Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Erinnerungskultur und das Hauptgebäude der Universität, Kollegiengebäude I

Das Kollegiengebäude I der Universität Freiburg: Baudenkmal und Zeitzeuge

Am und im Kollegiengebäude I befinden sich historische Denkmäler und Inschriften, die die Geschichte der Universität spiegeln und den jeweils zeitgenössischen Umgang der Universität mit ihrer Vergangenheit zeigen. Dadurch ist das Gebäude sowohl Baudenkmal als auch historischer Ort und Zeitzeuge. Die historischen Spuren dienen der Erinnerungsarbeit, die die wechselvollen Ereignisse der universitären Vergangenheit zum Gedenken und zur Mahnung vergegenwärtigen.

Die Errichtung des Gebäudes

Ein altes Foto mit einem alten ehrwürdigen Gebäude
Das Universitätshauptgebäude (heute Kollegiengebäude I) um 1920. Foto: Universitätsarchiv D0015/872

Mit dem starken Anwachsen der Studierendenzahlen im späten 19. Jahrhundert benötigte die Universität Freiburg neue Gebäude. An der Stelle der ehemaligen Rempartkaserne am Rande der Altstadt entstand 1903 zunächst die neue Universitätsbibliothek, das heutige Kollegiengebäude IV. Anschließend wurde das Universitätshauptgebäude, das heutige Kollegiengebäude I, errichtet.

Die Grundsteinlegung des Kollegiengebäudes I erfolgte 1906 unter Großherzog Friedrich I. von Baden. Der Architekt Friedrich Ratzel hatte das Bauwerk im Stil des Historismus konzipiert. Nach dem Tode Ratzels 1907 führte Hermann Billing den Bau im zeitgenössischen Jugendstil auf dem ursprünglichen Grundriss fort. Die Einweihung und Inbetriebnahme fand am 28. Oktober 1911 im Beisein von Großherzog Friedrich II. von Baden, der seinem Vater im Amt gefolgt war, statt (vgl. Abb. 1).

Diese Vorgänge bringt die zeitgenössische Inschrift über dem Hauptportal zum Ausdruck: AEDEM A PATRE STUDIIS DEDICATAM EREXIT FRIDERICUS II. (Das Bauwerk, vom Vater [Friedrich I.] den Wissenschaften gewidmet, hat Friedrich II. errichtet).

Leitspruch der Wissenschaften, antike Geistesgrößen und metaphorischer Menschheitsbezug

In der Mitte der Westfassade des Kollegiengebäudes I wurde als Motto DIE WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN eingraviert. Der im Jahr 1909 einstimmig im Senat angenommene Vorschlag zur Wahl dieser Inschrift kam vom Historiker Alfred Dove und der Baukommission. Mit dem bekannten Bibelzitat aus dem Johannesevangelium (Joh. 8, 32b) wurde die religiöse Dimension des Wahrheitsbegriffs zwar angedeutet, aber zeitgenössisch bewusst geweitet. In Anlehnung an die Antike und den Deutschen Idealismus wurden Wahrheit und Freiheit als Leitgedanken der Wissenschaften begriffen und so verstanden, dass die von den modernen Wissenschaften hervorgebrachte Wahrheit die Menschen befreien würde. Die einst beidseitig der Inschrift aufgestellten Statuen der Wahrheit und der Freiheit von Wilhelm Gerstel verbildlichten den Leitgedanken. Beide Statuen gingen im Zweiten Weltkrieg verloren.

Im Jahr 1921 ließ die Universität am Gebäudehaupteingang zwei Bronzestatuen von Cipri Adolf Bergmann errichten: Homer und Aristoteles (gegossen 1915). Damit betonte sie die Hinwendung zu säkularen Wissenschaften. Die Bronzestatuen sollten deren bis in die vorchristliche Antike zurückreichende Traditionslinie versinnbildlichen. Die Universität schlug damit eine Brücke zur 1912 geschaffenen Ausstattung im Inneren des Kollegiengebäudes I mit Bezug zur antiken Mythologie. Das monumentale Fresko im Vorraum über dem Eingang der Aula zeigt Prometheus. Das Werk Prometheus bringt den Menschen das Feuer von Hans Adolph Bühler lässt sich als Darstellung der Befreiung der Menschheit durch wissenschaftliches und technisches Wissen verstehen.

Ausführlich zur Inschrift siehe: Gerhard Kaiser: Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Freiburger Universitätsdevise – ein Glaubenswort als Provokation der Wissenschaft, in: Ludwig Wenzler (Hg.): Welche Wahrheit braucht der Mensch? Wahrheit des Wissens, des Handelns, des Glaubens. Freiburg i.Br.: Katholische Akademie, 2003 (Tagungsberichte der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg), S. 47-103, online abrufbar.

Propagandistische Umgestaltung im Nationalsozialismus

Am 10. Juli 1934 zerstörte ein Brand den Dachstuhl des heutigen Kollegiengebäudes I. Die Reparaturarbeiten nutzte die Universitätsleitung zur Aufstockung und zur Umgestaltung des damaligen Universitätshauptgebäudes im nationalsozialistischen Sinn. An der Südwestecke wurde über dem Relief mit dem Universitätspatron Hieronymus, dem Repräsentanten der mittelalterlichen Universität, der Reichsadler mit Hakenkreuz angebracht.

Im Jahr 1936 erhielt der neu aufgestockte Teil des Gebäudes auf Geheiß des damaligen Kultusministers eine propagandistische Inschrift. Führende Universitätsangehörige, darunter von Rektor Eduard Kern aufgeforderte Dekane und ausgewählte Professoren, hatten sich zuvor an den Formulierungsvorschlägen beteiligt. Die neue nationalsozialistische Widmung lautete Dem ewigen Deutschtum. Sie wurde oberhalb des Haupteingangs über den Bronzestatuen Homers und Aristoteles‘ und der ursprünglichen Stiftungsinschrift für Großherzog Friedrich II. in vergoldeter Frakturschrift weithin sichtbar eingraviert. Die links von dieser Widmung als Kommentar eingemeißelte Bauinschrift nach dem Brande 1934 / aufgestockt 1935-36 sollte die Unterstützung von Universität und Wissenschaft durch das nationalsozialistische Regime betonen (vgl. Abb. 2).

Ein altes Foto mit einem altehrwürdigen Gebäude
Das Universitätshauptgebäude (Kollegiengebäude I) nach der Aufstockung um 1938. Foto: Universitätsarchiv D0015/552

Entfernung nationalsozialistischer Symbole und Ausstattungselemente nach 1945

Ein altes Foto mit einem hohen großen Saal mit zwei Hakenkreuzfahnen
Die Aula mit Führerbüste und nationalsozialistischen Emblemen. Foto: Universitätsarchiv D0015/839

Nach Kriegsende entfernten die französischen Alliierten die nationalsozialistischen Relikte und Motive aus den Innenräumen der Universität. Dazu zählten Hakenkreuzsymbole, eine Führerbüste und Wandgemälde mit nationalistischen Themen (vgl. Abb. 3). So wurde auch das Relief von Albert Leo Schlageter, einem von den Nationalsozialisten als Märtyrer verehrten Freikorpskämpfer, abgetragen, das sich im ersten Obergeschoss gegenüber dem Denkmal für die gefallenen Universitätsangehörigen des Ersten Weltkriegs befand. An der Außenfassade des Kollegiengebäudes I beseitigten die französischen Alliierten ebenfalls Symbole des Nationalsozialismus. An der Südwestecke entfernten sie Reichsadler und Hakenkreuz sowie an der Südfassade das Gold aus den Buchstaben der Inschrift Dem ewigen Deutschtum (vgl. Abb. 4). Die Gravur selbst wurde als Mahnmal stehen gelassen und ist heute noch lesbar.

Hinsichtlich der Inschrift kamen bei Universitätsmitgliedern wie auch in der Öffentlichkeit immer wieder Fragen auf, da sie nicht in ihrer Funktion als Mahnmal erkannt wurde. Es ist in den letzten Jahrzehnten mehrfach diskutiert worden, ob die Inschrift nicht doch ganz entfernt werden sollte und man hat sich wiederholt für deren Beibehaltung entschieden. Diese Entscheidung traf die Universität bewusst: Die Inschrift soll als mahnende Erinnerung an den freiwilligen Einsatz und die Indienstnahme von Universität und Wissenschaft im Nationalsozialismus dienen.

Das Kollegiengebäude I nach dem Wiederaufbau, ca. 1960. Foto: Universitätsarchiv D0015/685

Erinnerung an die Gefallenen der Weltkriege

Das einstige Universitätshauptgebäude beinhaltet eine Vielzahl zeitgenössischer Denkmäler mit nationalgeschichtlichem Bezug. Im Inneren befindet sich eine historische Porträtbüste des einstigen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Mit einer Namenstafel erinnert die Universität an Gefallene im Ersten Weltkrieg und gedenkt mit einer Inschrift Den Opfern von II. Weltkrieg und Gewaltherrschaft.

Außerhalb des Gebäudes wurde nach dem Ersten Weltkrieg an der Südwestecke unterhalb des Hieronymus-Reliefs ein hoher Pfeiler errichtet. Darauf fand die Skulptur der Trauernden Alma Mater Platz, die an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert (Abb. 5). Die Skulptur, 1928 von Arno Rickert erschaffen, erhielt nach 1945 eine Erweiterung durch eine Inschrift zum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege. Eine Erinnerung an die Weltkriege stellen auch die an der Außenfassade des heutigen Kollegiengebäudes I noch sichtbaren Einschüsse und Granateinschläge dar. Die Universität verzichtet bewusst auf deren Ausbesserung, um damit die Erinnerung an die Zerstörungen und die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs wach zu halten.

Ein altes Foto mit einer Skulptur vor einem herrschaftlichen Gebäude
Die Skulptur der trauernden Alma Mater. Foto: Universitätsarchiv D0015/472

Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Universitätsmitglieder

Innenansicht der altertümlichen Eingangshalle des Kollegienbeäudes I mit Marmorsäulen und einer Inschrift an der Wand.
Das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus unter Freiburger Universitätsangehörigen im Kollegiengebäude I, Aufnahme ca. 2015. Foto: Sandra Meyndt / Universität Freiburg.

Seit 2005 befindet sich in der Eingangshalle des Kollegiengebäudes I ein eindrucksvoll gestaltetes Mahnmal des Künstlers Marcel Odenbach (Abb. 6): Über die gesamte Länge der Südwand hinweg, gedenkt die Universität in Trauer und mit Scham namentlich ihrer Angehörigen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.