Unsere Exkursion nach Colmar – Begegnungen mit Einhorn, Wappenträgerin und Hl. Georg im Musée Unterlinden

Eine Menschengruppe betrachtet und diskutiert eine Tafelmalerei in einem Museumsraum.
Abb. 1: Diskussion vor einer Tafelmalerei. Privataufnahme, von Johanna El-Ghussein, am 20.05.2026.

Woher wissen Kunstgeschichtler*innen eigentlich, wann ein Gemälde entstanden ist? Kann man anhand konkreter Merkmale den Herkunftsort einer Skulptur bestimmen? Das zu lernen ist ein Ziel der „Bestimmungsübung“ im Masterkurrikulum der Kunstgeschichte an der Universität Freiburg, welche neben Sitzungen im Seminarraum auch vier Exkursionen umfassen sollte. Über unsere Erfahrungen bei der ersten Exkursion am 20.05.2026 ins Musée Unterlinden in Colmar, wo neben dem berühmten Isenheimer Altarretabel weitere hochkarätige mittelalterliche Werke aus dem Oberrheingebiet zu bestaunen sind, möchten wir im Folgenden berichten.

Karla Becker (M.A.)
Henriette Siems (B.A.)
Antonia Bächle (M.A.)

Als inhaltlichen Schwerpunkt wählte JProf. Dr. Julia von Ditfurth für die Übung dieses Semester (SoSe 2026) die „Kunst des Mittelalters am Oberrhein“ aus, was insbesondere Malerei und Skulptur aus sakralem Kontext vom 13. bis zum beginnenden 16. Jh. umfasste. Mittelalterlichen Gemälden und Skulpturen aus dem Oberrheingebiet begegnen wir in den umliegenden Museen und Kirchen als Studierende immer wieder. Wichtige Beispiele wären etwa das Hochaltarretabel im Freiburger Münster von Hans Baldung Grien (1512–1516) oder die Steinskulpturen an den Außenseiten des Straßburger Münsters. Nun wollten wir es aber genau wissen und uns gemeinsam Kriterien erarbeiten, anhand derer wir Datierungen und Lokalisierungen selbst in unvorbereiteten Situationen, wie sie in den verschiedenen Berufsfeldern der Kunstgeschichte, z.B. im Museumsdepot oder bei Kircheninventarisierungen, häufig vorkommen, auf reflektierte Weise vornehmen können.

Aus diesem Grund fand die Übung nicht nur im Seminarraum statt, sondern beinhaltete als zentralen Kern vier Exkursionen, nämlich nach Colmar ins Musée Unterlinden, nach Straßburg ins Münster und ins Frauenwerkmuseum sowie ins Freiburger Augustinermuseum und ins Freiburger Münster, wo wir die Originale gemeinsam betrachten und diskutieren wollten.

Für die Exkursion nach Colmar hatte jede und jeder von uns neben der Ausarbeitung eines Kriterienkatalogs zur Datierung und Lokalisierung von mittelalterlichen Kunstwerken auch die Aufgabe, ein Bildwerk unserer Wahl besonders detailliert unter die Lupe zu nehmen und eine Art Exkursions-Logbuch darüber anzulegen, in das unsere Beobachtungen, eigene Fotos und Skizzen einfließen durften. Mit Bleistiften, Notizbüchern, Maßband und Co in unseren „Exkursionskoffern“ ausgestattet, ging es also am 20.05.26 morgens um 8:30 Uhr auf nach Colmar.

(Karla Becker, 3. M.A.)

Ablauf des Tages

Das Gemälde zeigt Johannes den Täufer bei einer Predigt zu einer Menschengruppe und St. Georg bei einer Drachentötung
Abb. 2: Jost Haller, Prédication de saint Jean-Baptiste, Saint Georges terrassant le dragon, Tempelhofer Retabel, um 1445, Öl auf Holz, 89,4 x 212 cm, Colmar, Musée Unterlinden. Aus: Wikimedia, [13.07.2026], Txllxt Txllxt 29.05.2023.

In Colmar haben wir das Musée Unterlinden besucht und haben uns anfangs in Gruppen eingeteilt und das Museum durchstöbert. Der Arbeitsauftrag war so viel wie möglich zu sehen und sich dann als kleine Gruppe ein Werk zum Beschreiben rauszusuchen. Schon im ersten Raum sind wir alle an den schönen Malereien hängengeblieben und der Arbeitsauftrag war fast vergessen. Dann haben wir aber in den kleinen Grüppchen das verwinkelte Museum durchstöbert, uns alle beim berühmten Isenheimer Altarretabel wiedergetroffen, bevor sich die Wege anschließend wieder trennten und jede Gruppe sich ihr eigenes Werk zum Beschreiben und Bestimmen raussuchte.

Eine Gruppe wählte ein Bild von Jost Haller: das Retabel des Tempelhofs von Bergheim (Abb. 2, datiert um 1445), welches links die Predigt von Johannes dem Täufer und rechts den Heiligen Georg zeigt, wie er den Drachen tötet.

Die Zeit war fast um, weswegen wir den Großteil der Beschreibung in der Mittagspause notierten. Während Gummibärchen rumgereicht wurden, saßen wir in der Sonne und besprachen, was wir gesehen hatten.

Im Anschluss sind wir dann als große Gruppe gesammelt durch das Museum gelaufen, haben die gewählten Werke der anderen besprochen und uns erneut beim Isenheimer Altar in den unglaublichen Bildern verloren. Anfänglich war das nicht der Plan, eher wollten wir den Fokus auf die weniger berühmten und weniger besprochenen Werke legen, doch auch hier waren wir schnell abgelenkt von der beeindruckenden malerischen Leistung, dem Schmerz in den Gesichtern, der Vielfalt der Erzählungen und der strahlenden Farbigkeit.

Die Zeit bis zur Schließung des Museums wurde immer knapper und bis zur letzten Minute haben wir dann noch die übrigen Bilder besprochen und die letzten Sekunden im Museumsshop verbracht.

Vortrag von Annik Herren:
Frauen in der Glasmalerei

Zur Unterstützung und Abwechslung im Ablauf war die Basler Doktorandin Annick Herren dabei, die uns mit Julia von Ditfurth viel zur Glasmalerei erzählen konnte. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Frauen als Akteurinnen der mittelalterlichen Glasmalerei am Oberrhein. Einige Glasmalereien, die sie interessieren, hängen in Colmar, weswegen sie und Frau von Ditfurth nach der Mittagspause auch einen Vortrag dazu hielten. Zu zwei kleinformatigen Glasmalereien konnten die beiden viel Wissen vermitteln und zu Diskussionen anregen. Vor allem bei der Wappenscheibe Vitrail à femme nue et aux hommes sauvages (Abb. 3, datiert um 1500), ging es um das Frauenbild, und die sexualisierte Darstellung der sog. Wappenträgerinnen. Auf der Scheibe sind eine nackte Frau und ein bekleideter Mann vor rotem Hintergrund abgebildet, die gemeinsam ein Wappen präsentieren.

Da das Thema bisher eher unterpräsentiert ist, hat Annick Herren viel Forschung betrieben und in Archiven suchen müssen, um genügend Informationen für ihre Arbeit zusammen zu bekommen. Teile davon hat sie mit unserer Gruppe geteilt.

Zu Frauen in der Kunst allgemein, hinkt die Forschung noch hinterher, weswegen die Vermittlung von dem vorhandenen Wissen umso wichtiger wird. Annick Herren war demnach eine unterstützende Stimme für unsere Exkursion, von der wir viel lernen konnten.

(Henriette Siems, 2. B.A.)

Auf der Glasmalerei sind eine nackte Frau und ein bekleideter Mann vor rotem Hintergrund abgebildet, die gemeinsam ein Wappen präsentieren.
Abb. 3: Unbekannte:r Künstler:in, Vitrail à la femme nue et aux hommes sauvages, um 1500, Glasmalerei, 0,34 x 0,27 m, Colmar, Musée Unterlinden Colmar. Aus: Wikimedia, [13.07.2026], Denis Krieger 23.03.2016.

Dominikaneraltar: kuratorische Entscheidungen

Nach einem Tag voller spannender Inhalte blieb unser Blick am späten Nachmittag an zwei rosafarbenen Tafeln des umfangreichen Dominikaneraltars (Abb. 4, datiert um 1480) von Martin Schongauer hängen. Besonders beeindruckend war die große Sorgfalt, mit der Schongauer seine Bildelemente wiedergab. Erst bei genauer Betrachtung erschloss sich uns die Fülle der Einzelheiten, die das Retabel so anziehend machte. Die Vielfalt der dargestellten Motive regte die Gruppe dazu an, über deren mögliche symbolische Bedeutung zu diskutieren. Die von Rosatönen dominierte Darstellung der mystischen Verkündigungsjagd (Abb. 4) begeisterte alle Teilnehmenden nämlich nicht zuletzt durch das liebevoll ausgearbeitete Einhorn, welches in der christlichen Bildtradition häufig mit Reinheit und der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht wird. Dieses war aber nur eines vieler Tiere und Gestalten in der Tafelmalerei, die bei unserem Besuch fleißig in Detailaufnahmen festgehalten wurden.

Ausgehend von der inhaltlichen Diskussion über die mystische Verkündigungsjagd wanderte der Fokus auf die gewählte Präsentationsform des gesamten Retabels. Ursprünglich für den Kirchenraum geschaffen, sind die Tafeln des Retabels größtenteils beidseitig bemalt, weshalb sich das Museum für eine Kombination aus Hängung und Stellung der Originale für die Präsentation im musealen Ausstellungsraum entschied (siehe Abb. 5). Lediglich ein kleines aufklappbares Model im hinteren Teil der Präsentationsfläche vermittelt die ehemalige Anordnung und hilft dabei, die Struktur nachzuvollziehen, wobei es nur bedingt den räumlichen Eindruck des historischen Aufstellungsortes ersetzen kann. Diese Präsentationsweise ermöglicht es den Besucherinnen und Besuchern zwar möglichst viele Bildseiten gleichzeitig zu betrachten aber in unserer Gruppe wurden berechtigterweise erste Bedenken geäußert: Vermittelt die aktuelle Ausstellungsform die eigentliche Funktion eines Retabels? Anders als im ursprünglichen sakralen Kontext scheint heute weniger die liturgische Funktion als vielmehr die ästhetische Betrachtung im Fokus zu stehen. Und so entstanden weitere Fragen: Welche alternativen Ausstellungsformen wären denkbar? Könnten digitale Rekonstruktionen oder Nachbildungen dabei helfen den Kontext besser erfahrbar zu machen? Sind diese Alternativen in der kuratorischen Praxis überhaupt umsetzbar und mit den Anforderungen der konservatorischen Betreuung vereinbar? Diese Diskussion verdeutlicht die Herausforderungen, die mit der Ausstellung mittelalterlicher Retabel verbunden sind und nicht zuletzt wegen der Entstehung solcher Gedankengänge sind Exkursionen und Arbeiten vor Originalen so wichtig und spannend. Der direkte Kontakt mit den Kunstwerken eröffnet neue Perspektiven und Fragen nach Materialität, Größe, Präsentation und räumlicher Wirkung, die erst vor dem Original wirklich greifbar werden. Denn neben den breitgefächerten wissenschaftlichen Inhalten, die im Studium in Seminaren, Vorlesungen und Übungen vermittelt werden, gehören, je nach späterer Berufswahl, auch kuratorische Überlegungen und Entscheidungen zum Arbeitsalltag von Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern.

(Antonia Bächle, 2. M.A.)

Martin Schongauer und sein Umkreis, Tafeln der Mystischen Verkündigungsjagd des Retabels der Dominikaner
Abb. 4: Martin Schongauer und sein Umkreis, Tafeln der Mystischen Verkündigungsjagd des Retabels der Dominikaner, um 1480, Öl auf Fichtenholz, je 116 × 116 cm, Colmar, Musée Unterlinden. Aus: Wikimedia Commons, [14.07.2026], Patrick 10.09.2018.
Abb. 5: Gespräch über kuratorische Praxis vor dem Dominikaneraltar. Privataufnahme, von Michelle Kollmann, am 20.05.2026.