Kolumbien nach dem Erdbeben: Freiwilligenarbeit statt Forschungsreise
Freiburg, 03.09.2026
Stefan Sorge von der Professur für Forst und Umweltpolitik der Universität Freiburg ist für eine Forschungsreise nach Kolumbien gereist, um dort an der Pazifikküste das Zusammenwirken von Menschen und Mangroven zu untersuchen. Als sein Flugzeug landete, hatte ein schweres Erdbeben das Land erschüttert. Im Interview berichtet er, wie er die Katastrophe vor Ort erlebt, ob sich das Erdbeben auf seine Forschungsreise auswirkt und was ihn an seiner Forschung besonders fasziniert.

Stefan Sorge von der Universität Freiburg erforscht an der kolumbianischen Pazifikküste Mangroven als sozial-ökologische Systeme und das enge Zusammenspiel von Mensch und Natur. Nach dem schweren Erdbeben stellte er seine Forschungsarbeit zunächst zurück und half bei der Verteilung von Hilfsgütern und bei Aufräumarbeiten. Foto: Stefan Sorge
Herr Sorge, Sie sind kurz nach dem Erdbeben in Kolumbien angekommen. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Ich bin etwa zwei Stunden nach dem Beben in Bogotá gelandet. Als ich bei meiner Ankunft in Bogotá, Kolumbien, mein Handy angeschaltet habe, kamen sofort besorgte Nachrichten von Freund*innen aus Kolumbien. In Bogotá selbst war das Beben zwar spürbar, größere Auswirkungen gab es dort aber nicht. Das Epizentrum lag im Chocó, besonders betroffen war unter anderem die Stadt Cali. Am Flughafen war noch alles normal, aber schon auf der Busfahrt zum Busterminal habe ich gemerkt: Es liegt etwas in der Luft. Es war ungewöhnlich ruhig, zu ruhig. Am Terminal in Cali ist es sonst nie so still, und auch die Straßen waren merkwürdig leer.
Eigentlich sollte ich am nächsten Tag nach Cali weiterreisen, um am Petronio-Álvarez-Festival – dem größten Festival für afrokolumbianische Kultur des Pazifischen Raums – teilzunehmen. Das Festival wurde jedoch aufgrund des Erdbebens abgesagt. Ich bin trotzdem nach Cali gereist und habe meine Forschungsarbeit zunächst ruhen lassen, um bei der Verteilung von Hilfsgütern und später bei den Aufräumarbeiten der eingestürzten Häuser zu helfen. Besonders beeindruckt hat mich, wie schnell und umfassend sich die Zivilgesellschaft organisiert hat.
Welche Erfahrungen haben Sie bei den Aufräumarbeiten gemacht?
Wenn man vor Ort ist und bei den Aufräumarbeiten hilft, sind die Opferzahlen weniger abstrakt. Jedes Opfer hat eine eigene Geschichte, eine Familie, die trauert. Dementsprechend habe ich viele herausfordernde und berührende Situationen erlebt.

Es gab immer wieder Momente, in denen „Silencio“ gerufen wurde, Ruhe. Dann wurden auf einen Schlag alle Maschinen abgeschaltet, und die 400 bis 500 Helfer vor Ort waren komplett still, um eventuell noch Überlebende zu hören. Dabei kamen spezielle Mikrofone und Suchhunde zum Einsatz. In einem dieser Ruhemomente sind Helfer*innen mit Angehörigen am Gebäude entlanggelaufen, die nach ihren Verwandten gerufen haben, um vielleicht eine Antwort zu bekommen. Das muss eine unglaublich schwere Situation für sie gewesen sein.
„Eigentlich sollte ich am nächsten Tag nach Cali weiterreisen, um am Petronio-Álvarez-Festival – dem größten Festival für afrokolumbianische Kultur des Pazifischen Raums – teilzunehmen. Das Festival wurde jedoch aufgrund des Erdbebens abgesagt. Ich bin trotzdem nach Cali gereist und habe meine Forschungsarbeit zunächst ruhen lassen, um bei der Verteilung von Hilfsgütern und später bei den Aufräumarbeiten der eingestürzten Häuser zu helfen. Besonders beeindruckt hat mich, wie schnell und umfassend sich die Zivilgesellschaft organisiert hat.“
Stefan Sorge
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Forst- und Umweltpolitik, Universität Freiburg
Welche Folgen hat das Erdbeben für Ihre Forschungsreise?
In unserer Forschung untersuchen wir Mangroven, also salztolerante Bäume und Sträucher, die an Küsten wachsen, als sozial-ökologische Systeme. Dabei interessiert uns besonders das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Auf dem Petronio-Álvarez-Festival hatten wir mehrere Veranstaltungen geplant. Unter anderem wollten wir gemeinsam mit vier Muschelsammlerinnen aus der Pazifikregion, Piangüeras genannt, in einem nachgebauten Pazifik-Haus zeigen, wie das Leben in den Mangroven aussieht, wie dort Muscheln gesammelt werden und welche Bedeutung die Mangroven für die Menschen haben. Gleichzeitig wollten wir unsere Forschung vorstellen. Das ist nun ausgefallen.
In den Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, gab es glücklicherweise keine Todesfälle. Viele Menschen dort haben allerdings Familienangehörige in den stärker betroffenen Städten und Regionen, und das Erdbeben hatte auch einen starken psychologischen Effekt auf die Menschen. Außerdem traf sie die Absage des Petronio-Álvarez-Festivals: Viele Familien aus der Pazifikregion hatten teils Kredite aufgenommen, um auf dem Festival ihre Produkte zu verkaufen und die afrokolumbianischen Gemeinden des Pazifiks zu repräsentieren. Sehr viele Existenzen hängen von diesem Festival ab.
Was ist das Ziel Ihrer Forschung an der kolumbianischen Pazifikküste?
Bei der Frage ist mir vorab wichtig zu betonen: Die Menschen vor Ort haben ihre eigenen Lösungen. Sie brauchen nicht uns Forschenden, damit wir ihnen erklären, wie sie mit ihrer Umwelt umgehen sollen.
Jede Gemeinde verfügt über eigenes Wissen und hat Lösungen für unterschiedliche Probleme entwickelt. Unsere Aufgabe besteht darin, Muster zu erkennen. Welche Faktoren, welche Akteur*innen, welche formellen oder informellen Institutionen spielen eine Rolle? Wie wirken die Menschen aufs Ökosystem ein und wie wirken Veränderungen des Ökosystems wiederum auf die Menschen zurück? Was könnte an anderen Orten ebenfalls hilfreich sein? Wie können Prozesse und Wissensaustausch zwischen verschiedenen Gemeinden unterstützt werden?
Welche Bedeutung haben die Mangroven für die Menschen, mit denen Sie arbeiten?
Wenn ich afrokolumbianischen Gemeindemitglieder in Interviews frage, was die Mangroven für sie bedeuten, lautet die erste Antwort sehr häufig: „Leben“. Erst danach werden einzelne Funktionen genannt, etwa Nahrung, Biodiversität oder der Schutz vor Tsunamis. Viele fühlen eine Verantwortung gegenüber den Mangroven und möchten ihnen etwas zurückgeben. Es handelt sich also nicht um eine reine Nutzung natürlicher Ressourcen, sondern um eine Beziehung/Symbiose.

Ein befreundeter Biologieprofessor aus Bogotá hat einmal zu mir gesagt: Die afrokolumbianischen Gemeinden am Pazifik sind ein Teil innerhalb des Mangroven-Ökosystems. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, weil bei uns Mensch und Natur oft getrennt gedacht werden, Stadt hier, Wald da drüben. Wir kaufen im Supermarkt ein und wissen oft gar nicht, woher unsere Produkte kommen oder wie viel Arbeit dahintersteckt. Die Communities am Pazifik dagegen bewirtschaften die Mangroven meist sehr nachhaltig und reagieren sehr sensibel auf Veränderungen.
Neben dem Klimawandel entstehen gleichzeitig neue Herausforderungen im Umgang mit den Mangroven. In den letzten Jahren ist in Ecuador die Nachfrage nach der Muschelart Piangua gestiegen. Daher werden die Muscheln nun aus Kolumbien importiert, was Folgen für die Piangua-Population und damit das sozial-ökologische System hat. Auch dies berücksichtigen wir im Projekt „MangrovES“.
