Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Genderbezogene Praktiken bei Personenreferenzen: Diskurs, Grammatik, Kognition

Seit Juni 2021 arbeiten die drei Antragstellerinnen Prof. Dr. Helga Kotthoff, Prof. Dr. Evelyn Ferst und Prof. Dr. Damaris Nübling an dem von der DFG geförderten Projekt „Genderbezogene Personenreferenzen: Diskurs, Grammatik, Kognition“, unterstützt von den Mitarbeitenden Paul Meuleneers, Anne Rosar, Annika Oldach und Lisa Zacharski. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, mit belastbaren Forschungsergebnissen dazu beizutragen, die Diskussion über eine genderbewusste Sprache durch gesicherte Fakten zu versachlichen. Mit einer Kombination von qualitativen, analytischen und psycholinguistischen Methoden adressierten wir drei grundlegende Fragen: 1) Welche Argumentationslinien und stilistischen Ausprägungen lassen sich in öffentlichen Debatten und in Leitfadeninterviews zum Gendern erkennen? 2) Welche grammatischen und lexikalischen Faktoren wirken sich (in welchem Ausmaß) auf die Vergeschlechtlichung von (referenzsemantisch) generisch verwendeten maskulinen Personenbezeichnungen aus? 3) Wie wird die Lesbarkeit und die Interpretation von Sprache durch genderbewusste und insbesondere nicht-binäre Sprachformen beeinflusst?

Teilprojekt 1 (Kotthoff) erforschte Diskurse zum Gendern mit bisher zwei Schwerpunkten:

a) mit diskursanalytischer Herangehensweise das in den Massenmedien vonstattengehende Pro und Contra sowie Enregistrierungen (vgl. dazu z. B. Meuleneers 2024), b) mit qualitativ-sozialwissenschaftlicher Herangehensweise Haltungen unterschiedlicher Klientel (akademisch und nichtakademisch) zu den neuen und traditionellen Stilen der Personenreferenz im Deutschen (vgl. dazu z. B. Kotthoff 2023).

Zur Untersuchung von a) wurde ein Korpus mit Medientexten erstellt, um in diesem Argumentationen mit den entsprechenden Unterthemen in der Debatte rund um genderbewussten Sprachgebrauch zu untersuchen. Die Auswahl wurde anhand von Schlüsselbegriffen wie beispielsweise „gendern“, „Gendersprache“ oder „Genderstern“ getroffen. Dieses Kernkorpus umfasst derzeit ca. 330 Texte aus den Archiven bundesdeutscher Tageszeitungen: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Süddeutsche Zeitung (SZ), tageszeitung (taz), Bild sowie Die Welt. Daneben wurden auch ca. 6h Sendungen des Deutschlandfunks sowie drei Talkshows aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgenommen.

Ziel von Untersuchungsschwerpunkt b) ist es, nuancierter als mit in Experimentaltests erfassten Erstassoziationen zu Personenreferenzen Einstellungen zu den neuen Schreib- und Sprechweisen herauszufinden. Beim leitfadengesteuerten Interview werden Interviewte herausgefordert, aktiv Ereignisse, Erfahrungen und Wissen zu rekonstruieren. Qualitative Interviews laufen nicht unter dem Stichwort von Repräsentativität, sondern im Hinblick auf große Nähe zur subjektiven Erfahrung. Zur Analyse werden auch hier Argumentationstheorie und Konzepte wie Positionierung, „stance“ und Sprachgefühl herangezogen. Die bisher erhobenen 35 Interviews aus Deutschland und Österreich geben Einblick in ein breit gefächertes Meinungs- und Haltungsspektrum einer bislang kaum berücksichtigten Personengruppe aus handwerklichen und Dienstleistungsberufen mit mittleren Bildungsabschlüssen. Es zeigt sich beispielsweise auch, dass der öffentliche Diskurs von einigen als Gängelung erlebt wird.

Die sich pro Gendern positionierende Minderheit (9 Interviews) nimmt es als Ausgangsbefund, dass der Nexus zwischen maskulinem Genus und Sexus eng ist. Maskuline Referenzen evozieren demnach eher Assoziationen mit Männern, die man durch Gendern unterlaufen kann und soll. Die als „kritisch“ klassifizierte Mehrheit (15) sieht das als kontextspezifisch an und findet zwar viele Gendern-Bemühungen übertrieben, meint aber, dass eine formal maskuline Personenbezeichnung tatsächlich problematisch sein kann, wenn auch das Stereotypenwissen männliche Assoziationen wachruft. Sie konzedieren auch andere Sicht- und Erlebnisweisen von Gendern als ihre eigenen. Es entsteht eine Skala von pro über kritisch bis contra (11) (ausführlich in Kotthoff 2023 in DS). Die Haltung zu dem unter „Gendern“ betitelten Gesamtpaket an Strategien variiert aber selbst bei den contra-Gendern-Eingestellten, und erst recht bei den 15 als kritisch eingestuften. Überraschenderweise werden die Aussagen fast immer modalisiert, vor allem subjektiviert und mit Konzessionen versehen und unterscheiden sich vom Mediendiskurs.