Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies

Musical

Musik von Franz Hummel
Texte von Stephan Barbarino

Inszenierung

Uraufführung: 7. April 2000
Musical Theater Neuschwanstein, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung:

Premierenchronik

DUA7. April 2000Musical Theater, Neuschwanstein

Inhaltsangabe

„1. Akt. München 1864. Ein endloser Trauerzug begleitet den Sarg des bayerischen Königs Maximilian II., darunter sein Sohn und Thronfolger Ludwig II.. In einer Kirche erscheinen dem jungen König drei schwarze Nymphen. Sie weissagen ihm einen steinigen, einsamen Weg, warnen ihn vor Wasser, Weibern, Staatsgeschäften und ermutigen ihn, seine Träume zu verwirklichen und fantastische Schlösser zu bauen.

2. Akt. Bad Kissingen. Die Minister beschließen, für den König in Bad Kissingen eine Verlobung zu arrangieren. Im prunkvollen Ballsaal des bayerischen Kurorts vergnügen sich die gekrönten Häupter Europas und ihr Hofstaat im Walzertakt. Ludwig und seine Cousine Elisabeth gestehen einander ihre Liebe, obwohl sie um deren Aussichtslosigkeit wissen. Die schöne Kaiserin von Österreich und der König träumen von einem fernen Paradies. Darauf begegnet Ludwig dem Komponisten Richard Wagner, für dessen sagenhafte Opern er schwärmt. Die Minister beobachten mit Argwohn, was der König dem verschuldeten Komponisten verspricht. Listig erzwingen sie von Ludwig, im Namen der Staatsraison, die Verlobung mit Sissis Schwester Sophie, die aber bereits heimlich in den jungen Hoffotografen Hanfstaenl verliebt ist.

3. Akt. Residenz. Ludwigs kleiner Bruder Otto spielt Krieg mit seinen Zinnsoldaten – und erleidet dabei einen Wahnsinnsanfall. Der König erkennt seine Ohnmacht gegenüber der Kriegspolitik seiner Minister und sucht Trost in der Musik. Im Musikzimmer werben drei Damen um den König: Cosima von Bülow spielt ein virtuoses Klavierstück; Sissi singt, begleitet vom Hofkapellmeister von Bülow, für Ludwig das Lied von ‚Adler und Möwe‘, ein Sinnbild ihrer vergeblichen Liebe. Auch Sophie läßt sich zum Gesang auffordern, singt aber absichtlich falsch und bringt Ludwig dazu, die Verlobung aufzulösen. Glücklich fallen sich Sophie und Hanfstaengl in die Arme – sie haben ihr Paradies gefunden. Für den König liegt in Wagners Musiktheater die Zukunft der Musik. Auf der Marienbrücke über der Pöllatschlucht verspricht er, ihm ein Festspielhaus zu bauen. Nach der Separatvorstellung einer neuen Oper des angebeteten Meisters überrascht Ludwig den Komponisten mit Bülows Gattin Cosima in flagranti und fühlt sich von aller Welt betrogen. Da eröffnen ihm die Nymphen ein neues Ziel – die Traumwelt der Königsschlösser.

4. Akt. Schlösserwelt. Auf der Baustelle von Schloß Neuschwanstein kritisieren die Minister die Baupläne des Königs. Bismarck kauft Ludwig mit der Zustimmung zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs zugleich die Souveränität ab. Als Gegenleistung erhält der bayerische Monarch geheime Gelder, um seine architektonischen Fantasien weiter verwirklichen zu können. Ludwig verwandelt sich in den Märchenkönig, der nächtliche Schlittenfahrten unternimmt, im maurischen Kiosk ein Gelage veranstaltet und sich schließlich in einem Ballon um die Welt träumt. Nicht einmal Sissi gelingt es, Ludwig seinen weltfernen, einsamen Fantasien zu entreißen. Unterdessen fassen die Minister den Entschluß, den König für verrückt zu erklären und abzusetzen.

5. Akt. Grotte und See. Im Schutz seiner kristallenen Grotte macht sich der König zum Regisseur, der seine Helden in einer wilden Phantasie in Szene setzt. Schließlich wird Ludwig selbst Teil seiner Inszenierung. Mit Sissi singt er ein Liebesduett. Falsche und echte Freunde erscheinen ihm im Rausch der Erinnerung. Doch seine Feinde, die Politiker und Beamten, wollen ihn verhaften und stoßen ihn aus diesem letzten fantastischen Traum. Da kommt ihnen der König zuvor und übergibt seine königlichen Insignien Krone, Zepter und Mantel. ‚In der Erinnerung erwacht mein Paradies und ruft nach mir‘ sind die letzten Worte des Märchenkönigs am Ufer des Starnberger Sees. Das hymnische Finale kann beginnen.“

(aus dem Programmheft der UA)

Kritiken

„Er tut’s tatsächlich. Am Ende geht der Kini mit Gesang ganz langsam in den See, immer tiefer, bis auch sein königliches Lockenhaupt, blubb, komplett abgetaucht ist. Ein Becken im Bühnenboden mit 80.000 Litern wohltemperierten Wasser macht den Showdown im nachtblauen Lichte möglich. Und das ist nicht das einzig Beeindruckende an dem Musical ‚Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies‘, uraufgeführt in Füssen.

[…] … bis sie – ‚Oh, holde Kunst!‘ – betört wurden vom Theaterzauber auf der riesigen Drehbühne und sich gründlich wundern durften. Denn der allgemein erwartete Kitsch in dieser ‚Sehnsucht nach dem Paradies‘ wird von den Texten Barbarinos und den Tricks des Bühnenbildners Heinz Hauser mit viel Ironie geknackt. Und der Opernkomponist Franz Hummel schuf eine anspruchsvolle und witzige Musik zwischen Wagner-Weihen und Folklore-Gags, Walzern und Schnaderhüferln.“

Birgit Kölgen: Ein König taucht unter. In: Westfälische Rundschau, 10. April 2000.

„Barbarinos Inszenierung beweist Humor, hat ausgesprochen kurzweilige Momente, andererseits geriet einiges doch etwas zu lang – nicht nur die Szene, in der das Publikum von Backstage gesehen eine Wagner-Oper verfolgt; das macht ja insofern Sinn, unterstreicht es doch die landläufige Meinung von Nicht-Wagnerianern, Wagners Opern dauerten viel zu lange. Um insgesamt erfolgreich zu kürzen, müsste freilich Hummel bereit sein, ein paar Takte seiner Komposition zu opfern.

Die Charaktere bleiben allesamt ziemlich blass – leider auch der Titelheld, dem Barbarino drei exotische Nymphen zur Seite stellt. Was die in bayerischem Dialekt u.a. prophezeiend von sich geben […], ist oft nur schwer zu verstehen. Das Sissis poetisches Talent eher bescheiden war, beweisen etwa ihre Zeilen in denen sie sich als Möwe und Ludwig als Adler bezeichnet.“

Gerhard Knopf: Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies, Bayerns Märchenkönig als Musicalheld. In: musicals, Das Musicalmagazin, Heft 83, Juni / Juli 2000, Seite 4-7.

„Das könnte das Erfolgsgeheimnis des Stückes werden: dass es den größten Kini-Kitsch opulent in Szene setzt und dann ironisch bricht, ihn aber nicht denunziert. Man spürt die Lust, mit der die avantgardegestählten und -müden Macher sich in ihrem gigantischen, postmodernen Spielzimmer einmal so richtig austoben und sich dabei augenzwinkernd zuschauen.

[…] Denn Inszenierung und Musik sind selbstreflexiv genug. Noch bevor der blaue Samtvorhang mit Schwanenapplikationen das erste Mal hochgeht, wird der Vorwurf, hier doch nur Touristen zu neppen, konterkariert. Ein Fremdenführer geleitet vier Allgäu-Touristen durch das Theater und macht sich über die Hybris von Barbarino & Co. gelinde lustig. Das Stück, nein, das ganze Haus ist ein einziges elaboriertes Zeichensystem, in dem die üppigen Barockbilderrahmen aus Beton gegossen sind, der Schwanenkult noch die Fruchtgummis im Mitbringselladen erfasst und der Tatort-Kommissar Bienzle alias Dietz-Werner Steck einen Wagner spielt, der Beuys zitiert. Und der Komponist imitiert Wagner, Chopin, bayerische Blasmusik, Gershwin undundund – und markiert doch immer den Unterschied. Die Blasmusik mit der Ludwigs Minister bei jedem Auftritt desavouiert werden, ist kein simples Humptata, sondern vertrackt gesetzt – und dennoch Oktoberfest-tauglich.“

Christof Siemes: Königliches Rührei – ‚Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies‘ ist das erste Musical mit Witz und Verstand. In: Die Zeit, Ausgabe 16, 13. April 2000.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Literatur

Empfohlene Zitierweise

„Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/ludwig-2/

Letzte inhaltliche Änderung: 24. Juni 2020.