Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Der weite Weg (Lost In The Stars)

Volksoper

Musik von Kurt Weill
Text von Maxwell Anderson
Nach dem Roman „Cry, the Beloved Country“ von Alan Paton
Deutsche Übersetzung von Lys Bert Symonette

Inszenierung

Deutschsprachige Erstaufführung: 7. Mai 1961
Opernhaus Nürnberg, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung:  

Premierenchronik

USAUA30. Oktober 1949Music Box Theatre, New York
DDspr. EA7. Mai 1961Opernhaus Nürnberg

Inhaltsangabe

Im Zentrum des Geschehens steht der schwarze, anglikanische Priester Stephen Kumalo von der St. Markus-Kirche in dem ärmlichen Straßendorf Ndotsheni von Südafrika, der durch den Tod seines Sohnes Absalom in eine schwere Glaubenskrise gestürzt wird. Auf den nahegelegenen grünen Hügeln wohnt die reiche, weiße Farmerfamilie Jarvis. Ihr Oberhaupt ist ein Anhänger der Rassentrennung, kein vulgärer Hetzer oder Totschläger, sondern eher ordnungsliebend und sich auf einer höheren Zivilisationsstufe als die Schwarzen sehend. Dessen Sohn Arthur hingegen tritt für die Rassengleichheit ein und begrüßt Stephen Kumalo – zum Entsetzen seines Vaters – demonstrativ mit Handschlag, als sie sich zufällig auf dem Bahnhof begegnen. Beide Söhne leben in Johannisburg. Absalom jedoch findet in der Großstadt keinen Halt. Er schwängert ein Mädchen, und um mit ihr aus dem Elend heraus zu kommen, lässt er sich zu einem Einbruch im Viertel der Weißen überreden. Es ist das Haus von Arthur, in das sie einbrechen. Die Männer werden entdeckt, und Absalom erschießt in Panik den Hausbesitzer. Sie fliehen, verstecken sich, doch werden gefasst. Absaloms Kumpane können sich vor Gericht herausreden, er hingegen sieht sich in dem moralischen Dilemma, lügen zu müssen, um zu leben. Sagt er die Wahrheit, wie es Gottes Gebote von ihm verlangen, wird er als Mörder gehängt. Auch sein Vater, der nach Johannesburg kommt, will ihm nicht gegen seinen Glauben zur Lüge raten. So gesteht Absalom, wird zum Tode verurteilt und gehängt. Stephen Kumalo sieht sich „lost in the stars“, verloren unter einem gottlosen Himmel. Zum Schluss jedoch gibt es Hoffnung: Die beiden ungleichen Väter finden im Schmerz über ihre toten Söhne zusammen, verzeihen einander und schließen Freundschaft. Auf der Straße beginnen der Enkel von Jarvis und der Neffe von Kumalo miteinander zu spielen.

(Wolfgang Jansen)

Kritiken

„Eine Geschichte aus der amerikanischen Hauspostille also, sehr effektvoll aufgebaut, voll Edelmut und besten humanen Vorsätzen. Aber trotz der ungewöhnlichen Aktualität des Themas, die heute weit größer ist als zur Entstehungszeit des Werkes, wird es dieses tragische Musical in Europa nicht leicht haben. Denn wir haben die Epoche des Opernverismus längst hinter uns gebracht, während sie von den  Amerikanern noch als etwas Zukunftsträchtiges empfunden wird. Was sie eine Volksoper nennen, bezeichnen wir, zumindest in diesem Fall, als Edelschnulze.

Das liegt – es fällt schwer, dies auszusprechen – nicht allein am Libretto, das übrigens reichlich unbeholfen ins Deutsche übertragen wurde, sondern vor allem an der Musik Kurt Weills. Er schrieb einige effektvolle Schlagernummern – ‚Ohrwürmer‘, wie die Branche der Unterhaltungsmusik jene Melodien nennt, die sich sofort in jedem Gehörgang festsetzen. Es sind Melodien eines großen, einfallsreichen, wenn auch routinierten Könners. Weills schwarzer Evangelimann kommt im amerikanischen Volkston daher: Anklänge an die Negro-Spirituals mischen sich mit Jazz-Elementen, der Sweet-Stil Gershwins verbindet sich mit pucininahem Melos, und nur ein einziges Mal, in einer für die Handlung bedeutungslosen Kaschemmenszene, wird der alte, vielgeliebte Songstil Kurt Weills noch einmal hörbar.“

Walter Panofsky: Kurt Weills letztes Werk, Europäische Erstaufführung des „Weiten Wegs“ in Nürnberg. In: Süddeutsche Zeitung, 9. Mai 1961.

„Nürnbergs Oper hatte einen großen Tag. Zum erstenmal wurde die amerikanische Volksoper ‚Lost in the stars‘ von Kurt Weill in Europa aufgeführt. Das ist geradezu verwunderlich. Kann man auch über ein paar Einzelheiten des Werkes verschiedener Meinung sein, so wuchsen in diesem Werk doch humanes Ethos und künstlerische Meisterschaft, Lebensnähe und volkstümliche Gestaltung so eindrucksvoll zu einem Ganzen zusammen, daß man sich fragt, warum es zwölf Jahre gedauert hat, bis sich diesseits des großen Meeres eine Bühne zur szenischen Aufführung entschloß.

[…] Am Schluß reichen sich die Väter der beiden toten Söhne die Hand zu Vergebung und Freundschaft.

Zu schön, um wahr zu sein!… mag mancher sagen, der sich der harten Fronten im heutigen Südafrika erinnert. Aber machen wir es uns durch solch skeptisches Achselzucken nicht mit dem Theater als ‚moralische Anstalt‘ etwas zu leicht? Maxwell Anderson, der Sohn eines Baptistenpriesters, und Kurt Weill, der Sohn eines jüdischen Kantors, sind beides Autoren, die in ihrem Oeuvre mit bitteren Wahrheiten nicht zimperlich umgegangen sind. Sie mögen aber nach dem zweiten Weltkrieg, der zugleich das größte Inferno des Rassenhasses entfesselt hatte, nicht ohne Grund nach einem Modell gegriffen haben, das den Zeitgenossen nach dem Leiden auch wieder das Bild einer versöhnungswilligen Menschheit vor Augen rückt.“

Klaus Colberg: Kurt Weill: „Der weite Weg“, Europäische Erstaufführung einer amerikanischen Volksoper in Nürnberg. In: Aachener Volkszeitung, 13. Mai 1961.

„Thema: Liebe deinen Bruder – auch den Neger – wie Dich selbst.

In Nürnberg wurde ‚Der weite Weg‘ nun zum erstenmal in Europa aufgeführt. Fazit: Mitreißende Musik, recht mäßiges Textbuch. Schade drum! Die Musik, nicht aggressiv wie in der ‚Dreigroschenoper‘ ist dennoch aktuell und von fulminanter Durchschlagskraft. Zudem schwelgt sie in bestrickenden Harmonien. Angenähert den Spirituals, erweckt sie wehmütige Heimatssentiments, fromme Gläubigkeit und koloriert die Sehnsucht nach Frieden auf afrikanischer Erde, Frieden in einem brodelnden Land himmelschreiender Gegensätze, in welchem die Angst der Schwarzen und der Weißen voreinander sowie vor der ungeklärten Zukunft die Gemüter regiert.

Andererseits überschlagen sich die kessen Jazzrhythmen im Tanz lustbetonter Lebensfreude. […] Sie [die Musik] schlankweg kitschig-süßlich zu benennen, wäre stark übertrieben.

Aber die Handlung und ihr Bau! Die primitiv konstruierte Schicksalsverquickung – sie engagiert sich, schleppend im ersten Teil, volle drei Stunden lang (warum nicht mehr Striche?). […] Bei der Verbrüderungsszene fehlte nur noch die bengalische Schlußbeleuchtung.“

Hanns Merck: Mitreißende Musik, mäßiger Text, „Der weite Weg“ von Kurt Weill und Maxwell Anderson erstaufgeführt. In: Die Welt, 16. Mai 1961.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Video / DVD

Literatur

Kommentar

Die deutschsprachige Erstaufführung war zugleich die europäische Erstaufführung.

Im Dezember 1961 strahlte der Österreichische Rundfunk eine konzertante Aufführung von „Lost In The Stars“ aus, die von Marcel Prawy initiiert worden war.

Empfohlene Zitierweise

„Der weite Weg“ („Lost in the Stars“). In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/der-weite-weg/

Letzte inhaltliche Änderung: 10. Januar 2021.