Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Fanny und Alexander

Musical

Musik von Gisle Kverndokk
Text von Oystein Wiik
Nach dem gleichnamigen Film von Ingmar Bergman
Deutsche Übersetzung von Elke Ranzinger und Roman Hinze

Inszenierung

Uraufführung: 16. April 2022
Landestheater Linz, Österreich

Besetzung:  

Ensemble

Premierenchronik

AUA16. April 2022Landestheater Linz

Inhaltsangabe

Die Geschichte spielt in Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum der Handlung steht die Schauspielerfamilie Ekdahl. Als das Familienoberhaupt und der Theaterleiter Oscar unerwartet stirbt, treten längerdauernde Turbulenzen auf. Seine Witwe Emilie wird getröstet von dem Bischof Vergérus. Er gewinnt ihr Vertrauen, so dass sie nach einer gewissen Zeit seinen Eheantrag annimmt. Sie erwartet damit auch die nötige Unterstützung für ihre beiden Kinder Fanny und Alexander. So zieht sie zusammen mit den Kindern in die düstere Bischof-Residenz. Dort herrscht – angeblich aus dem Glauben heraus – ein strenges Regime aus Verzicht, Bestrafung und psychischer und physicher Gewalt. Um dies zu überstehen, kompensieren die Kinder dieses an ein Gefängnisdasein erinnerndes Leben mit ihrer Fantasie. Als das neue Familienoberhaupt Helena von der Situation erfährt, schmiedet sie einen Befreiungsplan. Dabei bedient sie sich ihres alten Freundes Isak Jacobi, der die Kinder in seinem Haus in Sicherheit bringen kann. Emilie verabreicht ihrem Peiniger Schlafmittel, um ebenfalls zu entfliehen. In der Nacht brennt dessen Haus nieder, der Bischof stirbt. 

Ein halbes Jahr später überzeugt Emilie Helena, auf die Bühne zurückzukehren. Alexander spielt mit einer Laterna Magica.

(Wolfgang Jansen)

Matthias Körper (Alexander) und Aurelia Naveau (Fanny)

Kritiken

„Basierend auf dem gleichnamigen letzten Kinofilm von Ingmar Bergmann entwickelten Kverndokk und Wiik ein atmosphärisch dichtes Werk, das nah an der Grundstimmung von Bergman bleibt. Es war sicher kein einfaches Unterfangen, den Film, der in der Kinofassung drei Stunden und in der TV-Fassung sogar über fünf Stunden dauert, in eine bühnengerechte Form zu bringen. Doch trotz der zahlreichen Charaktere und Nebenhandlungen gerät die Aufführung nie dramaturgisch durcheinander. Die Geschichte wird klar erzählt, jede Szene hat ihre Funktion. Auch musikalisch hebt sich ‚Fanny und Alexander‘ erfreulich von der Musical-Konfektionsware ab. Zwischen längeren musikalischen Szenen, die teils auch rezitative Anklänge haben, kristallisieren sich immer wieder, unter der musikalischen Leitung von Tom Bitterlich, einzelne Songs heraus. Ein Vergleich mit Sondheim drängt sich nicht nur aufgrund seiner Bergman-Adaption ‚Das Lächeln einer Sommernacht‘ auf. ‚Fanny und Alexander‘ ist kein Werk, das man auf einzelne Songs reduzieren kann. Es ist anspruchsvolles zeitgenössisches Musiktheater, das zwar eindeutig im Musical beheimat ist, aber einen eigenständigen Stil gefunden hat.“

Thomas Thalhammer: Fanny und Alexander, Ingmar Bergmans letzter Film als Musical. In: musicals, Das Musicalmagazin, Heft 213, Juni/Juli 2022, Seite 8-10.

„Allseits ist viel von Liebe die Rede. Aus Liebe behauptet der Bischof, ‚die Saat des Teufels niederbrennen‘ zu müssen. Drastische Szenen führen körperliche und psychische Gewalt gegenüber Mutter und Kindern vor. Die Bühne dreht sich unvermittelt zum vergleichsweise trivialen Alltag der Theatergesellschaft, die nicht minder deutlich den folgenreichen Seitensprung neben ehelichem Vergnügen inszeniert, oder auch mal mit Flatulenz witzig sein will, Theater halt. ‚Das Leben ist ein wonnig flüchtiges Schattenspiel‘, zitiert der sechsjährige Alexander aus Macbeth, Hamlet hat er ebenso parat. Prototypische Charaktere treten Komplexe und Nöte breit. Ihre Arien und Chöre, begleitet von 15 Orchestermusikern, schwanken gelegentlich Richtung Operette oder in opernhafte Dramatik. Heraus ragt dabei die Stimme von David Arnsperger als Bischof.

Großartig agiert der zwölfjährige Matthias Körber als Alexander. Mutig bietet er dem Bischof die Stirn, doch bleibt er machtlos dessen Demütigungen ausgesetzt in einer Erwachsenenwelt, die er nicht verarbeiten kann, bis er Befreiung in einer Fantasiewelt findet. Wenn er Shakespeare zitiert, nimmt man ihm eine spezifische Art von Verständnis der pompösen Texte ab. In seiner Kinderrolle vermag er weit mehr als nur zu rühren. Er gibt den entscheidenden Ausschlag und beeinflusst die Handlung nachhaltig.“

Eva Hammer: Theater und Kirche aus einer Kinderperspektive, Premiere im Schauspielhaus: „Fanny und Alexander“, Musical nach dem Film von Ingmar Bergman. In: Oberöstereichisches Volksblatt, 19. April 2022.

„Für Kverndokk und Wiik ermöglicht das Komponieren eines Musicals die einzigartige Chance, alle musikalischen Gattungen einzubauen. So wurde Countertenor Alois Mühlbacher, der den hellsehenden Ismael mit glockenklarer, sanfter Stimme singt, ins Ensemble geholt. Und aus der Operette kommt Franziska Stanner als Helena Ekdahl. Die zwei bilden einen Teil der Familienchronik, die eine ‚Hommage an das Theater, eine Feier des Lebens und ein Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft‘ darstellt, wie Regisseur Matthias Davids vorab sagte. 

Tatsächlich zieht einen das Musical von Anfang an magisch an – Musik, Schauspiel und Bühnenbild sind ganz eng verwoben. Die Fröhlichkeit der Theaterfamilie in den Anfangsszenen der Weihnachtsfeier anzusehen bereitet einfach Vergnügen. Die beschwingten, leichtfüßigen Klänge der 15 Orchestermusiker lassen ausgelassene Feierlaune aufkommen. Die Drehbühne mit paraventähnlichen Elementen verleiht dieser Ausgelassenheit die entsprechende Dynamik. Das Bühnenbild von Hans Kudlich funktioniert aber ebenso, um Schlafzimmerblicke auf den fremdgehenden  jüngsten Ekdahl-Sohn Gustav Adolf oder auf dessen frustrierten größeren Bruder Carl freizugeben. […] Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert.“

SN, APA: Schaurig-fröhliche Familienchronik, Ingmar Bergmans Film „Fanny und Alexander“ wird in Linz zum Musical. In: Salzburger Nachrichten, 19. April 2022.

David Arnsperger (Edvard Vergérus) und Sanne Mieloo (Emilie Ekdahl)

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Literatur

Empfohlene Zitierweise

„Fanny und Alexander“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/fanny-und-alexander/

Letzte inhaltliche Änderung: 23. Juni 2022.