Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Der Fiedler auf dem Dach (Fiddler On The Roof)

Musical mit einem Prolog und in 16 Bildern

Musik von Jerry Bock 
Buch von Joseph Stein  
Gesangstexte von Sheldon Harnick
Nach Scholem Alejchems Erzählung „Tewje, der Milchmann“ 
Ins Deutsche übertragen von Johannes Felsenstein

Inszenierung

DDR-Erstaufführung: 23. Januar 1971
Komische Oper, Berlin, DDR

Besetzung:

Premierenchronik

USAUA22. September 1964Imperial Theatre, New York
IsraelEA7. Juni 1965Alhambra Theater, Tel Aviv
NLEA21. Dezember 1966Theater Carré, Amsterdam
GBEA16. Februar 1967Her Majesty’s Theatre, London
DDspr. EA1. Februar 1968Operettenhaus, Hamburg
CSSREA21. Februar 1968Tyl Theater, Prag
AEA15. Februar 1969Theater an der Wien, Wien
DDREA23. Januar 1971Komische Oper, Berlin
CHEA16. Dezember 1971Städtebundtheater Biel-Solothurn (Gastspiel)

Inhaltsangabe

Die Geschichte, die das Musical erzählt, spielt 1905 in dem kleinen Örtchen Anatevka, in der Nähe von Kiew. Tevje ist ambulanter Milchhändler und hat fünf Töchter, von denen drei im heiratsfähigen Alter sind. Doch die Tradition verpflichtet ihn, immer zuerst die Älteste zu verheiraten. Außerdem ist es in Anatevka üblich, dass die Ehe über die Heiratsvermittlerin angebahnt wird. Über ihre Vorschläge entscheiden die jeweiligen Väter, die untereinander auch den Ehevertrag aushandeln. Zu sehen bekommen sich die Brautleute also zumeist erst am Hochzeitstag.

Tevje freilich muss erleben, wie diese Regel, nach der er selbst und seine Frau Golde vermählt wurden, von seinen Töchtern außer Kraft gesetzt wird. Die Älteste, Zeitel, soll nach dem Willen ihrer Eltern den wohlhabenden, aber älteren Witwer Lazar Wolf heiraten. Doch diese hat sich heimlich mit dem armen, aber netten Schneider Mottel Kammzoll verlobt. Kleinlaut bitten sie Tevje um Zustimmung zur Verbindung. Weichherzig, wie er nun einmal ist, gibt er nach.

Die zweite ist Hodel. Sie verliebt sich in den politisch aufgeweckten Studenten Perchik, den auch Tevje mag, der aber über kein nennenswertes Einkommen verfügt. Wie soll man ihm da seine Tochter anvertrauen. Tevje sagt Nein. Doch sie ignorieren sein Verbot und beschließen ohne seine Zustimmung zu heiraten. Tevje wird nur noch um seinen Segen gebeten.

Die dritte Tochter Chava schließlich verliebt sich in den Russen Fedja. Erzürnt verbietet Tevje ihr den Umgang mit ihm: „Er ist eine andere Art von Mensch“, hält er ihr vor Augen. „Wie heißt es im Guten Buch: Bleib unter deinesgleichen. Mit anderen Worten: Ein Vogel liebt möglicherweise einen Fisch. Aber wo wollen sie zusammen ihr Haus bauen?“ Daraufhin tritt Chava heimlich zum russisch-orthodoxen Glauben über und heiratet Fedja trotzdem. Ohnmächtig, trauernd verstößt Tevje sie aus dem Familienverbund. Dies ist seine Grenze. Über die Tradition der Eheanbahnung kann man mit ihm streiten, auch sieht er zähneknirschend darüber hinweg, dass seine Meinung bei der Wahl der Ehepartner nicht unbedingt gefragt ist, doch seinen Glauben aufgeben, dem muss er seine Zustimmung verweigern. „Kann ich alles leugnen, woran ich glaube? Sollte ich versuchen, mich so weit zu verbiegen, ich würde zerbrechen.“ Seine Identität als Jude wäre gefährdet, das Leiden in der Diaspora verlöre ihren Sinn, der stabilisierende Zusammenhalt der Gemeinschaft zerbräche, die fragile Balance des Fiedlers auf dem Dach würde gestört und er stürzte in die Tiefe.

In der Tat lebt die jüdische Bevölkerung von Anatevka unsicher. Sind es zuerst nur Zeitungsberichte und persönliche Erzählungen, die von Judenverfolgungen in anderen Landesteilen berichten, so teilt der Wachtmeister Tevje eines Tages vertraulich mit, dass er die Anweisung zu einem Pogrom auch in dieser Stadt erhalten habe. Ausgerechnet zur Hochzeitsfeier von Zeitel und Mottel schlagen die Russen los und zertrümmern systematisch den ohnehin geringen Besitzstand der Juden.

Schließlich folgt der Erlass, dass sie nicht länger geduldet sind. Sie müssen Anatevka binnen drei Tagen verlassen. Es spielt keine Rolle, dass sie teilweise schon seit Generationen in dem Ort wohnen. Sie haben drei Tage Zeit, um ihr Hab und Gut, das sie nicht mitnehmen können, zu verkaufen. Dann verstreuen sie sich in alle Winde: Jente, die Heiratsvermittlerin, bricht nach Palästina auf, Tevje mit Frau und Töchtern nach Nordamerika, Zeitel und Mottel gehen zunächst nach Warschau (seinerzeit noch zum Russischen Reich gehörend, da es Polen nicht gab), wollen aber später in die USA nachkommen, Hodel ist ihrem Studenten, der nach Sibirien verbannt wurde, gefolgt. Selbst Chava und Fedja verlassen Anatevka. Fedja eher aus Sympathie denn gezwungenermaßen. Sie wollen nach Krakau (was seinerzeit zu Österreich gehörte).

Mit ihnen geht der Fiedler, eine gebrochene Folge der Eingangsmelodie wiederholend. Denn an der unsicheren Existenz der Vertriebenen wird sich auch anderenorts nichts ändern.

(Wolfgang Jansen)

Kritiken

„Weite durchbricht das bestimmende holzschnittartige Dorfpanorama, Symbol der Abgeschlossenheit, des zunächst herrschenden Kastengeistes. Bewegend ist der Abschied des breitschultrig-rustikalen Tewje, Hauptheld in dem Musical ‚Der Fiedler auf dem Dach‘ […]; Abschied von seiner Tochter Hodel, die ihrem Verlobten, den revolutionären Studenten Pertschik aus dem ukrainischen Ort Anatewka 1905 in die sibirische Verbannung folgt und zugleich von Konventionen patriarchalisch-engen Denkens.

Diese Szene gehört zu den stärksten dieser ersten Musical-Inszenierung Walter Felsensteins. Das amerikanische Stück, 1964 am Broadway uraufgeführt, lehnt sich – zu Lasten der Aussage mitunter allzu frei – an die siebenteilige Erzählungsfolge ‚Tewje, der Milchmann‘ an. Scholem Alejchem, Mitbegründer der jiddischen Literatur der osteuropäischen Juden und bis heute in der Sowjetunion vielfach gedruckt und aufgeführt, hat darin zwischen 1894 und 1914 Probleme jüdischer Menschen unter dem Einfluß der bürgerlich-demokratischen Revolution mit starker Sozialkritik vielschichtig gestaltet. Arme Russen und arme Juden trifft das gleiche Los – die Klassenfrage entscheidet.“

Klaus Klingbeil: „Der Fiedler auf dem Dach“, DDR-Erstaufführung des Musicals in der Komischen Oper. In: Berliner Zeitung am Abend, Nr. 24, 29. Januar 1971.

„Wo liegt der Grund dieses Musical-Regieerfolges? Man kann’s zumindest ahnen. Die Erfüllung eines alten Felsensteinschen Gedankens: ein Theaterspiel, das alle Künste, Bewegung, Mimus, Musik, Gesang, Tanz und Optik, gleichermaßen erfaßt. Das Musiktheater ohne Arienkorsett und Rezitativkordel, ohne den Zwang, das Element des Spaßtheaters immer wieder dem Diktat der gesungenen und musizierten Noten zu opfern. In der Tat: diese Entdeckung des Musicals für die Komische Oper hat etwas Aufregendes. […]

Gewiß, ich möchte die Aufführung erleben, die an diesem gepfefferten Musical versagt. Aber ich möchte andererseits jene Inszenierung sehen, die es an Poesie und Ernsthaftigkeit mit der Arbeit Felsensteins aufnehmen kann, seiner Gabe, nicht nur Vorgänge, sondern Hintergründe aufzuzeigen, Menschen in tragikomische Situationen hineinzuführen, daß man nicht darüber lacht, sondern daß einem das blanke Lachen im Halse steckenbleibt…“

Ernst Krause: Berlin (DDR): Chagall im Musical. In: Opernwelt, Die deutsche Opernzeitschrift, März 1971, Seite 23-24.

„Walter Felsensteins Inszenierung findet statt auf einer sozialistischen Bühne, der es um die wahrhafte Darstellung des Menschenbildes geht. Die Inszenierung des Musicals ‚Der Fiedler auf dem Dach‘ (ins Deutsche übertragen von Johannes Felsenstein) setzt auf schöne Weise diese Maxime fort, führt das Ensemble selbst zu neuen praktisch-ästhetischen Erkenntnissen und ist nicht zuletzt durch die Aufhebung der Abgrenzungen – hier Solist, dort Chor – ein bemerkenswerter Schritt zu nützlichen Qualitäten, über deren praktische Konsequenzen sich die Interpreten unterhalten sollten, dessen ästhetisch-gestalterische Ergebnisse Komponisten, Librettisten anregen sollten. Das ist schon faszinierend, wie Felsenstein austarierte, um nicht die Geschichte von Tewje und seiner Familie zu einer naiven Vordergrund-Idylle werden zu lassen. Das soziale Gefüge Anatevkas ist allgegenwärtig in Haltungen und Handlungen der unzähligen genau modellierten Figuren des Stückes. Felsenstein legt die Geschichte Tewjes und seiner Familie an als ein Beispiel: Diese Geschichte wird sich ähnlich in vielen jüdischen Familien abgespielt haben. Geschichten vom Aufbruch in eine neue Zeit, die zu Entscheidungen und Selbstentscheidungen, zum Aufgeben alter Gewohnheiten, zu neuen Einsichten drängt.“ 

Wolfgang Lange: Tewje in der Zeitenwende, „Der Fiedler auf dem Dach“ von Stein/Bock/Harnick an der Komischen Oper Berlin. In: Theater der Zeit, Organ des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR, Heft 5, Mai 1971, Seite 26-27.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Video / DVD

Literatur

Kommentar

Die Amsterdamer Premiere war zugleich die europäische Erstaufführung. Die Produzenten änderten den Originaltitel in „Anatevka“. Dieser Titel wurde dann in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz übernommen.

Empfohlene Zitierweise

„Der Fiedler auf dem Dach“ („Fiddler On The Roof“). In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/der-fiedler-auf-dem-dach/

Letzte inhaltliche Änderung: 26. Juni 2022.