Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Irma la Douce [Baden-Baden]

Stück

Musik von Marguerite Monnot
Buch und Gesangstexte von Alexandre Breffort
Musikalische Einrichtung der deutschen Bearbeitung: Werner Meissner
Deutsche Liedtexte von Hanns Bernhardt

Inszenierung

Deutschsprachige Erstaufführung: 24. Januar 1961
Theater der Stadt Baden-Baden, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung:  

Premierenchronik

FUA12. November 1956Théatre Gramont, Paris
GBEA17. Juli 1958Lyric Theatre, London
USAEA29. September 1960Plymouth Theatre, New York
DDspr. EA24. Januar 1961Theater der Stadt Baden-Baden
CHEA26. Dezember 1961Komödie Basel
AEA4. Juli 1962Theater in der Josefstadt, Wien
DDREA3. April 1982Volkstheater Rostock

Inhaltsangabe

„‚Kein Stück für Kinder‘ ließ der Autor Alexandre Breffort seinen Conférencier und Bistro-Wirt sagen. (Also wohl erst ab 14 Jahren zugelassen – heutzutage). 

Und dann hält schon der erste Zuhälter seine Patschhand auf. Und die Herren Jojo, Persin, Roberto und Bonbon ziehen Zwischenbilanz und ihre Messer. Woraufhin dann der entsprechende Mackie erscheint.

Er heißt Nestor und studiert Jura, sattelt aber alsbald Irmas wegen um. Mit ihren Armen hat ihn das Milieu gepackt. Er wird Boß der Jojo und Co., er liebt und kassiert. Während die Polizei ihrerseits – so Breffort – den amtlichen Kavalier macht: wie Brechts Tiger-Brown kassiert sie und schweigt.

Damit kommen wir zur Bewußtseinsspaltung. Nestor stöhnt, da er die Tausender wegsteckt: ‚Diese vielen, vielen Männer…‘ Und weil sich auch die werktätige Irma schon immer gern auf einen einzigen, dafür zahlungskräftigen Onkel konzentriert hätte, beschließt der Fürsorgliche, dieser Onkel zu sein. (Was soll man machen? Alles Inhaltsangabe) Brille, Bart und dunkler Anzug, und schon erkennt Irma ähnlich Amalia ihren Karl nicht mehr. Und mehr noch: am heimatlichen Gasherd schwärmt sie Nestor von diesem Monsieur Oscar etwas vor.

Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Nestor ist eifersüchtig auf sich selbst. Und echter Musical-Witz schwingt durch seine Rede: ‚Unausweichlich lastet das Problem, wo es vorher gelastet…‘ Die doppelte Unmoral wird doppelt anstrengend. Nestor läßt Oscar verschwinden und kommt deshalb als Mörder vor Gericht.

Das Gericht ist ein Klamauk mit Affäre-Dreyfus-Anspielungen. […] Die Richter sind korrupt, der Verteidiger stottert, was schon vor der Erfindung des Taktes nicht mehr als sehr ulkig galt. Aber die Strafe sollen wir als real nehmen. Lebenslänglich auf den Teufelsinselns. Fieber und Aufseher-Peitschen, bis ein Briefchen kommt von Irma. Wer denkt es denn: sie erwartet ein Kind. Große Arien, Il Triviala: ‚Nach verzweifelter Unentschossenheit weiß ich wieder, was ich zu tun habe…‘ Nestor entflieht, nach Paris über Schottland, wo ein Röckchen-Hopsassa eingeschoben wird. Oscar erscheint noch einmal als Beweis der Unschuld. Dann Zwillinge!

Schlußgesang, Triumph von Moral und wahrer Liebe. Paris – Paradies – Seine – L’amour.“

(aus: Heinz Mudrich: Drei Centimes-Operette, Musical-Versuch mit Jean-Pierre Ponelle und Margit Saad. In: Kölnische Rundschau, 1. Februar 1961.)

Kritiken

„Zuerst war von einem Musical die Rede, dann reduzierte sich das im Ausland erfolgreiche Opus auf ein ‚Stück mit Musik‘, und als ‚Irma la Douce‘ nun auf der Baden-Badener Bühne erschien, erwies es sich als ein heiteres Lustspiel mit musikalischen Beigaben. […]

Eine Nachfahrin der Kameliendame also, diesmal herzig und reizend. Ein Stück für Fasching – aber nur für Erwachsene. Alexandre Breffort, der geistige Vater der süßen Irma, nimmt’s nicht so genau mit dramaturgischen Gesetzen, er reiht Szene an Szene, schiebt ein paar Chansons ein, läßt seine Helden auch mal tanzen – soweit sie es können – und pulvert das Ganze mit einem Schuß Parodie auf.

Immerhin: hier war Hannes Tannert, Baden-Badens Hausherr, wieder einmal in seinem Element. Er drehte mächtig auf, ließ witzig und munter agieren und scheute auch vor Anleihen bei den alten Klamotten nicht zurück. Margit Saad, als Gast nach Baden-Baden geholt, war eine allzu süße Irma, reizend anzuschauen, aber bar aller erotischen Anrüchigkeit. Doch konnte man Harald Juhnke, ebenfalls gastweise in Baden-Baden, nicht verdenken, daß er sich in dieses süße Geschöpf verliebte. Seinen Doppelgänger Oskar produzierte er hinreißend. Daß es mit dem Singen und dem Tanzen bei ihm wie bei Irma-Saad nicht so klappte, fiel nicht weiter ins Gewicht.“

Jürgen Buschkiel: Irma und die Eifersucht, „Irma la Douce“ in Baden-Baden erstaufgeführt. In: Frankfurter Rundschau, 31. Januar 1961.

„Dutzendweise saßen die Intendanten im Parkett des Baden-Badener Theaters, um die süße Irma auf ihre Kassentauglichkeit zu mustern, die sie in fremden Zungen schon bewiesen hat. […]

Das Stück ist eine freche Pikanterie […]. Der Baden-Badener Intendant Hannes Tannert indessen transponierte in einer hervorragenden Inszenierung mit viel Witz, Einfallsreichtum und Geschmack das Pikante ins Unterhaltsame und Charmante und stellte eine Jüngerin der Venus vor, die aus Eierschaum geboren war. Werner Meißner dirigierte die kleine Band, die Chansons gingen ins Ohr, wenn der deutsche Text manchmal auch etwas unbeholfen daherschnulzierte. Der unübertreffliche Jean-Pierre Ponelle, zur Zeit Soldat in Algerien, war in einem Urlaub zum Sprungbrett seines Ruhmes zurückgekehrt und bezauberte durch ein bewegtes, transparentes, duftiges, milieugerechtes und poetisches Bühnenbild. Seine Gattin Margit Saad, im Kom(m)ödchen vom Film entdeckt und von zahllosen Illustrierten als stets wirksamer Titel herausgestellt, bewies mit Musikalität, Spielwitz, tänzerischer Begabung, Temperament und Charme, daß sie auch auf der Bühne zu begeistern vermag. Auch Harald Juhnke  wußte seinen Filmruhm auf der Bühne zu behaupten.“

Hans Bayer: Der Mann, der sein anderes Ich meuchelte, Deutsche Erstaufführung des Musicals „Irma la Douce“ in Baden-Baden. In: Stuttgarter Nachrichten, 30. Januar 1961.

„Diesem Musical ging eine Legende voraus. In Paris, London und New York, so hörte man, waren die stumpfsten Zuschauer und die blasiertesten Kritiker aus ihrem Schlaf erwacht und applaudierten einmütig wie fast nie. Ruhmreiche Regisseure dünkten sich nicht zu gut, um sich der Dirnenoperette mit Liebesleid anzunehmen: Peter Brooke und Vittorio Gassmann für die Bühne, Billy Wilder für den Film. Dem Text wurde rarer Witz, der Musik lebendiger Elan nachgerühmt. Jahrelang blieben die Theater, die auf ‚Irma la douce‘ gesetzt hatten, ausverkauft. Das war Grund genug, die deutsche Erstaufführung mit Hoffnung zu erwarten. Das ist Grund genug, sie mit Enttäuschung zu quittieren. […]

Aber das Gelungene in Wort, Musik und Bild macht nur deutlich, was in Baden-Baden mißlungen ist: die Aufhellung der großstädtischen Düsternis durch großstädtischen Witz. Nicht die Metropole erstand hier, die sich selbst verspottet, sondern die, von der der Hinterwäldler träumt. Eine Kohorte von Übersetzern und Bearbeitern, deren Namen der Theateranschlag und das Programmheft wohlweislich verschweigen, hatte den internationalen Importartikel zu heimischer Provinzware umgebastelt. Die Sprache wurde ein Fremdenverkehrsgemisch aus Deutsch und Französisch, sie wirbt für eine Gesellschaftsreise aus Krähwinkel nach Paris. Das beginnt in Prosa, mit Sätzen, zu denen die Übersetzung gleich mitgeliefert wird: ‚Na los, geh an die Arbeit, allez, vite, vite!‘ Und endet (denn da hört alles auf) mit Chansonversen, die Hanns Bernhardt dem Stück angetan: ‚Paris hat ein flär / Von Foli Berschär, / Es ist von Natur / Ein Schardeng damuhr.‘ Solche geographischen Kenntnisse verstimmen mehr als die kindliche Unwissenheit von Textern, deren Lulu in Honululu wohnt, toreo olé! Bernhardt ist der einzige Bearbeiter, dessen Name verraten wird. Scheint es auch ungerecht, wir wollen ihn auf seine Tat festnageln. Denn er erwies sich der Anonymität unwürdig.“

Ivan Nagel: Irma, das mißhandelte Straßenmädchen, „Irma la douce“ in Baden-Baden erstaufgeführt. In: Deutsche Zeitung, 3. Februar 1961.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Video / DVD

Literatur

Kommentar

Der Name des deutschen Buchübersetzers und Bearbeiters wird im Programmheft der deutschsprachigen Erstaufführung nicht genannt. Das im Bühnenverlag Strassegg (Bad Reichenhall) erschienene Textbuch nennt Ivo Kohorte als Übersetzer. „Ivo Kohorte“ ist ein Pseudonym für Hannes Tannert, der seinerzeit Intendant in Baden-Baden war und auch die Regie führte. Ob Tannert das französische Original oder die britische Bearbeitung übersetzte und bearbeitete ist unklar.

Am 14. Februar 1962 kam eine Inszenierung am Münchner Boulevardtheater „Die kleine Freiheit“ heraus. Eckart Hachfeld und Max Colpet bearbeiteten die Fassung von Ivo Kohorte, Max Colpet schrieb neue Liedtexte.

Der Kinofilm basiert auf dem Bühnenstück, doch ist es kein Musikfilm. Die Kompositionen von Marguerite Monnot werden nicht genutzt.

Empfohlene Zitierweise

„Irma la Douce“ [Baden-Baden]. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/irma-la-douce-baden-baden/

Letzte inhaltliche Änderung: 29. Dezember 2021.