Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Cabaret [Wien]

Musical

Musik von John Kander
Orchesterarrangements von Don Walker
Tanz-Arrangements von David Baker
Buch von Joe Masteroff
Gesangstexte von Fred Ebb
Nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Deutsche Übersetzung von Robert Gilbert

Inszenierung

Deutschsprachige Erstaufführung: 14. November 1970
Theater an der Wien, Wien, Österreich

Besetzung:  

Premierenchronik

USAUA20. November 1966Broadhurst Theatre, New York
GBEA28. Februar 1968 Palace Theatre, London
ADspr. EA14. November 1970Theater an der Wien, Wien
DEA28. Februar 1971Bühnen der Hansestadt Lübeck
DDREA18. Januar 1976Staatsoperette, Dresden
CHEA3. Oktober 1981Opernhaus, Zürich

Inhaltsangabe

Der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw reist 1929 nach Berlin, um einen Roman zu schreiben. Er taucht ins wilde Nachtleben ein, lernt die Cabaretsängerin Sally kennen, die nach kurzer Zeit bei ihm einzieht, und erfährt auch immer mehr von der politischen Situation Ende der 1920er Jahre. Seine Zimmervermieterin Fräulein Schneider, eine ältere alleinstehende Frau, erhält einen Heiratsantrag von Herrn Schultz, der einen Gemüseladen betreibt. Freudig nimmt sie den Antrag an. Ihre Verlobunsgfeier wird indes gestört, weil Herr Schultz ein Jude ist, dem man die Scheiben seines Ladens einwirft. Ein Bekannter von Fräulein Schneider, ein Nazi, warnt sie zudem vor der Heirat, da man nach der Machtübernahme die Juden nicht länger im Lande dulden würde. Erschrocken löst sie die Verlobung wieder auf. Auch Bradshaw hat inzwischen so viel von der politischen Situation mitbekommen, dass er alarmiert entscheidet, wieder heimzufahren Doch Sally will ihm nicht in die USA folgen, auch wenn sie schwanger ist. Sie will lieber weiter im bunten Berliner Nachtleben, im Kit-Kat-Klub, herumtoben und ihre Karriere als Sängerin voranbringen. So lässt sie ihr Kind abtreiben und trennt sich von ihrem Freund, der noch im Zug nach Frankreich beginnt, seinen Roman zu schreiben.

(Wolfgang Jansen)

Kritiken

„Es war leider nur peinlich. […]

Die deutsche Tragödie, die Götterdämmerung eines Volkes, eignet sich nicht für die Amüsierbühne. Wer daran zweifelte, dem wird es nun bewiesen. […]

Blanche Aubry zieht alle Register ihres Zirkuspferdnaturells, aber sie wirkt nur wie ein Karnickel auf LSD-Trip. […]

Gewiß wird die Aufführung ihre Barden finden. Diese Bühne darf ganz einfach keinen Mißerfolg haben, dazu steckt zuviel Geld drin. In ihm kulminieren die kulturellen Ambitionen der Stadtväter. Doch so raffiniert, nach guter alter Opernmethode, die Claque auch plaziert war – der Applaus kam nicht in ‚Anatevka‘-Nähe. Eine peinliche Affaire.“

Gotthard Böhm: Es war leider nur peinlich, Deutschsprachige Erstaufführung von „Cabaret“ im Theater an der Wien. In: Die Presse. 16. November 1970.

„Wer sich dem Broadway so ausschließlich verschreibt wie unser Theater an der Wien, ganz gewiß eine der bestgeführten Bühnen weit und breit, handelt mit der Chance, die großen Erfolge auszuschlachten, leider auch das Risiko ein, an den Pleiten teilzuhaben. Damit sind natürlich nicht jene Durchfälle (‚turkeys‘) gemeint, die sich bereits bei den provinziellen Tryouts abzeichnen, sondern jene mittelmäßigen Fabrikate gerissener Konfektionäre, deren einzige Bestimmung es ist, das Räderwerk des Show Business in Gang zu halten.

‚Cabaret‘ ist eines dieser Produkte. […]

Das Buch ist erschreckend dürftig. Und die Musik gehört zum Seichtesten und Simpelsten, was dem guten Johannes Fehring und seinen Leuten bisher zugemutet worden ist. […]

Am besten behauptet sich neben Blanche Aubry die liebenswerte Lya Dulizkaya. Ihr ist es aufgegeben in einem der trostlosesten Songs, benannt ‚Na und?‘, das Stichwort der Kritik zu liefern: ‚Und man nimmt, was man kriegt…'“

Gerhard Brunner: Und man nimmt, was man kriegt…, Zur deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals „Cabaret“ im Theater a. d. Wien. In: Illustrierte Kronenzeitung. 16. November 1970.

„‚Cabaret‘, eine von Joe Masteroff, Fred Ebb und John Kander zusammengepanschte Spätoperette, bildet wohl einen Tiefpunkt in der Reihe der vom Theater an der Wien mit Begeisterung präsentierten pseudopolitischen Musicals. […]

Erfreulicherweise deckt dieses ‚Cabaret‘ ungewollt, aber schonungslos die Verschleierungsmechanismen des kommerziellen ‚politischen‘ Musicals auf. Hier geht es nicht darum, die soziologischen, systemimmanenten Hintergründe für die Erfolge des Faschismus aufzudecken, sondern einzig darum, ein Potpourri trivialer Melodien, für die sich sogar Lehar geschämt hätte, durch bewußte Simplifizierung der politischen Sachlage einem unkritischen Zuhörer schmackhaft zu machen. Auf der einen Seite der edelmütige, im voraus über alle Zusammenhänge informierte ‚ideale‘ Amerikaner, auf der anderen vergnügungssüchtige Deutsche, die – so mußte es ja kommen -, dem nächstbesten ‚Dämon‘ freudig in die Arme fallen.“ 

Alfred Pollatsek: Hitler aus der Geisterbahn, „Cabaret“-Premiere im Theater an der Wien. In: Volksstimme, 17. November 1970.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

DVD / Video

Literatur

Kommentar

Das Schauspiel „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten erschien nicht auf dem deutschen Buchmarkt. Die deutschsprachige Erstaufführung erfolgte 1952 im Schloßparktheater Berlin.

Nach der Verfilmung des Musicals 1972 mit einer stark veränderten Handlung wurden mehrere Songs der Sally Bowles aus dem Film in das Bühnenwerk übertragen.

Empfohlene Zitierweise

„Cabaret“ (Wien). In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/cabaret-wien/

Letzte inhaltliche Änderung: 9. August 2022.