Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Mass [Berlin]

Ein Theaterstück für Sänger, Tänzer und Instrumentalisten

Musik von Leonard Bernstein
Text nach der Liturgie der römisch-katholischen Messe
Zusätzliche Texte von Stephen Schwartz und Leonard Bernstein
Deutsche Fassung von Marcel Prawy

Inszenierung

Deutsche Erstaufführung: 27. April 1982
Deutschlandhalle Berlin, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung:  

Premierenchronik

USAUA8. September 1971John F. Kennedy Center for the Performing Arts, Washington
AEA (i.Engl.)25. Juni 1973Konzerthaus, Wien
GBEA16. Mai 1976Theatre, Coventry
ADspr. EA16. Februar 1981Staatsoper, Wien
DEA27. April 1982Deutschlandhalle, Berlin

Inhaltsangabe

„Mehrere Stimmen beginnen nacheinander ihr Kyrie. Sie vereinigen sich nicht. Sind ihre Herzen zu weit voneinander? Ein junger Mann mit einer Gitarre unterbricht das Chaos, um Gott mit einem einfachen Song zu ehren. Er bekommt von jungen Menschen das Meßgewand und lehrt als Zelebrant im Spiel das Wort Gottes. Der Kirchenchor singt die Messe weiter. Auch die Jugendgruppe ist gläubig – aber wir erleben im Verlauf der Messe ihre Gedanken, Fragen, Bedenken, auch zynischen Antagonismus. Noch gelingt es dem Zelebranten, alle Gruppen im Glauben zusammenzuhalten. Dann aber verliert er das Vertrauen der Jungen, weil er ihnen nicht helfen kann. Nun soll der Akt der Transsubstantiation beginnen. Bei ‚Dona nobis pacem‘ fühlt er, daß er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Wer kann Frieden geben? Alle wenden sich gegen ihn. Auch ihn beginnen Zweifel zu zerwühlen. Er bricht zusammen, zertrümmert im Wahnsinnn die heiligen Gefäße und zerreißt sein Priestergewand. Nun folgt eine lange Pause der Besinnung. Der Zelebrant wird wieder zum einfachen jungen Mann, einer unter vielen, wie zu Anfang. Bei einem Choral finden sich alle, auf der Suche nach ihrem Weg, zu Gott.“

(Marcel Prawy: Die Handlung. Aus: Programmheft zur deutschen Erstaufführung, Berlin, 1982)

Kritiken

„Diese Aufführung paßt in die gesellschaftspolitische Landschaft: Gesinnungskitsch mit Bedeutungssoße für all jene, die schon immer wußten, daß die Welt zwar schlecht, der Mensch indes gut ist und also das ‚Ebenbild Gottes‘ sich nur darauf zu besinnen hat, seinen Herrn zu loben – und schon hat sich’s mit Gewalt und Hunger und Umweltzerstörung, mit also dem Bösen schlechthin. […]

Die Amerikaner hat diese – in die Lithurgie der katholischen Messe gekleidete – Botschaft ge- und betroffen – rund 50 Produktionen in den Vereinigten Staaten bezeugen das. In Wien, bei der deutschsprachigen Erstaufführung vor einem Jahr, höhnten einige Kritiker: ‚Bernsteins Parsifal‘ oder ‚Jedermann des Atomzeitalters‘!

Nach der Berliner Aufführung zu urteilen, tut selbst dieser Hohn dem Werk zuviel Ehre an. Aber das mag an der denn doch mehr als hilflosen Inszenierung liegen. Bernsteins Partitur ist zwar ganz und gar eklektisch – zeitgenössische Musik und Schlager-Einfalt, Jazz, Pop, Rock, Gospel nach dem Rezept ‚man nehme‘ – sie ist aber doch professionell und effektbewußt gearbeitet. Und bei Bernstein weiß man ja nie so ganz genau: Was ist da tiefe Empfindung, was gekonnte Show?

Die Berliner Aufführung indes verwischt alle angelegten Gegensätze.“

Dietrich Steinbeck: Leonard Bernsteins „Mass“ in der Deutschlandhalle, WDR/NDR – Politik am Morgen – 28. April 1982.

„Ein ‚Theaterstück für Sänger, Tänzer und Instrumentalisten‘ nennt Bernstein sein frommes Abenteuer. Darin steckt viel Unternehmungslust, aber bei der kompositorischen Ausführung ist dann am Ende ausgerechnet Schmalhans ausgiebig der Küchenmeister gewesen. In Bernsteins ‚Mass‘ lebt künstlerisch alles aus zweiter Hand und noch dazu müder Hand.

Dabei versucht die Aufführung das fromme, buntkarierte Geschehen kräftig hochzuputschen. Sie feiert dabei immer ein bißchen lauter sich selbst als den lieben Gott. Aber das Erweckungsritual neigt eher dazu, einzuschläfern. Es stolpert immerfort über die eigene Symbolik, nach der Tonbandeinspielungen die Liturgie, Chor und Orchester den ‚Reinen Glauben‘, Rock und Blues und sogar das lebensnotwendige kleine Handmikrofon aber ‚Trauer über den verlorenen Glauben, Zweifel, Protest‘ symbolisieren sollen. Mehr hat man wohl einem Mikrofon noch nie aufgebürdet. Kein Wunder,  daß es manchmal darüber wie mit den Zähnen knirscht. […]

Walther Moslener, Vorsitzender der Geschäftsführung der AMK, hat höchstpersönlich die Gesamtleitung der Aufführung in den tatkräftigen Händen. Nur haben sie sich wohl bei der Wahl des Stückes vergriffen. Nächstens wird uns dafür vielleicht nun ein Vorstandsmitglied der Bundesbank mit einer Produktion von ‚No, No, Nanette‘ erfreuen. Wer weiß?

Das Publikum in der Deutschlandhalle ließ Bernsteins ‚Mass‘ geduldig über sich ergehen, schweigend, aufmerksam oder auch bloß dahindämmernd, eingelullt von der schlimmen frohen Botschaft, vielleicht auch von ihr irritiert. Es klatschte am Ende höflich, doch von Begeisterung keine Spur.“

Klaus Geitel: Betriebsausflug zum lieben Gott, Leonard Bernsteins „Mass“ in der Deutschlandhalle aufgeführt. In: Berliner Morgenpost, 29. April 1982.

„Sehr amerikanisch, diese Mischung von Erweckungseifer, Menschheitsproblematik und Show. Aber auch aus Amerika sind schon eindrucksvolle Zeugnisse der Auseinandersetzungen mit den letzten, unbeantwortbaren Fragen gekommen – man denke an die Dramen von Eugene O’Neill. Bernstein quält sich nicht lange. Alles Schwierige und Komplexe ordnet sich ihm zum gefälligen Entertainment. 

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Wir ziehen uns nicht auf die Maßstäbe deutschen ‚Tiefschurfs‘ zurück. Aber gerade Vereinfachungen müssen kraftvoll sein. Bernstein fehlt der prägende Zugriff. Dem vielerfahrenen Könner rinnt sein Stoff durch die Finger. Wo er schlicht sein will, wird er bloß seicht und sentimental.

‚Mass‘, sein ‚Theaterstück für Sänger, Tänzer und Instrumentalisten‘, bedient sich des lateinischen Messetextes. Über ein Tonband wird die Liturgie eingespielt. Eingestreut sind Szenen, des Zweifels, des Protests, der Verweigerung junger Leute; sie äußern sich in Rock- oder Bluesmusik, gesungen zumeist über Handmikrophon. […]

Motiviert wird weder der Glaube, noch der Abfall, noch die Reue des Zelebranten. Die Argumente, die von den jungen Leuten immerhin geäußert werden, bleiben ohne Antwort. Alles spielt auf der Ebene der Mystik, könnte man einwenden. Aber auch das Mystische wäre dramaturgisch oder musikalisch sinnfällig zu machen. Daran fehlt es. Wenn spöttisch von ‚Bernsteins Parsifal‘ gesprochen worden sein sollte, dann wäre das viel Ehre: Wagners Mysterienspiel ist wirklich ein Drama. […]

Marcel Prawy, der die deutsche Übersetzung der englischen Textabschnitte in ziemlich unsäglicher Reimerei besorgt hat, beteiligt sich adäquat an dieser Equilibristik des Leerlaufs. Anerkennender Beifall im gut gefüllten Halbrund bei der Premiere – kein Enthusiasmus. Und natürlich auch nichts von ‚Einkehr‘.

Hans-Jörg von Jena: Glaube im Leerlauf, Bernsteins „Mass“ in der Deutschlandhalle. In: Spandauer Volksblatt, 29. April 1982.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

DVD / Video

Literatur

Kommentar

„Mass“ war ein Kompositionsauftrag von Jacqueline Kennedy, Witwe des US-Präsidenten John F. Kennedy, als Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten für das John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D.C. 

Die Erstaufführung im Wiener Konzerthaus 1973 war ein Gastspiel der Yale University (New Haven, Connecticut) mit einer Studentenproduktion des Yale Symphony Orchestra unter der Leitung von John Maucer. Das Gastspiel erfolgte auf Einladung von Peter Weiser, dem Generalsekretär des Wiener Konzerthauses. Gespielt wurde vom 25.-29. Juni 1973. Das Gastspiel war gleichzeitig die europäische Erstaufführung.

Von der Inszenierung 1981 gab es insgesamt 8 Vorstellungen.

Veranstalter der deutschen Erstaufführung war die AMK Berlin (Ausstellungs-Messe-Kongress-GmbH) in Verbindung mit der Hochschule der Künste Berlin.

Empfohlene Zitierweise

„Mass“ [Berlin]. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/mass-berlin/

Letzte inhaltliche Änderung: 6. Dezember 2022.