Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Der Mann, der Dr. Watson war

Palastical

Musik von Gerhard Kneifel
Buch und Gesangstexte von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt

Inszenierung

Uraufführung: 6. Oktober 1964
Friedrichstadt-Palast, Berlin, DDR

Besetzung:  

Artisten

Tanzsolisten:

Horst Feuerstein (Direktor), Eberhard Cohrs (Pförtner).

Premierenchronik

DDRUA6. Oktober 1964Friedrichstadt-Palast, Berlin

Inhaltsangabe

„Unter vollem Einsatz seines weltberühmten Spürsinns ist Dr. Watson dem Täter auf der Spur, der heimtückisch die Modellzeichnung für die weißen Damen-Wildlederschuhe aus der Aktentasche des Direktors – pardon, des griechischen Reeders Olipopoulos – entwendet hatte. Schließlich spuken nicht nur die Schuhe an den Füßen verschiedener Damen herum, sondern auch das Wildlederpflegemittel scheint eine entscheidende Rolle zu spielen. Weißer Puder in einem Glasröhrchen – getarnt durch ein harmloses Etikett – das könnte schließlich auch Kokain sein! Denn wie sonst wäre es zu erklären, daß man beim Starboxer Dassius ein solches Röhrchen findet, als er vor seinem großen Kampf wie erschossen zu Boden fällt?!

Im Vergnügungsetablissement ‚Paradiso‘ singt Revuestar Black mit großem Erfolg ‚Der erste Schuß muß sitzen, sonst wird er dir nichts nützen, denn triffst du nicht, dann ist’s mit dir vorbei!‘ Trotzdem hat er haargenau danebengeschossen, als er mit scharfgeladenem Colt auf die Sängerin Jane zielte. Warum? – Galt dieser Schuß einer anderen Person?

Zur selben Zeit wird ein Toter im gestreiften Anzug m Hafen gefunden. Erschossen! Wenige Minuten vorher wurde er noch in der ‚Dschunke‘, einer verruchten Hafenkneipe mit der Modellzeichnung eines weißen Damenschuhes gesehen, in derselben Kneipe, in der Judy in dunkler Nacht Tante Ellinors Zimmer ausgerechnet mit weißen Wildlederschuhen verläßt. Sind das die Schuhe nach dem gesuchten Modell?

Hat sie sie gestohlen?! – Oder geschenkt bekommen?!

Und wie ist es zu erklären, daß kurze Zeit später auf einer Ranch in Texas der Eilbote ein Paket abliefert. Inhalt: Ein Paar weiße Wildlederschuhe Größe 38!

Im selben Augenblick fällt draußen ein Schuß – wen hat es diesmal getroffen?

Warum ist Dr. Watson verschwunden, als die Rakete zum Flug in den Weltraum starrtet und woher kommen die Schuhkartons voll Kokain im Frachtraum?

Rätsel über Rätsel stehen vor dem erfahrenen Dr. Watson! Selbstverständlich löst er den Fall ‚mit der linken Hand‘!“

(aus: Werbeflyer zur Produktion)

Eberhard Cohrs (Dr. Watson) und Horst Feuerstein (Sherlock Holmes).

Kritiken

„Viele Vorhänge und rauschenden Beifall gab es im Friedrichstadt-Palast nach der Premiere des Palasticals 2 ‚Der Mann, der Dr. Watson war‘ für den Komponisten Gerhard Kneifel, für die Autoren Helmut Bez und Jürgen Degenhardt sowie für die Darsteller. Diese Kriminalpersiflage hält wirklich, was man sich von ihr verspricht. Wesentlichen Anteil an dem Erfolg – der Palast verzeichnet jetzt ein fast immer ausverkauftes Haus – hat natürlich Eberhard Cohrs. 

Wahre Lachsalven erntet dieser kleine Vollblut-Komiker durch seinen trockenen Humor und seine unnachahmliche Art, sich auf der Bühne zu bewegen. Die Cohrs-Freunde kommen hier wirklich voll auf ihre Kosten. Sie erleben ihren Liebling als träumenden Nachtpförtner und Kriminalisten Dr. Watson, als kraftstrotzenden Preisboxer und pilzköpfigen Beatle und zum Schluß als … nein, die Pointe soll wirklich nicht verraten werden.“

Erb.: Eberhard mit Variationen. In: Neue Zeit, Zentralorgan der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, Nr. 238, 10. Oktober 1964.

„Der ‚Mordsspaß in 7 schaurig-schönen Bildern‘, wie ihn der Palast empfiehlt, stammt aus der Feder von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt, dem Autorengespann, das auch für das Bunbury-Musical im Metropol-Theater verantwortlich zeichnet. Sherlok Holmes und Dr. Watson, das klassische Kriminalistenpaar, werden bemüht, um Eberhard Cohres und Horst Feuerstein die Gelegenheit zu Ulk und grotesk verqueren Ringeleien zu geben. Den roten Faden der Revue hätte man sich noch ein wenig gradliniger gewünscht, denn unter der Fülle des Schaubaren und Hörenswerten geht er einige Male verloren. Insgesamt sind aber wohl die Erfahrungen des ersten Palasticals, wie das Musenkind, der Mode entsprechend, getauft wurde, berücksichtigt worden. Es zeichnet sich diesmal schon ausgeprägter eine der Varietébühne angemessene Inszenierungsform ab, die dem traditionsreichen Haus an der Weidendamm-Brücke gut zu Gesicht steht.

Zur Revue gehört die Musik, diesmal aus der Feder von Gerhard Kneifel. Es ist ein Abend musikalischer Premieren. Ein gutes Dutzend frischer Melodien vom Twist über den Hully-Gully bis zu getragenen Rhythmen kommen über die Rampe. Wenn auch sicher nicht allen eine lange Lebendsdauer beschieden sein wird, der Marsch-Fox ‚Hallo Dr. Watson‘ in der Interpretation von Cohrs hat reelle Chancen, ein gängiger Schlager zu werden.“

H.K.: Kriminalistischer Bühnenzauber, im Friedrichstadt-Palast: Der Mann, der Dr. Watson war. In: Neues Deutschland, Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Nr. 290, 20. Oktober 1964.

„Also irgendwelche finsteren Gangster handeln da mit Kokain, welches sie als weißes Wildlederschuhputzpulver schließlich auf den Mond verschieben wollen, vermutlich um die Atmosphäre zu vergiften. Wie in jedem Falle, den die Privatdetektei Holmes & Watson übernimmt (die Herren sind nun auch schon hoch in den Siebzigern), werden die süchtigen Bösewichter jedoch gerade noch rechtzeitig mittels der Hyperlogik der Superkriminalisten entlarvt. Es versteht sich, daß die Rauschgiftschmugglerjagd friedrichstadtpalastgemäß durch Vergnügungsetablissements, Bars, Häfen und Hafenkneipen führt, in denen sich dann fein allerlei Tänze und artistische Darbietungen vorführen lassen. […]

Wolfgang E. Struck hat bei seiner Inszenierung Prospekte und Maschinen nicht geschont. Er war recht erfolgreich bemüht, Kriminalhandlung, Artistik und Tänze ohne große Nahtstellen zu verbinden, um einen guten Fluß des Ganzen zu erreichen. Den zweifellos vorhandenen Schwung aber bezieht diese Parodie auf 17-teilige Kriminal-Fernsehfolgen weniger aus der Inszenierung (die bei und nach der Entlarvung der Finsterlinge sowie im Finale keine recht befriedigenden Lösungen bietet) als aus der Musikk Gerhard Kneifels. Das ist temperamentvoll, melodiös und eingängig, alles andere als mit der Kneifzange gemacht. Ein Schunkelwalzer, besonders aber der Watson-Song, greifen sofort spürbar aufs Publikum über. Bei letzterem wär es denkbar, daß ihn bald die Spatzen von den Dächern pfeifen.“

Günter Sobe: Palastical 2: Die Spur führt in das 7 Bild. In: Berliner Zeitung, Nr. 281, 11. Oktober 1964.

Elke Rieckhoff und Eva Schirmer in der „Dschunke“.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Literatur

Kommentar

Die Produktion war ein Beitrag zu den 8. Berliner Festtagen.

Empfohlene Zitierweise

„Der Mann, der Dr. Watson war“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/der-mann-der-dr-watson-war/

Letzte inhaltliche Änderung: 9. Juli 2021.