Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Die Sonne zweimal ernten: Wie Forschende in Freiburg Agri-Photovoltaik voranbringen

Freiburg, 04.03.2026

Mit Agri-Photovoltaik werden Agrarflächen doppelt genutzt: für Landwirtschaft und Energiegewinnung. Zwei Freiburger Forscher erzählen im Interview, wie vielseitig die Technologie ist und in welchem Bereich die Freiburger Agri-PV-Forschung als international führend gilt.

Zwei Männer stehen unter einem herbstlichen Baum

Max Trommersdorf und Tim Krieger von der interdisziplinären Projektgruppe „Agrivoltaics“. Foto: FRIAS/Emily Schlegel

In der interdisziplinären Projektgruppe „Agrivoltaics“ am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) erforschen Wissenschaftler*innen der Universität Freiburg und des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme das Potenzial von Agri-Photovoltaik für die Energiewende. Im Interview erläutern der Sprecher der Projektgruppe, Prof. Dr. Tim Krieger von der Universität Freiburg und Dr. Max Trommsdorff vom Fraunhofer ISE, wie Agri-PV in der Praxis funktioniert, wo die Forschung heute steht und was die FRIAS-Projektgruppe vorhat.

Herr Trommsdorff, was genau versteht man unter Agri-PV?

Max Trommsdorff: Im Kern geht es darum, landwirtschaftliche Produktion und Solarstromerzeugung durch Photovoltaik (PV) auf derselben Fläche zu kombinieren. Äcker, Obstplantagen oder Weiden werden dabei mit Solarmodulen so bebaut, dass darunter oder zwischen den Modulen weiter Landwirtschaft praktiziert werden kann. Je nach Einsatzgebiet sieht das sehr unterschiedlich aus. Über Obstplantagen oder Weinbergen können zum Beispiel dachartige Konstruktionen stehen, durch die man mit Traktoren hindurchfahren kann. Auf Grünland können Module so angeordnet werden, dass Schafe oder Rinder darunter grasen. Es gibt sogar „Aquavoltaik“: In Garnelenfarmen in Vietnam etwa, wo ich geforscht habe, überspannen die Module Wasserbecken, liefern Strom für Pumpen und kühlen zugleich das Wasser.

Wo stehen wir heute bei der Agri-PV – in der Forschung und beim praktischen Einsatz?

Max Trommsdorff: Forschungsseitig ist das Feld in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Weltweit entstehen Demonstrationsanlagen, es gibt eigene Konferenzen und die Zahl internationaler Veröffentlichungen ist von quasi Null vor zehn Jahren auf über 150 pro Jahr gestiegen. Deutschland hat bislang geschätzt einige hundert Megawatt Agri-PV-Leistung, im Vergleich zu ca. 100 Gigawatt gesamter PV-Leistung – das sind weniger als 1 % Agri-PV-Anteil. Es gibt vielversprechende Pionierprojekte – unter anderem eine Anlage eines Winzers am Tuniberg bei Freiburg, der das ohne großen Projektentwickler selbst umgesetzt hat. Es gibt aber auch Vorhaben, bei denen der Agrarteil eher ein Feigenblatt ist. Hier müssen wir als Wissenschaft wachsam sein und solide Methoden liefern, wie die Qualität von Agri-PV transparent und einheitlich bewertet werden kann.

Tim Krieger: Damit Agri-PV sich breit durchsetzt, braucht es passende politische und ökonomische Rahmenbedingungen. Dazu gehören klare Regeln zur steuerlichen Behandlung und Planungssicherheit für Landwirte und Investoren. Die Förderung sollte so gestaltet sein, dass sich gute Projekte rechnen, ohne dass eine Subventionsblase entsteht. Ich sehe darin auch eine Chance für die hiesige Wirtschaft: Standardmodule aus Silizium können in China deutlich billiger hergestellt werden. In Deutschland werden hingegen Spezialtechnologien entwickelt, etwa organische Solarmodule, die in Form von Folien produziert werden und das Lichtspektrum gezielt filtern können. Damit eröffnen sich völlig neue Einsatzzwecke, etwa die gleichzeitige Optimierung von Stromertrag und Pflanzenwachstum. Für diese Art von Technologien zählt Freiburg zu den international führenden Forschungsstandorten.

Eine hochgeständerte Photovoltaikanlage über einem Feld im Sonnenuntergang

Die Agrophotovoltaikanlage der Hofgemeinschaft Heggelbach. Foto: Fraunhofer ISE

Welche Rolle spielt dabei die neue FRIAS-Projektgruppe Agri-PV?

Tim Krieger: Max und ich waren uns schnell einig, dass wir die Stärken von Universität und Fraunhofer ISE zusammenführen müssen. Fraunhofer ISE ist hervorragend darin, anwendungsnah zu forschen, Prototypen zu bauen und sehr präzise zu messen. Auf Versuchsflächen werden zum Beispiel unterschiedliche Modulabstände oder Anstellwinkel getestet und anschließend die Erträge von Strom und Pflanzen systematisch verglichen.

Ein Mann mit Brille und kurzem lockigem Haar

„Für diese Art von Technologien zählt Freiburg zu den international führenden Forschungsstandorten.“

Prof. Dr. Tim Krieger

Sprecher der Projektgruppe „Agrivoltaics“ am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)

Die Universität kann ihre Stärken hingegen bei der Beantwortung von „Warum“-Fragen ausspielen. Während sich die bisherige Forschung an der Uni Freiburg auf Humusaufbau und ökonomische Themen fokussiert, können zukünftig in Zusammenarbeit mit den biologischen Instituten Fragen zum Pflanzenwachstum behandelt werden. Warum wächst eine Pflanze unter einer bestimmten Anlage plötzlich anders? Welche Rolle spielen Lichtspektrum, Temperatur oder Bodenfeuchte? Und warum werden Radieschen unter einer Agri-PV-Anlage teils länglich statt rund – mit negativen Folgen für ihre Vermarktung?

In der Projektgruppe bringen wir Expert*innen aus Biologie, Informatik, Forstwissenschaft, Ökonomie und hoffentlich bald auch weiteren Disziplinen wie der Rechts- und Verhaltenswissenschaft zusammen, um Antworten zu finden und neue Fragen zu stellen.

Was fanden Sie bei Ihrer bisherigen interdisziplinären Arbeit in der FRIAS-Projektgruppe besonders interessant?

Max Trommsdorff: Für mich war vor allem beeindruckend, wie die Biolog*innen auf das Thema reagiert haben. Als sie hörten, dass es organische Solarzellen gibt – also dünne, flexible Folien, mit denen man in der Zukunft beeinflussen könnte, welche Spektren des Lichts hindurchgelassen werden –, haben sofort viele Forschungsfragen aufgeleuchtet: Wie wirkt ein verändertes Lichtspektrum auf Photosynthese, Blüte oder Schädlingsbefall? Bisher optimieren wir Solarzellen vor allem auf maximalen Stromertrag. In Agri-PV-Systemen könnten wir sie so designen, dass sie zugleich optimale Lichtbedingungen für bestimmte Pflanzen schaffen. Das ist ein komplett neues Spielfeld für die Zusammenarbeit von Physik und Biologie.

Ein Mann mit Bart

„Bisher optimieren wir Solarzellen vor allem auf maximalen Stromertrag. In Agri-PV-Systemen könnten wir sie so designen, dass sie zugleich optimale Lichtbedingungen für bestimmte Pflanzen schaffen. Das ist ein komplett neues Spielfeld für die Zusammenarbeit von Physik und Biologie.“

Dr. Max Trommsdorff

Fraunhofer ISE

Tim Krieger: Spannend war auch der transdisziplinäre Impuls. Arnim Wiek, der derzeit eine Humboldt-Professur für Nachhaltige Ernährungswirtschaft am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Freiburg innehat, hat Impulse gegeben, wie wir regionale Unternehmen und die Öffentlichkeit frühzeitig einbinden könnten. Aus anderen Bereichen der Energiewende wissen wir, dass es einen kritischen Punkt gibt: Wenn Menschen das Gefühl haben, ihnen werde etwas „übergestülpt“, ist Vertrauen kaum wiederzugewinnen. Wir haben wirklich direkt gemerkt: Das Thema hat so viele Facetten, dass es Anschluss an viele andere Fachdisziplinen wie die Rechts- und Verhaltenswissenschaften hat, die noch gar nicht vertreten sind. Mit der FRIAS-Projektgruppe haben wir gute Voraussetzungen, neue Allianzen zu bilden.

Über die FRIAS-Projektgruppe

Mit dem Förderprogramm „FRIAS Projektgruppen“ stärkt das Freiburg Institute for Advanced Studies die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der Universität Freiburg. In dem Format werden Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengebracht, um zukunftsweisende Forschungsideen in einem sehr frühen Stadium zu entwickeln. Das Programm bietet Raum für experimentelle Ansätze und neue Perspektiven jenseits etablierter Forschungsstrukturen. Die Förderphase der FRIAS-Projektgruppe Agrivoltaics läuft von Oktober 2025 bis Dezember 2026.

Über Tim Krieger

Prof. Dr. Tim Krieger ist Wilfried-Guth-Professor für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik an der Universität Freiburg. Er ist Sprecher der FRIAS-Projektgruppe Agrivoltaics und von Oktober 2025 bis Februar 2026 FRIAS Rector’s Fellow. Krieger beschäftigt sich an der Schnittstelle von Ökonomie und Politikwissenschaften mit Fragen der Konflikt- und Migrationsforschung sowie Entwicklung und institutionellem Wandel. Seit 2020 leitet er ein wirtschaftswissenschaftliches Teilprojekt im BMFTR-geförderten Verbundprojekt „Agri-Photovoltaik für Mali und Gambia: Nachhaltige Stromproduktion durch integrierte Nahrungsmittel-, Energie- und Wassersysteme“.

Über Max Trommsdorff

Dr. Max Trommsdorff leitete bis August 2025 am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE die Forschungsaktivitäten zur Agri-PV und befindet sich seitdem im Sabbatjahr. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg und promovierte 2023 bei Tim Krieger zur techno-ökonomischen Bewertung von Agri-PV-Systemen. Als Mitglied der FRIAS-Projektgruppe Agrivoltaics arbeitet er daran, Ingenieurwissenschaft, Agrarwissenschaft und andere natur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen für das Thema zu begeistern. Er zählt zu den prägenden Akteuren der internationalen Agri-PV-Forschung, ist Ko-Initiator der ersten internationalen Konferenz zu diesem Themenfeld und wissenschaftlicher Chair der AgriVoltaics2025.

Kontakt

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