Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Mass [Wien, Staatsoper]

Ein Theaterstück für Sänger, Instrumentalisten und Tänzer

Musik von Leonard Bernstein
Text nach der Liturgie der römisch-katholischen Messe 
Zusätzliche Texte von Stephen Schwartz und Leonard Bernstein 
Deutsche Fassung von Marcel Prawy

Inszenierung

Deutschsprachige Erstaufführung: 16. Februar 1981
Staatsoper Wien, Österreich

Besetzung:  

„Die Jungen Leute“:

Ensemble

Premierenchronik

USAUA8. September 1971John F. Kennedy Center for the Performing Arts, Washington
AEA (i.Engl.)25. Juni 1973Konzerthaus, Wien
GBEA16. Mai 1976Theatre, Coventry
ADspr. EA16. Februar 1981Staatsoper, Wien
DEA27. April 1982Deutschlandhalle, Berlin

Inhaltsangabe

„Mehrere Stimmen beginnen nacheinander ihr Kyrie. Sie vereinigen sich nicht. Sind ihre Herzen zu weit voneinander? Ein junger Mann mit einer Gitarre unterbricht das Chaos, um Gott mit einem einfachen Song zu ehren. Er bekommt von jungen Menschen das Meßgewand und lehrt als Zelebrant im Spiel das Wort Gottes. Der Kirchenchor singt die Messe weiter. Auch die Jugendgruppe ist gläubig – aber wir erleben im Verlauf der Messe ihre Gedanken, Fragen, Bedenken, auch zynischen Antagonismus. Noch gelingt es dem Zelebranten, alle Gruppen im Glauben zusammenzuhalten. Dann aber verliert er das Vertrauen der Jungen, weil er ihnen nicht helfen kann. Nun soll der Akt der Transsubstantiation beginnen. Bei ‚Dona nobis pacem‘ fühlt er, daß er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Wer kann Frieden geben? Alle wenden sich gegen ihn. Auch ihn beginnen Zweifel zu zerwühlen. Er bricht zusammen, zertrümmert im Wahnsinnn die heiligen Gefäße und zerreißt sein Priestergewand. Nun folgt eine lange Pause der Besinnung. Der Zelebrant wird wieder zum einfachen jungen Mann, einer unter vielen, wie zu Anfang. Bei einem Choral finden sich alle, auf der Suche nach ihrem Weg, zu Gott.“

(Marcel Prawy: Die Handlung. Aus: Programmheft zur deutschsprachigen Erstaufführung, Wien, 1981)

Donna Wood, Franz Waechter (Der Zelebrant)

Kritiken

„Für Opern-Puristen mag das etwas schockierend wirken: Bei Bernsteins ‚Mass‘ finden sich Elektrogitarren und Synthesizer auf der Staatsopernbühne, Verstärkeranlagen und Lautsprecherboxen. Als Anhänger neuer Musikrichtungen, des Jazz, des Rock und des Blues, hat man zu solcher Gerätschaft wohl ein natürlicheres Verhältnis – hier gilt ein Musikstück ja schon dann als ‚akustisch‘ interpretiert, wenn der Konzertflügel über Mikrophon verstärkt wird.

Viel Elektronik, Jazz-Schlagzeug und ungewöhnliches Instrumentarium wie Vibraphon oder Glockenspiel – eine Oper im landläufigen Sinn ist ‚Mass‘ zweifellos nicht. Sondern für meinen Geschmack ein mitreißendes Stück neuer Musik, ‚Fusion Music‘ sozusagen, um ein Wort aus der Sprache des Jazz zu gebrauchen. Ein Streifzug durch einige hundert Jahre Musikentwicklung: orchestrale Passagen, Jazz-Rhythmen und schwerblütiger Blues, aufregend und nahtlos ineinander verknüpft.

Darüber hinaus ist ‚Mass‘ aber auch ein sehr amerikanisches Werk: Naiv mit leichtem Hang zum Pathos in seiner glaubensbeschwörenden textlichen Aussage, und naiv mit leichtem Hang zum Kitsch an einigen Stellen der Partitur – das klingt dann ein wenig nach Hollyood-Filmmusik aus den vierziger Jahren.“

Gunther Baumann: Aufregende Fusion Music. In: Wiener Kurier, 18. Februar 1981. 

 „Ganz ohne Zweifel kann man das alles auf einer Bühne zeigen und in sehr vielen Gemeinschaftsräumen. Und mit all den jungen Musikern und Sängern, die Marcel Prawy in ganz Österreich aufgetrieben hat, sogar der junge Waechter kann dabei sein und ohne die Wiener Sängerknaben geht es auf keinen Fall. Und selbstverständlich ist das choreographische Konzept von William Milié möglich, das sehr eindrucksvoll ist. Und daß Maurice Peress der Musik ein inspirierender Sachwalter ist, daran kann kein Zweifel sein.

Aber in der Staatsoper? Da hat das alles einen sozusagen falschen Stellenwert, da ist es nicht nur ungewohnt, sondern von der uns allen über Generationen anerzogenen Gewohnheit der Oper belastet, da sollte es so nicht stattfinden wie in einer katholischen Kirche – beide Arten von Gemeinschaftshäusern haben ihr ‚Publikum‘ und ihren ‚Geist‘ und das, was Bernstein erdacht und komponiert hat, hat von alledem so viel und so intensiv anderes, daß sich für unsereins ein schier unüberbrückbarer Zweispalt ergibt.

Womit ohne jede Bösartigkeit der einzige Einwand formuliert ist und zu erwähnen bleibt, daß selbst der Staatsopernchor und das Staatsopernorchester großartig waren in ihren ihnen gemäßen Partien, daß die Technik des Hauses am Ring so tat, als sei ihr auch ein Musical Play zumutbar, daß von allen Mitwirkenden nur die ganz und gar professionellen Opernsänger etwas aus dem Rahmen fielen und daran erinnerten, daß hier mit allerseits frischer Energie ein Irrtum als Premierenabend gegeben wurde.“

Franz Endler: Wenn Gott einen Unfall hat, „Mass“ von Leonard Bernstein in der Wiener Staatsoper. In: Die Presse, 18. Februar 1981.

„Am inhaltlichen Anliegen ist ebensowenig zu deuteln wie an der Ehrlichkeit Bernsteins. Das Werk ist spekulativ allenfalls darin, als es alle Mittel aufbietet, um seine Glaubens- und Friedensbotschaft möglichst wirkungsvoll und eindringlich über die Rampe zu bringen. Das ist durchaus legitim. Blasphemisch ist es, auch wenn es ungewöhnlich daherkommt, gar nicht.

So wenig sich über Überzeugungen diskutieren läßt, so sehr kann man dies freilich in künstlerischer Hinsicht. Über die Wahl der Mittel. Darüber, ob sich der Meßtext wirklich zur Theateraufführung eignet. Oder es ein gar so glücklicher Gedanke war, damit an der Staatsoper herauszukommen. Ob eine konzertante Aufführung nicht die Botschaft besser transportiert als eine szenische, für die man eine gewisse Naivität und Unbefangenheit aufbringen muß, die sich, zumindest in Europa, aber nur schwerlich einstellen.

So problematisch, wie ‚Mass‘ sich nun in der Staatsoper präsentierte, hatte man das Werk allerdings nicht in Erinnerung. 1973 gastierte ein Studentenensemble der Yale University damit im Konzerthaus. Der geringere Aufwand, die nur ganz maßvoll eingesetzten szenischen Elemente in dieser weitgehend konzertanten Aufführung, vor allem aber die Kongruenz von Aufführenden und den spezifischen Anforderungen des Werks machten die Begegnung recht eindrucksvoll und eindringlich.

Kaum etwas davon stellt sich nun in dieser Staatsopernproduktion ein.“

Gerhard Mayer: Barocker Faltenwurf, Deutschsprachige Erstaufführung von Leonard Bernsteins „Mass“. In: [ohne Ort und Zeit, die Kritik liegt den Herausgebern als Kopie vor]

Finale, Leonard Bernstein, Franz Waechter (Der Zelebrant), Ensemble

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

DVD / Video

Literatur

Kommentar

„Mass“ war ein Kompositionsauftrag von Jacqueline Kennedy, Witwe des US-Präsidenten John F. Kennedy, als Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten für das John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D.C. 

Die Erstaufführung im Wiener Konzerthaus 1973 war ein Gastspiel der Yale University (New Haven, Connecticut) mit einer Studentenproduktion des Yale Symphony Orchestra unter der Leitung von John Maucer. Das Gastspiel erfolgte auf Einladung von Peter Weiser, dem Generalsekretär des Wiener Konzerthauses. Gespielt wurde vom 25.-29. Juni 1973. Das Gastspiel war gleichzeitig die europäische Erstaufführung.

Von der Inszenierung 1981 gab es insgesamt 8 Vorstellungen.

Veranstalter der deutschen Erstaufführung war die AMK Berlin (Ausstellungs-Messe-Kongress-GmbH) in Verbindung mit der Hochschule der Künste Berlin.

Empfohlene Zitierweise

„Mass“ [Wien, Staatsoper]. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/mass-wien-2/

Letzte inhaltliche Änderung: 29. Dezember 2022.