Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Anatevka (Fiddler On The Roof) [Wien]

Musical

Musik von Jerry Bock
Buch von Joseph Stein
Gesangstexte von Sheldon Harnick
Nach der Erzählung „Tevje, der Milchmann“ von Scholem Aleichem
Deutsche Übersetzung von Rolf Merz

Inszenierung

Österreichische Erstaufführung: 15. Februar 1969
Theater an der Wien, Wien, Österreich

Regie und Choreografie der Original-Produktion in New York: Jerome Robbins

Besetzung:

Premierenchronik

USAUA22. September 1964Imperial Theatre, New York
IsraelEA7. Juni 1965Alhambra Theater, Tel Aviv
NLEA21. Dezember 1966Theater Carré, Amsterdam
GBEA16. Februar 1967Her Majesty’s Theatre, London
DDspr. EA1. Februar 1968Operettenhaus, Hamburg
CSSREA21. Februar 1968Tyl Theater, Prag
AEA15. Februar 1969Theater an der Wien, Wien
CHEA15. Juli 1969Rieter-Park (Freilichtaufführung), Zürich
DDREA23. Januar 1971Komische Oper, Berlin

Inhaltsangabe

Die Geschichte, die das Musical erzählt, spielt 1905 in dem kleinen Örtchen Anatevka, in der Nähe von Kiew. Tevje ist ambulanter Milchhändler und hat fünf Töchter, von denen drei im heiratsfähigen Alter sind. Doch die Tradition verpflichtet ihn, immer zuerst die Älteste zu verheiraten. Außerdem ist es in Anatevka üblich, dass die Ehe über die Heiratsvermittlerin angebahnt wird. Über ihre Vorschläge entscheiden die jeweiligen Väter, die untereinander auch den Ehevertrag aushandeln. Zu sehen bekommen sich die Brautleute also zumeist erst am Hochzeitstag.

Tevje freilich muss erleben, wie diese Regel, nach der er selbst und seine Frau Golde vermählt wurden, von seinen Töchtern außer Kraft gesetzt wird. Die Älteste, Zeitel, soll nach dem Willen ihrer Eltern den wohlhabenden, aber älteren Witwer Lazar Wolf heiraten. Doch diese hat sich heimlich mit dem armen, aber netten Schneider Mottel Kammzoll verlobt. Kleinlaut bitten sie Tevje um Zustimmung zur Verbindung. Weichherzig, wie er nun einmal ist, gibt er nach.

Die zweite ist Hodel. Sie verliebt sich in den politisch aufgeweckten Studenten Perchik, den auch Tevje mag, der aber über kein nennenswertes Einkommen verfügt. Wie soll man ihm da seine Tochter anvertrauen. Tevje sagt Nein. Doch sie ignorieren sein Verbot und beschließen ohne seine Zustimmung zu heiraten. Tevje wird nur noch um seinen Segen gebeten.

Die dritte Tochter Chava schließlich verliebt sich in den Russen Fedja. Erzürnt verbietet Tevje ihr den Umgang mit ihm: „Er ist eine andere Art von Mensch“, hält er ihr vor Augen. „Wie heißt es im Guten Buch: Bleib unter deinesgleichen. Mit anderen Worten: Ein Vogel liebt möglicherweise einen Fisch. Aber wo wollen sie zusammen ihr Haus bauen?“ Daraufhin tritt Chava heimlich zum russisch-orthodoxen Glauben über und heiratet Fedja trotzdem. Ohnmächtig, trauernd verstößt Tevje sie aus dem Familienverbund. Dies ist seine Grenze. Über die Tradition der Eheanbahnung kann man mit ihm streiten, auch sieht er zähneknirschend darüber hinweg, dass seine Meinung bei der Wahl der Ehepartner nicht unbedingt gefragt ist, doch seinen Glauben aufgeben, dem muss er seine Zustimmung verweigern. „Kann ich alles leugnen, woran ich glaube? Sollte ich versuchen, mich so weit zu verbiegen, ich würde zerbrechen.“ Seine Identität als Jude wäre gefährdet, das Leiden in der Diaspora verlöre ihren Sinn, der stabilisierende Zusammenhalt der Gemeinschaft zerbräche, die fragile Balance des Fiedlers auf dem Dach würde gestört und er stürzte in die Tiefe.

In der Tat lebt die jüdische Bevölkerung von Anatevka unsicher. Sind es zuerst nur Zeitungsberichte und persönliche Erzählungen, die von Judenverfolgungen in anderen Landesteilen berichten, so teilt der Wachtmeister Tevje eines Tages vertraulich mit, dass er die Anweisung zu einem Pogrom auch in dieser Stadt erhalten habe. Ausgerechnet zur Hochzeitsfeier von Zeitel und Mottel schlagen die Russen los und zertrümmern systematisch den ohnehin geringen Besitzstand der Juden.

Schließlich folgt der Erlass, dass sie nicht länger geduldet sind. Sie müssen Anatevka binnen drei Tagen verlassen. Es spielt keine Rolle, dass sie teilweise schon seit Generationen in dem Ort wohnen. Sie haben drei Tage Zeit, um ihr Hab und Gut, das sie nicht mitnehmen können, zu verkaufen. Dann verstreuen sie sich in alle Winde: Jente, die Heiratsvermittlerin, bricht nach Palästina auf, Tevje mit Frau und Töchtern nach Nordamerika, Zeitel und Mottel gehen zunächst nach Warschau (seinerzeit noch zum Russischen Reich gehörend, da es Polen nicht gab), wollen aber später in die USA nachkommen, Hodel ist ihrem Studenten, der nach Sibirien verbannt wurde, gefolgt. Selbst Chava und Fedja verlassen Anatevka. Fedja eher aus Sympathie denn gezwungenermaßen. Sie wollen nach Krakau (was seinerzeit zu Österreich gehörte).

Mit ihnen geht der Fiedler, eine gebrochene Folge der Eingangsmelodie wiederholend. Denn an der unsicheren Existenz der Vertriebenen wird sich auch anderenorts nichts ändern.

(Wolfgang Jansen)

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Video / DVD

Literatur

Kommentar

Die Amsterdamer Premiere war zugleich die europäische Erstaufführung. Die Produzenten änderten den Originaltitel in „Anatevka“. Dieser Titel wurde in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz übernommen.

Noch liegt kein Premieren-Programmheft vor. Die Besetzungsliste wurde der Publikation Anatevka („Fiddler on the Roof“). Wien-München: Jugend & Volk 1969 entnommen. Sobald ein Programmheft der Premiere vorliegt, werden die Angaben ergänzt und gegebenenfalls korrigiert.

Die Erstaufführung in der DDR trug den Titel „Der Fiedler auf dem Dach“.

Empfohlene Zitierweise

„Anatevka“ („Fiddler On The Roof“) [Wien]. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/anatevka-wien/

Letzte inhaltliche Änderung: 13. Oktober 2025.