Maria Weber
Lebenslauf
Ich habe an der KU Eichstätt-Ingolstadt im Rahmen des interdisziplinären Lehramtsstudiengangs für ein Lehramt an Realschulen studiert (BA und MA; Auszeichnung der Masterarbeit mit dem Preis der Maximiliana-Kocher-Stiftung) und war von 2017 bis 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkolleg 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ an der Universität Regensburg. 2020 wurde ich mit einer Arbeit zu „Schuldenmachen als soziale Praxis“ promoviert. Von 2019 bis 2022 war ich als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der LMU München (Prof. Dr. Arndt Brendecke) tätig, bevor ich im Oktober 2022 an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gewechselt bin.
In Freiburg lehre und forsche ich epochenübergreifend, wobei besonders folgende Forschungsschwerpunkte im Zentrum stehen:
Forschungsinteressen
- Geschichte der Vormoderne: Konzepte, Theorien, Methoden
- städtische Sicherheitsinfrastrukturen
- Vormoderne Wirtschaftsgeschichte
- Kalkulative Praktiken und kalkulatives Wissen
- Stadtgeschichte
- Gerichtswesen und Rechtspraxis
- Miet- und Immobilienpraxis, Formen von Eigentum und Besitz
Publikationen
Monografien
- Schuldenmachen. Eine soziale Praxis in Augsburg (1480 bis 1532) (Verhandeln, Verfahren, Entscheiden. Historische Perspektiven 7), Münster 2021.
Sammelbände/Zeitschrift
- zusammen mit Müller, Markus C./Schieweck-Heringer, Sandra, Epochal entgrenzt? Perspektiven für eine epochenübergreifende und interdisziplinäre Lehre in der Geschichtswissenschaft, erscheint als Jahresheft in der Zeitschrift Saeculum 2027, Heft 1 und 2.
- zusammen mit Huber, Vitus/Schmitz-Esser, Romedio (Hg.), The Bright Side of Night. Nocturnal Activities in Medieval and Early Modern Times, Florenz 2024 [open access].
- zusammen mit Bongartz, Josef/Frewer, Lena/Lechner, Rhonda-Marie/Stodolkowitz, Stefan (Hg.), Beschleunigung und Effizienzbemühungen im Gerichtswesen der Vormoderne [in Vorbereitung]
- zusammen mit Handke, Marcus/Hering, Kai/Hoffmann, Daniela Bianca/Sowa, Oliver, Räume, Orte, Konstruktionen. (Trans)Lokale Wirklichkeiten im Mittelalter und der Frühen Neuzeit (Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, Beiheft 3), 2021 [open access im Mittelalter Blog: https://mittelalter.hypotheses.org/26922]
Aufsätze
- Übler Geschmack und verschleimte Ventile – Die Verwaltung des Stadtraumes über Geruchswahrnehmungen in Augsburg (16. und 17. Jahrhundert), in: Cortese, Arabella/Zimmermann, Markus/Zimmermann, Julian (Hg.), Die stinkende Stadt. Olfaktorische Perspektiven auf urbane Räume in der Vormoderne (Studia Comica 27), Göttingen 2026, S. 364–386.
- Alltagsökonomien. Neuere Forschungen zur Wirtschaftskulturgeschichte, in: ZHF 52/2 (2025), S. 265–295.
- Wers dann begert und am meisten geben würd, der soll es haben. Immobilienpraxis in vormodernen Metropolen, in: Berliner Debatte Initial 36/4 (2025), S. 533–550.
- Freiburg im Zangengriff der Bauern (April bis Juni 1525), in: Dendorfer, Jürgen/Krischer, André (Hg.), Der Bauernkrieg in Freiburg und im Breisgau. Lesebuch zur Geschichte einer Krise (1524/25) (Stadt und Geschichte. Neue Reihe des Stadtarchivs Freiburg i. Br.), Freiburg 2025, S. 129–197.
- Zwischen organisierter Wachsamkeit und Chaos. Massenveranstaltungen, ephemere Räume und Herstellung von Sicherheit im 18. Jahrhundert, in: HZ 318/1 (2024), S. 35-63.
- Mit Zahlen sprechen. Zahlen als Organisationsinstrumente in der Verwaltungspraxis des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Häberlein, Mark/Flurschütz Da Cruz, Andreas (Hg.), Die Sprachen der Frühen Neuzeit. Europäische und globale Perspektiven (Frühneuzeit-Impulse 6), Köln 2024, S. 407-417.
- Vom Schrift-Zeichen zur Praxis, von der Protokollsemantik zur außersprachlichen Wirklichkeit: verschriftete Mündlichkeit vor dem Stadtgericht Augsburg um 1500, in: Bongartz, Josef/Denzler, Alexander/Katzer, Caroline/Stodolkowitz, Stefan Andreas (Hg.), Feder und Recht. Schriftlichkeit und Gerichtswesen in der Vormoderne (bibliothek altes Reich 39), Berlin/Boston 2023, S. 135-154.
- Konkurrenz oder Koexistenz? Verfahrensvielfalt und Handlungsalternativen im Verfahren um Geldschulden, in: Neumann, Franziska/Poettering, Jorun/Thiessen, Hillard von (Hg.), Konkurrenzen in der Frühen Neuzeit. Aufeinandertreffen – Übereinstimmung – Rivalität (Frühneuzeit-Impulse 5), Köln/Weimar/Wien 2023, S. 711–720.
- Before the Bright Light? Methods and Materialities of Private Lighting in Early Modern Cities, in: Huber, Vitus/Schmitz-Esser, Romedio/Weber, Maria (Hg.), The Bright Side of Night. Nocturnal Activities in Medieval and Early Modern Times, Florenz 2024, S. 135–152.
- Effizienzkulturen – ein analytisches Setting zur Erforschung vormoderner Effizienzpraktiken, in: Bongartz/Frewer/Lechner/Stodolkowitz (Hg.), Beschleunigung und Effizienzbemühungen im Gerichtswesen der Vormoderne [in Vorbereitung]
- Gemeinsames Abrechnen als kalkulative Praktik. Handlungssequenz in der Kleinkreditpraxis in Augsburg um 1500, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 108/1 (2021), S. 5-29.
- Zwischen Metropolität und Mammon – Schuldenmachen in Augsburg um 1500, in: Blick in die Wissenschaft 40 (2019), S. 14-15.
- Geld und Schulden als nervus rerum in der Stadt des Spätmittelalters, in: Die Stadt des Mittelalters an der Schwelle zur Frühen Neuzeit. Beiträge des interdisziplinären (Post-)Doc-Workshop des Trierer Zentrums für Mediävistik im November 2017, hrsg. von Inge Hülpes und Falko Klaes (Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, Beihefte 1), 2018, S. 89–111, https://mittelalter.hypotheses.org/12998.
- Ein Nemen und aus geben von wegen an Steg und Weg – Materialität, Instandhaltungsmaßnahmen und Kosten Nürnberger Straßen und Brücken am Beispiel des Straßenmanuals von 1547, zusammen mit Alexander Denzler, in: Denzler, Alexander (Hg.), Wahrnehmung und Nutzung von Straßen (1300-1900) (Jahrbuch für Regionalgeschichte 36), Stuttgart 2018, S. 25-51.
Radio-Interview/Podcast/Blog-Beiträge
- Ärger mit dem (Ver)Mieter? Gab’s schon im 16. Jahrhundert!, in: Sozusagen! Bemerkungen zur deutschen Sprache, Bayerischer Rundfunk, ausgestrahlt am 21.04.2023.
- „Gott waiß, wann ich widerumb zu meinem gellt kumb“ – Schuldenmachen und Hoffnungsdinge, in: Hoffnung handeln – L’espérance en action. Ein Frühneuzeitblog hrsg. von Christine Zabel und Albert Schirrmeister, online unter: https://hoffnungfnz.hypotheses.org/1784
Rezensionen
- Netzwerk „Das Versprechen der Märkte“ (Hg.), Marktgeschehen. Fragmente einer Geschichte frühneuzeitlichen Wirtschaftens, in: H-Soz-Kult, online unter: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-138912.
- Ruf, Franz, Zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges in Mittelbaden, Ubstadt-Weiher 2022, erscheint in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 43 (2025).
- Nicolussi-Köhler, Stephan/Skambraks, Tanja/Steinbach, Sebastian (Hg.), Die Materialität von Kredit. Sachüberlieferung mittelalterlicher Schuld- und Kreditbeziehungen (Das Mittelalter 27/2), Heidelberg 2022, erscheint in: ZHF
- Wenderoth, Thomas, Zwischen den Zeilen. Eigentumslose Haushalte in fränkischen Verzeichnissen aus vor- und frühstatistischer Zeit (Schriften aus der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Bd. 37), Bamberg 2021, in: ZHF 51/2 (2024), S. 362–363.
- Meyer, Adrian, Merkantiles Erzählen. Vom Kauf und Verkauf in mittelhochdeutscher Literatur (Literatur – Theorie – Geschichte 25), Berlin/Boston 2022, erscheint in: VSWG.
- Hitz, Benjamin, Ein Netz von Schulden. Schuldbeziehungen und Gerichtsnutzung im spätmittelalterlichen Basel (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 256), Stuttgart 2022, in: VSWG 110/3 (2023), S. 407-408.
- Schwarting, Rena, Organisationsbildung und gesellschaftliche Differenzierung. Empirische Einsichten und theoretische Perspektiven (Organisation und Gesellschaft – Forschung), Wiesbaden 2020, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte GA 139/1 (2022), S. 461-463.
- Dermineur, Elise M. (Hg.), Women and Credit in Pre-Industrial Europe (Early European Research 12), Turnhout 2018, in: VSWG 108/4 (2021), S. 549-550.
- Krey, Alexander, Wirtschaftstätigkeit, Verwaltung und Lebensverhältnisse des Mainzer Domkapitels im 16. Jahrhundert. Eine Untersuchung zu Wirtschaftsstil und Wirtschaftskultur einer geistlichen Gemeinschaft (Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 35), Hamburg 2020, in: ZHF 48/2 (2021), S. 391-393.
- Corens, Liesbeth/Peters, Kate/Walsham, Alexandra (Hg.), Archives & Information in the Early Modern World (Proceedings of the British Academy 212), Oxford 2018, in: ZHF 47/4 (2020), S. 726-728.
Aktuelle und abgeschlossene Projekte
Die Augen der Nacht. Sicherheit als Praxis (18. Jahrhundert)
Nachdem der Alcalde de Barrio Pedro García Fuertes am 12. Januar 1791 von seiner nächtlichen Patrouille durch den ihm zugeteilten Stadtbezirk La Comadre in Madrid zurückgekehrt war, hielt er in seinem Protokollbuch fest: Sali de Ronda y no hubo novedad – nichts Neues war ihm aufgefallen, nichts Außergewöhnliches hat er beobachtet, nichts Berichtenswürdiges, so lässt sich zusammenfassen, war während seines nächtlichen Kontrollgangs durch die Straßen geschehen.
Schon in den kommenden Nächten jedoch sollte sich die Situation verändern: Während ihm eines Abends zugetragen wurde, dass in einem Haus verbotenerweise um Geld gespielt werde, traf er auf dem Weg dorthin auf eine Gruppe unruhestiftender und lärmender junger Männer und Frauen, die er ebenso zurechtwies wie einen betrunkenen Laternenanzünder.
Wenige Nächte später musste er gar die gesamte Nachbarschaft in der Calle de Meron streng ermahnen und an den nachbarlichen Frieden erinnern. Gegen neun Uhr am Abend nämlich war ein Streit zwischen mehreren Frauen ausgebrochen, der zu eskalieren drohte. Der Konflikt involvierte dabei nicht nur die Ehemänner der Frauen, sondern, so schien es Pedro García Fuertes, die ganze anwesende Nachbarschaft. Um Herr der Lage zu werden, einen Überblick zu gewinnen und letztlich für Ruhe und Ordnung zu sorgen, schickte er nach zwei Soldaten und einem Korporal der Stadtwache, ließ die Haustür verschließen und befragte die Streitenden einzeln, um die Hintergründe der nächtlichen verbalen Auseinandersetzung auszuleuchten: Gerüchte und nichtssagende Streitereien unter Nachbarinnen.
Pedro García Fuertes repräsentiert einen jener 64 Alcaldes de Barrio, die 1768 in Madrid in als Reformen in Reaktion auf soziale Unruhen (Motín de Esquilache) und im Zuge expliziter infrastruktureller Modernisierung und Urbanisierung eingeführt wurden. In jedem der acht madrilener Stadtviertel sollten je acht Alcalde de Barrio – bis 1801 vorgeschlagen und gewählt durch die jeweilige Nachbarschaft – policeyliche Kompetenzen wahrnehmen und auf unterster jurisdiktioneller Ebene – tagsüber wie nachts – für die unmittelbare Verwaltung des Stadtraums und seiner Bewohner*innen Sorge tragen.
Verglichen mit anderen Sicherheitsakteuren der Nacht in Städten des 18. Jahrhunderts, die meist korporativ organisierten Bürgerwachten mit langer Tradition entsprangen, nimmt das neugeschaffene Amt des Alcalde de Barrio in der nächtlichen Sicherheitsarchitektur in Madrid eine Sonderrolle ein. Doch wie wurde eigentlich nachts Sicherheit hergestellt und gewährleistet? Welche Sicherheitsakteure trugen dazu bei? Wie wurde Sicherheit organisiert, geplant und koordiniert? Und warum wandelten sich diese Sicherheitssysteme im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert grundlegend?
Das Projekt greift diese und weitere Fragen auf und legt dar, wie in Großstädten des späten 18. Jahrhunderts (Madrid, Bristol, Köln, Paris) nachts Sicherheit gewährleistet und hergestellt wurde. Sicherheit wird dabei nicht nur als Konzept, als Norm und Idee im Wandel thematisiert, sondern als konkrete Praxis und komplexes Handlungsfeld in den unterschiedlichen urbanen Gefügen und Kontexten analysiert.
Im Zentrum stehen Sicherheitsakteure und ihre Körper, Räume der Un/Sicherheit, Sicherheitsinfrastrukturen, Planungspraktiken, Semantiken, Techniken und Wissen von Kontrolle und Temporalisierung.