Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Hinter dem Spiegel

Musical

Musik von Michael Bellmann
Texte von Jürgen Ferber und Joerg Mohr

Inszenierung

Uraufführung: 15. Februar 2003
Theater Heilbronn, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung:

Premierenchronik

DUA15. Februar 2003Theater, Heilbronn

Inhaltsangabe

„Lewis Carroll alias Charles Lutwidge Dogdson: Gezeigt wird die Zerrissenheit des Menschen Dogdson, der – eingezwängt in eine bigotte viktorianische Welt mit ihren rigiden Moralvorstellungen – einen Ausweg in der Kunst findet. Er wird zum Autor Carroll, dessen wundersame Phantasiegeschichten ‚Alice hinter dem Spiegel‘ und ‚Alice im Wunderland‘ bis heute zu Klassikern der Kinderliteratur zählen.

Charles Dodgson, vom strengen Vater zum Studium nach Oxford geschickt, kommt dort nur schlecht zurecht. Er ist schüchtern, stottert, hat Angst vor Frauen. Als Geschichtenerzähler flüchtet er darum immer wieder in eine Phantasiewelt. Er teilt sie mit Alice, der kleinen Tochter des Universitätsdekans. Sie ist für ihn wie seine Phantasiegestalten – unschuldig, einfach und rein. Charles entwickelt eine Besessenheit: Er fotografiert Alice und andere kleine Mädchen – nackt. Inwieweit es sich dabei um den Versuch handelt, die kindliche Unschuld festzuhalten, inwieweit hier die Grenzen zur Pädophilie überschritten werden, bleibt offen.“

(Inhaltsangabe des Litag Theaterverlag, München)

Kritiken

„Georg Staudachers Musical-Inszenierung legt die Vermutung nahe, Caroll habe mehr im Schilde geführt, als bloß Fotos von seinen als ‚unschuldig‘ gefeierten Nymphchen zu machen. Das wird in einer traumatischen Vergewaltigungsszene ebenso deutlich wie durch die wachsende Distanz von Famile und Gesellschaft. Das Musical selbst kratzt dabei aber nur an der Oberfläche. Die biografische Problemstellung und die trivial-sentimentalen Komponenten des Genres Musical wollen nicht zueinander passen. […] Auch musikalisch lässt die Produktion zu wünschen übrig. Trotz des engagierten Einsatzes von Chor und Orchester unter Leitung Nicolas Kemmer hinterlassen die schlichten, kräftig angejazzten Melodiebögen von Michael Bellmanns Komposition keinen prägenden Eindruck. In ihren stärksten Momenten mag sie zwar an Gershwin erinnern, was jedoch fehlt, sind Musical-typische Ohrwürmer von suggestiver Zugkraft.“

Volker Oesterreich: War Lewis Carroll ein Kinderschänder?. In: Rhein-Nekar-Zeitung, 18. Februar 2003.

„Was die britische Gesellschaft zu Königin Victorias Zeiten noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert haben mag, die jungen Autoren und der Regisseur des Musicals ‚Hinter dem Spiegel‘ zerren den pädophilen Dodgson anno 2003 unbarmherzig an die Öffentlichkeit. Angeblich wollen sich Georg Staudacher, Jürgen Ferber, Joerg Mohr und Michael Bellmann damit ihrer künstlerischen Aufgabe widmen, im Theater gesellschaftliche Tabus aufzugreifen und Diskussionen in Gang zu setzen. Doch aus gut gemeint wird nicht immer gut. Und so ging die Uraufführung des Musicals in Heilbronn gründlich daneben.“

Heidi Ossenbergg (dpa): Methode Holzhammer. In: Südwest Presse, 18. Februar 2003.

„Weil die in Rückblenden erzählte Biografie auch die Kindheit (strenger Vater, verständnisvolle Mutter) ausführlich behandelt, blickt man tief ins Innenleben dieses Lewis Carroll, der noch als Erwachsener Kind blieb und aus der Enge des Alltags in eine Fantasie- und Bilderwelt flüchtete. Musikalisch gibt sich ‚Hinter dem Spiegel‘ abwechslungsreich und gediegen, ohne freilich durch unverbrauchte Melodien oder originelle Einfälle aufzufallen.“

Theophil Hammer: Die Kehrseite des Spiegels, Musical im Heilbronner Theater. In: Stuttgarter Zeitung, 18. Februar 2003.

„Wen wundert es da, dass ein Publikum angesichts eines solchen Themas nicht tosenden Applaus spendet? Ist es ja schon beinah stillos, die kleinen Darstellerinnen zu bejubeln, die im Musical als Goldengelchen von Lewis Carroll missbraucht werden. Sicherlich werden sich die Geister scheiden, wenn es um die Frage geht, ob gerade diese Form des Musicals sich eignet, gesellschaftliche Tabus anzusprechen.“

Melanie Axter: Keine leicht verdauliche Kost. In: Bietigheimer Zeitung, 18. Februar 2003.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Kommentar

Die Erstaufführung einer Amateurproduktion durch die Autoren Belllman, Ferber und Mohr fand am 1. Februar 2001 im Kulturzentrum Eppelheim / Heidelberg statt.

Beim 4. Deutschen Musicalkongress der Gesellschaft für Unterhaltende Bühnenkunst (GUBK) in Hamburg (30. August bis 2. September 2002) wurde eine szenische Kurzfassung im Rahmen der Reihe „Works in Progress“ gezeigt.

Empfohlene Zitierweise

„Hinter dem Spiegel“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/hinter-dem-spiegel/

Letzte inhaltliche Änderung: 17. Februar 2020.