Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Lernen durch Machen: Studierende bringen Pop-up-Museum nach Bahlingen

Freiburg, 23.04.2026

Im Rahmen eines Seminars der Universität Freiburg haben Studierende der Empirischen Kulturwissenschaft im März 2026 in Bahlingen im Dialog mit der Bevölkerung ein Pop-up-Museum auf die Beine gestellt. Die Ausstellung ist ein Beispiel für praxisorientierte Lehre und zugänglichen Wissenstransfer in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Ein altes kleines Häuschen mit großem Tor

Das „Pop-up-Museum Bahlingen“ im Alten Spritzenhaus zog im März 2026 mehr als 400 Besucher*innen an. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Ob Siedlungsdruck, Wandel von Infrastrukturen oder Spannungsfelder zwischen „Alteingesessenen“ und „Hinzugezogenen“: Das Alltagsleben in Bahlingen am Kaiserstuhl hat sich seit dem 19. Jahrhundert stark gewandelt. Welche Debatten waren prägend, welche werden derzeit geführt? Und wohin entwickelt sich die Gemeinde im Freiburger Umland perspektivisch? Diese und andere Fragen untersuchten rund 20 Bachelor- und Masterstudierende der Empirischen Kulturwissenschaft an der Universität Freiburg im Wintersemester 2025/2026. Sie setzten sich mit sozialen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Bahlingen auseinander und legten dabei den Fokus auf die Frage, wie diese die Alltagskultur der Menschen prägen. Die Ergebnisse präsentierten sie vor Ort im Rahmen einer einmonatigen Ausstellung, die mehr als 400 Menschen besuchten.

Passend zum Seminartitel „Museum meets Communities. Gesellschaftliche Transformationen partizipativ kuratieren“ bezog die Gruppe auch die unterschiedlichen Perspektiven der Menschen vor Ort mit ein. Zum Projektstart im Herbst 2025 bot sie den Bahlinger*innen zum Beispiel die Chance, Erinnerungen zu teilen und Ideen für Themen sowie Ausstellungsstücke beizusteuern. Das Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Freiburg organisierte Ausstellung und Seminar in Kooperation mit der Landesstelle für Alltags‑ und Regionalkultur des Badischen Landesmuseums.

Studierende bringen Museum in den ländlichen Raum

„Ihre Ergebnisse präsentierten die Studierenden im März 2026 als ‚Pop-up-Museum Bahlingen‘, das sich bewusst als temporäre Ausstellung im Rahmen einer aufsuchenden und partizipativen Museumsarbeit verstand. Dieses Format bringt Kultur dorthin, wo es die Menschen betrifft, also in ihren Alltag außerhalb klassischer Museumsgebäude“, erklärt Dr. Inga Wilke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft. Sie hat das Seminar gemeinsam mit Dr. Matthias Möller, Leiter der Landesstelle für Alltags- und Regionalkultur in der Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums, und Jannis Nickel, Doktorand mit Museumserfahrung, verantwortet. Ergänzend zur Ausstellung organisierten die Studierenden zwei Führungen, einen Fotorundgang, einen Workshop und ein Erzählcafé, das politisch engagierten Frauen im ländlichen Raum eine Bühne bot.

Ein Stadtplan mit vielen gelben Post-its

Mitmachen ausdrücklich erwünscht: Die interaktiven Stationen ermöglichte es den Besucher*innen, eigene Impulse und Erfahrungen einzubringen. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Zwei Tafeln mit bunten Flugblättern

Der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk im benachbarten Wyhl am Kaiserstuhl zählte zu den prägendsten Ereignissen Ende der 1970er Jahre. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Alltäglicher Wandel unter dem Brennglas

„Die Arbeit der Studierenden belegt, dass unsere vielfältige Gesellschaft schon immer im Wandel war und sich dieser nicht nur auf der politischen Ebene abspielt“, sagt Wilke. „Wie unter einem Brennglas machte die Ausstellung sichtbar, dass Veränderungen oft im Kleinen und vermeintlich Selbstverständlichen stattfinden. Gestaltungsmöglichkeiten gibt es viele, egal ob man eine modernere Küchenmaschine kauft oder auf neue Methoden im Weinbau umsteigt.“ Auf der Meta-Ebene verkörpere die Ausstellung selbst den Wandel, da sie sich durch ihre interaktiven Stationen und die Einladung zur Ergänzung von Exponaten kontinuierlich weiterentwickelt, ergänzt die Kulturwissenschaftlerin.

Chance, eigenständig zu forschen

Das Pop-up-Museum Bahlingen zeigt beispielhaft, wie innovative und praxisorientierte Hochschullehre und zugänglicher Wissenstransfer in den Geistes- und Sozialwissenschaften aussehen kann. Als Lehrforschungsprojekt konzipiert, ermöglichte das Seminar seinen Teilnehmenden, selbstständig neues Wissen zu generieren und berufsorientierte Kompetenzen zu entwickeln. Von der ersten Idee über die Konzeption bis zur Umsetzung lagen alle Schritte in den Händen der Seminargruppe. Sie wählten passende Objekte aus und entschieden, wie sie diese ansprechend präsentieren. Hierfür stand ihnen eine ebenso mobile wie modulare Museumsausstattung zur Verfügung, die eigens für Projekte dieser Art entwickelt wurde.

Die Studierenden ordneten die Exponate in einen verständlichen Kontext ein und erzählten mit ihnen spannende Geschichten – selbst recherchiert oder von Bahlinger*innen zugetragen. „Wir wollten anschaulich kommunizieren, um ein breites Publikum zu erreichen, und dabei wissenschaftliche Standards erfüllen. Besonders herausfordernd war es, komplexe Inhalte in kurzen Begleittexten allgemeinverständlich darzustellen“, sagt Timo Kaufmann, der in Freiburg im Bachelor Geschichte und Empirische Kulturwissenschaft studiert. „Mir hat es sehr gefallen, erstmals in einem ganz anderen Rahmen arbeiten zu können.“ Sein Kommilitone Ferdinand Wallis, Masterstudent der Empirischen Kulturwissenschaft, ergänzt: „Mein Highlight war das Museum Mobile, ein 3-D-Modell des Ausstellungsmobiliars im Maßstab 1:6. Dank der Miniaturversion konnten wir vorab in Ruhe ausprobieren, wie wir die Themenbereiche am sinnvollsten anordnen und aufbauen. Das war deutlich entspannter, als vor Ort alles entscheiden und ausprobieren zu müssen.“

Kleine Exponate und Plakatstelen in einemtiefen Keller, von oben fotografiert

Die einmonatige Ausstellung beschäftigte sich mit dem sozialen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Wandel in Bahlingen und der Frage, wie dieser die Alltagskultur der Menschen prägte. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Schritt für Schritt – vor und nach der Ausstellung

Neben Fachkenntnissen in allen Aspekten der Museumsarbeit vermittelte das Seminar auch zentrale Schlüsselqualifikationen wie Projektmanagement, Teamfähigkeit und Kommunikation. Dazu Wallis: „Ich mochte, dass ich viel Eigenverantwortung übernehmen und trotzdem gemeinsam mit anderen etwas entwickeln konnte. Da die Arbeit sehr prozessorientiert ist und sich Schritt für Schritt entwickelt, wurde schnell deutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns gut strukturieren und organisieren.“

Nachdem das Pop-up-Museum Ende März seine Türen schloss, geht die Arbeit an dem Projekt für Wilke weiter. In den kommenden Wochen wird sie die Ausstellung gemeinsam mit ihren Kolleg*innen evaluieren. Zudem plant sie, Einblicke in die Ausstellung auf einer Webseite zu veröffentlichen, um das Projekt zu dokumentieren und weiterhin sichtbar zu machen.

Die Studierenden nutzen verschiedene Formate, um die Inhalte der Ausstellung anschaulich zu vermitteln. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Gummistiefel als Symbol des Protests gegen weitere Auflagen und den Rückgang von Subventionen: 2023 schlossen sich Bahlinger Landwirt*innen den bundesweiten Demonstrationen an und forderten eine höhere Wertschätzung für ihre Arbeit. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Weitere Informationen

Das Projekt „Pop-up-Museum Bahlingen“ ist in den Strukturverbund „KulturWissen vernetzt“ (gefördert von der VolkswagenStiftung) eingebunden.

Kontakt

Hochschul- und Wissenschaftskommunikation

Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de