DFG-Projekt: Stefano della Bella (1610–1664) in Rom und Paris

Werkstattpraxis, Netzwerke, Kriegsmotivik und die Darstellung von Menschen aus dem Osmanischen Reich im zweiten Drittel des 17. Jh.
Der in Florenz geborene Zeichner und Radierer Stefano della Bella (1610–1664) verbrachte längere Abschnitte seines Lebens in Rom (1633–1637) und in Paris (1639–1650). Dort entstand der größte Teil seines druckgraphischen Werkes, das über 1000 Radierungen umfasst. Neben dem umfangreichen druckgraphischen Œuvre sind etwa 3000 Zeichnungen erhalten, was für einen Künstler des 17. Jh. eine ungewöhnlich große Zahl darstellt. In dem von der DFG geförderten Forschungsprojekt stehen die beiden Aufenthalte in Rom und Paris im Fokus: Beide Perioden werden im Hinblick auf ihre Bedeutung als Quellen der Inspiration und Motivspeicherung für die Bildproduktion della Bellas befragt sowie die Netzwerke des Künstlers an beiden Orten rekonstruiert. Dazu werden die in Rom und Paris entstandenen (und vielfach bisher nicht publizierten) Zeichnungen und Radierungen in europäischen Museumssammlungen zusammengestellt und in eine chronologische Ordnung gebracht. Dieses Corpus dient in einem zweiten Schritt dazu, die bisher wenig erforschte spezifische Werkstattpraxis della Bellas zu untersuchen. Dies betrifft beispielsweise die komplexe Frage des Weges von der ersten Skizze zur fertigen Radierung, des Transfers von der Zeichnung zur Druckplatte, die Rolle von Probedrucken, della Bellas Benutzung seines umfangreichen Zeichnungsarchivs oder seine drucktechnischen Experimente im Bereich der Pinselätzung etwa 100 Jahre vor der Erfindung der Aquatinta.
Die Untersuchung der Zeichnungen und der an beiden Orten entstandenen Radierungen wird neben Erkenntnissen zur Arbeitsweise gleichermaßen Aufschlüsse zu della Bellas Netzwerken, also seinen Verbindungen zu anderen Künstlern und zu Auftraggebern hervorbringen.
Auf diese Ergebnisse aufbauend wird der Blick auf zwei bisher kaum erforschte Themenkomplexe im Werk della Bellas gerichtet, nämlich auf seine spezifische Art der Darstellung militärischer Themen und derjenigen von Menschen aus dem Osmanischen Reich.

Bei den künstlerisch anspruchsvollen Darstellungen militärischer Ereignisse, wie der Belagerung von Arras (1640) durch die Franzosen, oder derjenigen von La Rochelle (1628) ist nach den Zusammenhängen ihrer Entstehung zu fragen. Zumindest bei der Belagerung von Arras war della Bella persönlich am Kriegsschauplatz, nicht jedoch zwölf Jahre zuvor in La Rochelle. Es stellt sich somit die Frage, welche zusätzlichen Informationsquellen der Künstler nutzte und wie sich della Bellas Darstellungen in den Kontext der Bildpropaganda kriegerischer Ereignisse in der ersten Hälfte des 17. Jh. einordnen lassen.
Innerhalb der Druckgraphik der ersten Hälfte des 17. Jh. widmete sich ihnen kein anderer Künstler mit ähnlicher Intensität der Darstellung von Menschen aus dem Osmanischen Reich. Auch hier wird nach den historischen Kontexten und Rahmenbedingungen für die Entstehung, dem spezifischen Charakter der Radierungen und den Faktoren gefragt, die offenbar den Werken della Bellas mit „osmanischen“ Themen einen großen Erfolg bescherten. Beide Teile des Projektes – Werkstattpraxis und Netzwerke in Rom und Paris sowie Militärdarstellung und Darstellungen von Menschen aus dem Osmanischen Reich – werden bestehende Forschungslücken schließen. Als Ergebnis ist also mit einer sehr viel differenzierteren Sicht auf den Künstler zu rechnen.
Projektleitung

