Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Kretschinskis Hochzeit

Musical in zwei Teilen

Musik von Alexander Kolker
Buch und Liedtexte von Kim Ryshow
Nach der gleichnamigen Komödie von Alexander Wassiljewitsch Suchowo-Koblyn
Deutsche Bühnenfassung von Ingeburg Kretzschmar

Inszenierung

Deutschsprachige Erstaufführung: 9. September 1977
Metropol-Theater Berlin, DDR

Besetzung:

Die jeweilige Besetzung wurde durch Aushang bekanntgegeben.

Premierenchronik

UdSSRUA7. Juni 1973Musikalische Komödie, Leningrad
DDRDspr. EA9. September 1977Metropol-Theater, Berlin

Inhaltsangabe

„Ausgangspunkt des ersten Teiles der Komödie ‚Kretschinskis Hochzeit‘ ist der ökonomische Niedergang des Feudaladels in Rußland in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. […]

Diese Situation brachte viele adlige Hasardeure hervor, die, selbst verarmt, durch Glück im Spiel oder eine Geldheirat, die Mittel für ein ’standesgemäßes‘ Leben gewinnen wollten. Einer davon ist der heruntergekommene Adlige Michail Wassiljewitsch Kretschinski, der im Glücksspiel sein ganzes Vermögen verloren hat. Dadurch gerät er in die Hände des gewissenlosen Wucherers Bek. Um aus seiner finanziellen Misere heraus zu kommen, beschließt der besessene Kretschinski, um die Tochter des wohlhabenden, der Welt des Geldes gegenüber hilflosen Gutsbesitzers Muromski zu werben, ohne sie zu lieben. Diese ist aber bereits Muromskis Gutsnachbarn Nelkin versprochen. Kretschinski erlangt durch seine elegante Erscheinung und sein gewinnendes Auftreten die Liebe der reinen, unerfahrenen Lidotschka. Es gelingt ihm aber nicht, in der von  Profit und Geld bestimmten morbiden Gesellschaft zu bestehen. Kretschinski muß erkennen, daß er zu hoch gesetzt und sein eigenes Glück verspielt hat.“

(aus dem Programmheft zur Deutschsprachigen Erstaufführung)

Kritiken

„Ein Musical-Stoff? Durchaus. Und Kim Ryshow zog das Libretto für das 1973 an der Leningrader Musikalischen Komödie uraufgeführte Stück dramaturgisch nicht ungeschickt auf. Er schuf viel Platz für Musik, den Alexander Kolker auch weidlich nutzte. Aber woran mag es gelegen haben, daß es bei der DDR-Erstaufführung dieses Stückes im Metropol-Theater (in der deutschen Bühnenfassung von Ingeburg Kretzschmar) so wenig zu lachen gab, man nicht recht warm mit der Sache wurde? Geriet vielleicht doch alles etwas zu ernst, auch zu wenig originell, eine Spur zu schwerfällig oder zumindest doch zu schwerblütig? Das Genre der ‚Bitteren Komödie‘ hat offensichtlich seine Tücken – auch für den Regisseur, der seine Darsteller nicht gar so oft im hochdramatisch-pathetischen Ton daherkommen lassen dürfte.“ 

Manfred Schubert: Zu schwerblütig fürs Musical?, Zur DDR-Erstaufführung von „Kretschinskis Hochzeit“ im Metropol-Theater. In: Berliner Zeitung, Nr. 218, 14. September 1977.

„Wenn sich das Werk auch ankündigt als Musical, bestätigt es diesbezüglich jedoch nicht unsere Vorstellungen. Es tendiert in einigen musikalischen Leitmotiven, wie der Kartenspielerszenerie und den Arien der Lidotschka, zur Oper, bietet Operettensujets, wenn Lebemann Kretschinski seine Aufwartung im Hause Muromski macht, wird musicalgerecht in Musik (einprägsam durch die Klarinette instrumentiert) und Szene, Gesang und Spiel des Wucherers, dessen seelenlose Raffgier Paul Arenkens […] mit satirischer Überzeichnung überzeugend typisiert.

So bietet Kolker vielseitige, manchmal etwas ausschweifende musikdramatische Elemente für die von Ryshow mit kritischer Feder satirisch charakterisierten Vertreter der feudalen russischen Gessellschaft in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Martens war bemüht, all dies sorgfältig herauszuarbeiten, verlor sich dabei allerdings zu sehr in Details, so daß die Inszenierung in manchen Passagen langatmig wirkte.“ 

Helga Wolle: Gescheitertes Spiel mit hohem Einsatz, „Kretschinskis Hochzeit“ am Metropol-Theater. In: Neue Zeit, Nr. 223, 20. September 1977.

„Ohne Frage ist diese Tragikomödie ein amüsantes Sujet für ein Musical, gibt sie doch uns hier und heute Anlaß, über eine bewältigte Vergangenheit zu lachen und Selbst-Erreichtes bewußt zu machen. Die dramaturgische Version von Kim Ryshow, deren Umsetzung ins Deutsche Ingeborg Kretzschmar im Auftrag des Metropol-Theaters besorgte, geht geschickt auf die Belange der Vertonung ein: Sie gibt reichlich Gelegenheit für eine vielseitige musikalische Gestaltung, bietet Raum für ausgedehnte Musikabläufe wie beispielsweise in zwei reizenden Traumszenen. Doch steht die Gesamtanlage dem Terrain des Opernhaften wohl näher als dem der leichtgeschürzten heiteren Muse. Aber zweifellos kleidet das Musical vielerlei Sujets, und was an diesem Stück zunächst einmal positiv ins Auge fällt, ist die eminente Rolle, die Musik hier spielt, ganz im Gegensatz zu mancher unserer landeseigenen Produktionen. […]

So kam die musical-gerechte Leichtigkeit mit flüssigem Tempo und inspirierendem Schwung nicht recht zustande. Eine gewisse Schwerfälligkeit läßt vielfach wirklichen Spaß nicht aufkommen. Am besten gefielen mir die effektvollen Tänze (Walzer, Mazurka), die leider raren Lieformen und die von kräftigem russischem Folklore-Gestus getragenen Partien […].

Das Kollektiv des Metropol-Theaters hat sich der Einstudierung des Musicals mit spürbarer Sorgfalt gewidmet, und die Darsteller waren mit Eifer und Engagement bei der Sache. Bedauerlich ist, daß die Aufführung die Neigung zur Schwerfälligkeit im Stück noch unterstrich. So dominierten in der Regie von Hans-Joachim Martens ein derb chargierender Darstellungsstil und eine überzogene Pathetik, wodurch Möglichkeiten musical-gerechten Vergnügens verschenkt wurden.“

Liesel Markowski: Korrupter Held einer morbiden Gesellschaft, „Kretschinskis Hochzeit“ im Metropol-Theater Berlin. In: Neues Deutschland, Nr. 233, 1./2. Oktober 1977.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

DVD / Video

Kommentar

„Die Autoren des Musicals haben das Stück von Suchowo-Kobylin, das die Grundlage des Stücks bildet, erheblich verändert. Jeder der drei Akten der Komödie ist in eine Vielzahl von Gemälden unterteilt, die wiederum in zwei Akten zusammengefasst sind. Dies ermöglichte es, die Atmosphäre, in der die Handlung stattfindet, insbesondere die fieberhafte Atmosphäre des Glücksspielhauses, aufregender darzustellen. Das Bild der Hauptfigur des Stücks von Krechinsky hat sich ebenfalls geändert. In Suchowo-Kobylin ist er ein beständiger Bösewicht, der seine Braut verachtet und am Ende nur bedauert, dass sich ein großer Jackpot in Luft aufgelöst hat. In den Musicals von Kolker und Ryzhov wurden Krechinskys verächtliche Worte über Lidotschka auf den Anfang des Stücks übertragen, als der Abenteurer seine vermeintliche Braut noch nicht gesehen hatte, und dann seine Einstellung zu ihr änderte und er sich im Finale bitter vorwarf, sie verloren zu haben.“

(von L. Mikheeva / A. Orelovich. In: www.belcanto.ru; ein Projekt von Ivan Fedorov – Übersetzung aus dem Russischen)

Empfohlene Zitierweise

„Kretschinskis Hochzeit“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/kretschinskis-hochzeit/

Letzte inhaltliche Änderung: 04. Januar 2020.