Eine „Hyperrealität“ verstehen: Neue Perspektiven auf die Geschichte des Kapitalismus

Freiburg, 31.07.2026

Zwei hochrangig besetzte Veranstaltungen widmeten sich zum Ende des Sommersemesters 2026 der Geschichte des Kapitalismus. Sven Beckert diskutierte seine international beachtete Globalgeschichte des Kapitalismus im Rahmen der Reihe “Bücher, über die man spricht”. Patricia Clavin von der Universität Oxford richtete den Blick auf die Verflechtung von Kapitalismus und Sicherheit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Voller Vorlesungssaal an der Uni Freiburg während Sven Beckerts Vortrag.
Harvard-Historiker und FRIAS Alumnus Sven Beckert präsentiert sein Buch “Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution” an der Universität Freiburg.

„Der Kapitalismus ist in unserer Welt eine Art Hyperrealität. Und wir können diese Welt weder begreifen noch gestalten, wenn wir nicht versuchen, den Kapitalismus zu verstehen.“ Damit brachte Sven Beckert bei seinem Vortrag an der Universität Freiburg am 14. Juli 2026 auf den Punkt, warum er sich über Jahre hinweg der anspruchsvollen Aufgabe gewidmet hat, eine Weltgeschichte des Kapitalismus zu verfassen.

In seinem Ende 2025 erschienenen Buch Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution verfolgt der Historiker und Laird Bell Professor an der Harvard University kapitalistische Entwicklungen erstmals in dieser Breite über Kontinente und Jahrhunderte hinweg: von arabischen Kaufleuten und indischen Webern bis zu versklavten Menschen auf karibischen Plantagen, Amsterdamer Finanziers und Stahlindustriellen im Saarland. Das Buch wurde in kurzer Zeit weltweit intensiv diskutiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt wurde es für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2026 nominiert.

Ein großer Teil des Werks entstand im Rahmen von Forschungsaufenthalten am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). Welche Bedeutung diese für das Buch hatten, betonte Beckert zu Beginn seines Vortrags: „Das FRIAS ist eine der seltenen Institutionen, in denen es den Freiraum und Anregungen gibt, um an großen Projekten zu arbeiten und über große Fragen nachzudenken. Ich hätte ich das Buch ohne die Unterstützung des FRIAS nicht in der Form schreiben können.“

 

Ein Buch, das zum Widerspruch einlädt

Beckert präsentierte sein Buch im Rahmen der Reihe „Bücher, über die man spricht“ des Studium generale unter Beteiligung des FRIAS. Das Format bringt Buchautor:innen nach dem Prinzip „Author meets Critics“ mit fachlich ausgewiesenen Kommentator:innen ins Gespräch. Mit mehr als 300 Besucher:innen war der Hörsaal voll besetzt. Auf dem Podium diskutierten neben Sven Beckert der Wissenschaftsjournalist Thomas Steiner (Badische Zeitung), der Historische Soziologe Matthias Leanza von der Universität Basel sowie der Globalhistoriker und FRIAS Distinguished Fellow Jürgen Osterhammel.

Beckerts zentrale Botschaft lautete: Der Kapitalismus ist keine natürliche oder ausschließlich europäische Wirtschaftsform, sondern eine historisch entstandene, globale und konfliktreiche Ordnung. Er entwickelte sich über Jahrhunderte aus dem Zusammenspiel von Handel, politischer Macht, kolonialer Gewalt, Sklaverei, Landwirtschaft, Industrie und staatlichen Institutionen. Eine einzelne „Geburtsstunde“, sei es in Florenz, Amsterdam, Manchester oder New York, erkennt Beckert nicht: „Ich sehe den Kapitalismus vielmehr als einen total vernetzten Prozess, der sich erstaunlich langsam durchsetzt.“ Die industrielle Revolution war für ihn daher nicht der Anfang, sondern ein späteres Ergebnis dieser Entwicklung.

Voller Vorlesungssaal an der Uni Freiburg während Sven Beckerts Vortrag.

Mehr als 300 Besucher:innen verfolgten an der Universität die Präsentation von Sven Beckert und die anschließende Diskussion im Rahmen der Reihe “Bücher, über die man spricht”.

Thomas Steiner lobte aus Sicht des Wissenschaftsjournalisten vor allem Beckerts Fähigkeit, globale Strukturen anhand lokaler Geschichten, einzelner Familien oder Produkte zu veranschaulichen. Trotz seiner wissenschaftlichen Grundlage sei das Buch gut lesbar. Als Einschränkung nannte Steiner den enormen Umfang und wünschte sich bisweilen mehr persönliche Zeugnisse der unmittelbar Betroffenen.

Matthias Leanza hob unter anderem Beckerts Bild verschiedener „Kapitalismus-Inseln“ hervor: Handels- und Produktionszentren, die durch Kontakte, Migration, Gewalt und imperiale Expansion miteinander verbunden wurden. Zugleich fragte er, ob dieses „relationale Modell“ auch die spätere Ausbreitung des Industriekapitalismus erkläre. Seit dem 19. Jahrhundert könnte man möglicherweise stärker von Diffusion sprechen, also von der Verbreitung zunächst in England entwickelter Technologien und Organisationsformen. Zudem müssten die unterschiedlichen staatlichen Konstellationen stärker berücksichtigt werden.

“Das Buch schwitzt nicht”

Der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel begann seine Würdigung mit einem ungewöhnlichen Kompliment: „Das Buch schwitzt nicht.“ Nichts sei überflüssig, die Beispiele stünden nicht um ihrer selbst willen im Text, sondern stets als Beitrag zur historischen Argumentation. Als besondere Leistung hob er hervor, dass Beckert die „Provinzialisierung Europas“ mit der Anerkennung seiner zeitweiligen historischen Bedeutung versöhne. Die Entstehung des Kapitalismus müsse global erklärt werden. Zugleich sei Europa in bestimmten historischen Phasen tatsächlich ein mächtiges Zentrum industrieller, politischer und militärischer Entwicklung gewesen. Eine globale Geschichte dürfe diese historische Zentralität nicht künstlich leugnen.

Als Lektüreempfehlung schlug Osterhammel vor, das Buch von hinten nach vorne zu lesen. Gerade das Kapitel über den postkolonialen Kapitalismus öffne den Blick auf die Gegenwart und lasse die früheren Entwicklungen in einem neuen Licht erscheinen.

Der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel begann seine Würdigung mit einem ungewöhnlichen Kompliment: „Das Buch schwitzt nicht.“ Nichts sei überflüssig, die Beispiele stünden nicht um ihrer selbst willen im Text, sondern stets als Beitrag zur historischen Argumentation. Als besondere Leistung hob er hervor, dass Beckert die „Provinzialisierung Europas“ mit der Anerkennung seiner zeitweiligen historischen Bedeutung versöhne. Die Entstehung des Kapitalismus müsse global erklärt werden. Zugleich sei Europa in bestimmten historischen Phasen tatsächlich ein mächtiges Zentrum industrieller, politischer und militärischer Entwicklung gewesen. Eine globale Geschichte dürfe diese historische Zentralität nicht künstlich leugnen.
Als Lektüreempfehlung schlug Osterhammel vor, das Buch von hinten nach vorne zu lesen. Gerade das Kapitel über den postkolonialen Kapitalismus öffne den Blick auf die Gegenwart und lasse die früheren Entwicklungen in einem neuen Licht erscheinen.

Kapitalismus und menschliche Sicherheit

Patricia Clavin (University of Oxford) hält die Balzan-FRIAS Lecture über den Wandel des Verständnisses von Sicherheit im 20. Jahrhundert

Das Themenfeld Kapitalismus stand auch im Mittelpunkt einer weiteren hochrangig besetzten Veranstaltung: In der Balzan-FRIAS Lecture am 16. Juli 2026 untersuchte Patricia Clavin (University of Oxford) seine Verflechtung mit dem Wandel des Sicherheitsverständnisses im 20. Jahrhundert. Dabei zeigte sie, dass soziale Krisen des Kapitalismus stets auch internationale und geopolitische Folgen haben. Am Beispiel der Weltwirtschaftskonferenz von 1933 machte Clavin deutlich, wie eng Fragen von Handel, Währung, wirtschaftlicher Stabilisierung und nationaler Sicherheit miteinander verbunden sind und wie schwer es ist, diese Bereiche international aufeinander abzustimmen.

Die Historikerin schlug dafür den Bogen von der Entstehung internationaler Institutionen nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Ihre Analyse machte deutlich, dass Sicherheit nie allein militärisch verstanden werden kann. Angesichts von Klimawandel, Ressourcenknappheit, geopolitischen Spannungen und technologischen Umbrüchen umfasse sie heute ebenso soziale und wirtschaftliche Dimensionen und reiche bis auf die planetare Ebene. Bereits im Umfeld des Völkerbunds wurde daher zwischen „negative security“ im Sinne einer militärischen Sicherheit und „positive security“ unterschieden, die auch ökonomische und soziale Sicherheit einschließt. Hunger, Krankheit und Armut, so Clavin, können ebenso destabilisierend wirken wie militärische Bedrohungen. Mit dieser Vorstellung verknüpfte sie das Konzept der „human security“, dessen Ziel Clavin mit den beiden Freiheiten „freedom from want“ und „freedom from fear“ zusammenfasste.

Text: Max Bolze, FRIAS Communications & PR

Mehr Erfahren

Impressionen