Forschung beleuchtet moderne Mythenerzählungen
Freiburg, 13.05.2026
Seit 2025 erforscht Dr. Anna-Rose Shack im Projekt DERIVATE, wie vormoderne Texte im zeitgenössischen englischsprachigen Theater neu erzählt werden. Im Interview spricht sie über die anhaltende Faszination von Mythen und Sagen und die heilende Funktion von Neuerzählungen. Mit Studierenden der Universität Freiburg erarbeitet sie außerdem eine Theater-Neuerzählung von Ovids „Heroiden“. Die Premiere findet am 21. Mai 2026 im Peterhofkeller statt.

Wie und warum erzählen wir Geschichten neu und wessen Stimmen werden gehört? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Anna-Rose Shack seit 2025 im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten und von Prof. Dr. Eva von Contzen geleiteten Projekts DERIVATE. Dieses untersucht, wie Texte in der gegenwärtigen englischsprachigen Literatur neu erzählt werden und welche kulturelle sowie geschichtliche Bedeutung diese Neubearbeitungen haben.
Shacks Forschung konzentriert sich auf Neuerzählungen des Trojanischen Krieges im zeitgenössischen englischsprachigen Theater. Von besonderem Interesse ist für die Anglistin, wie Gender, Verletzlichkeit und Fürsorge auf der Bühne inszeniert und verhandelt werden. Die Analyse verschiedener Texte verknüpft Shack mit praktischer und wissensvermittelnder Forschung. Unter dem Titel „The War“ erarbeitet sie gemeinsam mit Studierenden der Universität Freiburg eine Theateraufführung, die auf einer Neuinterpretation der „Heroiden“ des römischen Dichters Ovid basiert. Diese Texte umfassen fiktive Briefe von überwiegend mythologischen Frauenfiguren an ihre abwesenden oder untreuen Ehemänner und Geliebten. Die Premiere findet am 21. Mai 2026 im Peterhofkeller statt.
Frau Shack, warum sind Mythen- und Sagenerzählungen heutzutage so beliebt?
Ich denke, das liegt teilweise daran, dass sie prägende, universelle Themen wie Liebe, Verlust, Verrat, Ehrgeiz und Krieg behandeln. Diese Themen ziehen sich durch die Jahrhunderte und wir begegnen ihnen in allen möglichen Arten, Formen und Genres der Literatur. Heute wenden sich viele Autor*innen griechischen Mythen – insbesondere dem Trojanischen Krieg – zu, um gegenwärtige politische und gesellschaftliche Fragen zu beleuchten, etwa Geschlechterrollen, Sexualität, Selbstbestimmung oder heutige Erfahrungen von Krieg.
Haben Sie bereits erste Hinweise darauf warum wir diese Geschichten immer wieder neu erzählen?
Das ist etwas, das wir als Team im Projekt DERIVATE noch erforschen. In meiner eigenen Arbeit interessiert mich besonders die Vorstellung, dass Neuerzählungen eine reparierende, also heilende oder wiederherstellende Funktion erfüllen können. Durch die Neuinterpretation von Mythen und Sagen entsteht beispielsweise ein Raum, in dem bislang übersehene Perspektiven in den Vordergrund treten: Autor*innen haben die Möglichkeit, Machtverhältnisse neu zu schreiben und moralische Ambivalenzen auszuloten. Darüber hinaus können Neuerzählungen ethisches Nachdenken über Konzepte wie Verletzlichkeit, Fürsorge oder Frieden anregen. Ein Teil meiner Forschung untersucht zum Beispiel, wie Neuerzählungen zur Förderung von Friedensbildung (peace literacy) beitragen können.
„Durch die Neuinterpretation von Mythen und Sagen entsteht ein Raum, in dem bislang übersehene Perspektiven in den Vordergrund treten: Autor*innen haben die Möglichkeit, Machtverhältnisse neu zu schreiben und moralische Ambivalenzen auszuloten. “
Dr. Anna-Rose Shack
Postdoktorandin am Lehrstuhl für englische Literatur, einschließlich mittelalterlicher Literatur, Englisches Seminar, Universität Freiburg
Welche Rolle spielt das Theater?
Im Vergleich zu anderen Medien eignet sich das Theater besonders gut dafür, eine Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven zu eröffnen. Zugleich schafft es einen einzigartigen Raum der Interaktion. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von Text, Schauspieler*innen und Publikum. Diese Beziehungen sind stark emotional geprägt und beziehen mitunter sogar das Publikum in das Bühnengeschehen ein.
Die derzeitige Theaterproduktion zu „The War“ ist Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Was hat Sie an Ovids Texten besonders gereizt?
Bereits zu seiner Zeit eröffnete Ovid mit seinen „Heroiden“ eine ungewöhnliche Perspektive, indem er Frauen eine Stimme gab und weibliche Sichtweisen in einer männlich dominierten Literaturlandschaft ins Zentrum stellte. Die moderne Adaption seines Textes, die die Grundlage unseres Theaterstücks bildet, knüpft an Ovids Werk an und hinterfragt es zugleich kritisch. Im Zentrum stehen dabei insbesondere die Kraft und Schönheit weiblicher Verletzlichkeit sowie die vielfältigen Möglichkeiten, weibliche Handlungsmacht zu gewinnen und zu sichern. Mit unserem Theaterstück möchten wir das Publikum sowohl mit Ovid als auch mit der Kraft der Neuerzählung vertraut machen. Wir laden unsere Zuschauenden dazu ein, über die vielfältigen Weisen nachzudenken, in denen diese mythologischen Frauen Liebe und Verlust erfahren – und sich davon vielleicht auch berühren zu lassen.

Die Arbeit mit den Studierenden nimmt hierbei bestimmt einen großen Teil ein…
Auf jeden Fall! Die Theaterproduktion ist nicht nur Teil meiner Forschung, sondern steht auch in engem Zusammenhang mit meinem Interesse an Theaterpädagogik. Die Studierenden sind sehr engagiert und haben bisher vielfältige kreative Perspektiven in das Stück eingebracht. Das hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Ovids Monologe inszeniert werden können.
Worauf freuen Sie sich, wenn Sie an die kommende Projekt- und Arbeitszeit an der Universität Freiburg denken?
Auf die weitere Zusammenarbeit mit meinen Kolleg*innen sowie mit den Studierenden am Englischen Seminar und darüber hinaus. Ich habe ein sehr unterstützendes und inspirierendes Umfeld in Freiburg gefunden und freue mich auf die kommenden Projekte, Konferenzen und gemeinsamen Publikationen des DERIVATE-Teams!



Studierende bei einer Theaterprobe zu „The War“.
Fotos: Silvia Wolf / Universität Freiburg
Zur Theateraufführung „The War“
Wann: Donnerstag, 21. Mai 2026, 19:30 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr), Freitag, 22. Mai 2026, 13:00 Uhr (Einlass ab 12:30 Uhr) sowie 19:30 Uhr (Einlass ab 18:30 Uhr)
Wo: Peterhofkeller, Niemensstraße 10, 79098 Freiburg im Breisgau
Der Eintritt ist kostenlos. Eine Ticketreservierung ist notwendig.
DERIVATE
Das Projekt „Retelling and Repetition: Towards a Literary History of Derivation“ (DERIVATE) wurde 2023 vom Europäischen Forschungsrat mit einem Consolidator Grant ausgezeichnet und erhält eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro über fünf Jahre. Unter der Leitung von Prof. Dr. Eva von Contzen untersucht das Projekt, wie vormoderne Texte heute aufgegriffen, verändert und neu erzählt werden. Ziel ist es, das Nacherzählen als eine kulturell und historisch bedeutsame Praxis zu beschreiben und die Literaturgeschichte selbst als eine Geschichte der Adaptionen zu verstehen.
Freiburger Studierenden-Theater
An der Universität Freiburg gibt es sechs studentische Theatergruppen, in denen interessierte Studierende mitwirken können. Einen Überblick über kommende Veranstaltungen, Spielorte und die festen Gruppen bietet der Verein Fist*e.V. (Freiburger Interessenverband für studentisches Theater), der die gemeinsamen Interessen der studentischen Theatergruppen gegenüber der Universitätsverwaltung vertritt.