen, die den sich wandelnden Bedürfnissen, gerade auch der jüngeren Generation, entsprechen.
„Demokratie lebt von transparenten Diskussionen über die Gestaltung der Gesellschaft. Dazu braucht es immer Wissen. Ein Großteil dieses Wissens wird an den Universitäten produziert und es ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Demokrat*innen kompetent an demokratischen Prozessen mitwirken können.“
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle
Rechtwissenschaftler der Universität Freiburg und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass in vielen Ländern nicht nur die Wissenschaft unter Druck gerät, sondern auch die Demokratie. Inwiefern sehen Sie da einen Zusammenhang?
Voßkuhle: Demokratie lebt von transparenten Diskussionen über die Gestaltung der Gesellschaft. Dazu braucht es immer Wissen. Ein Großteil dieses Wissens wird an den Universitäten produziert und es ist die Voraussetzung dafür, dass wir als Demokrat*innen kompetent an demokratischen Prozessen mitwirken können.
Prof. Dr. Sylvia Paletschek
Prof. Dr. Sylvia Paletschek ist Professorin für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Seit 2021 übt sie zudem das Amt der Prorektorin für Universitätskultur aus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Frauen- und Geschlechtergeschichte, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte und Geschichtskultur.
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle ist Professor für Öffentliches Recht amInstitut für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Verfassungsrecht sowie Staats- und Rechtstheorie. Von Mai 2008 bis Juni 2020 war er Richter des Bundesverfassungsgerichts. Er leitete das Gericht zunächst als Vizepräsident und ab März 2010 als Präsident.