Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Kleeblatts

Porgy and Bess [Berlin]

Oper in drei Akten

Musik von George Gershwin
Libretto von DuBose Heyward
Gesangstexte von DuBose Heyward und Ira Gershwin
nach dem Bühnenstück „Porgy“ von Dorothy und DuBose Heyward

Inszenierung

Deutsche Erstaufführung: 17. September 1952
Titania Palast, Berlin, Bundesrepublik Deutschland

Besetzung (in der Reihenfolge ihres Auftritts):  

Bewohner der Catfish-Gasse:

Kinder:

Zweite Besetzung:

Premierenchronik

USAUA10. Oktober 1935Alvin Theatre, New York
DKEuropäische EA27. März 1943Königliche Oper, Kopenhagen
CHDspr. EA9. Juni 1945Stadttheater Zürich
AEA (in. Engl.)7. September 1952Volksoper Wien (US-Tournee)
DEA (in. Engl.)17. September 1952Titaniapalast, Berlin (US-Tournee)
GBEA9. Oktober 1952Stoll Theatre, London (US-Tournee)
DDREA (in Dt.)24. Januar 1970Komische Oper Berlin
DEA (in Dt.)22. Januar 1971Theater des Westens, Berlin

Anmerkung: Die Deutsche Erstaufführung (in Engl.) war ein amerikanischer Beitrag für die Berliner Festwochen und war zuvor in Wien und ab Oktober in London zu sehen. Das Gastspiel war eine Blevin Davis und Robert Breen-Produktion für „The American National Theatre and Academy“ (ANTA).

Inhaltsangabe

In der Catfish Row, einer einfachen Wohnstraße in Charleston/USA, tanzen die Bewohner am Sommerabend zum Klavier. Clara singt das Wiegenlied „Summertime“ für ihr Kind. Der gehbehinderte Porgy erscheint auf seinem kleinen Karren. Porgy erkundigt sich nach der leichtlebigen Bess. Diese erscheint mit dem hünenhaften, gewalttätigen Crown. Die Männer setzen sich zum Würfelspiel um Geld. Ein Streit entsteht, und Crown ersticht den Catfish-Row-Bewohner Robbins und ergreift die Flucht. Bevor die Polizei erscheint, bietet Porgy der nun alleingelassenen Bess Hilfe und Unterschlupf an.

Später: Die Fischer planen trotz des stürmischen Wetters eine Ausfahrt und ein Picknick auf Kittiwah Island. Porgy kennt keine finanziellen Sorgen, er ist glücklich mit Bess liiert. Sporting Life versucht Bess zu überreden, mit ihm nach New York zu gehen, wo angeblich ein besseres Leben wartet, doch Bess lehnt ab – sie will bei Porgy bleiben. Sie bricht gemeinsam mit Maria zum Picknick der Fischer auf. Auf der Insel trifft Bess auf Crown, der sich dort versteckt hält, und verfällt ihm wieder. Sie verschwindet mit ihm in den Wald. Bess kehrt erst zwei Tage später erkrankt vom Picknick zurück und gesteht gegenüber Porgy ein, dass sie Crown nicht widerstehen kann. Während eines Hurrikans taucht Crown auf, der Bess holen will.

Crown schleicht sich in der Nacht zu Porgys Wohnung, um Bess zu entführen. Porgy ersticht ihn hinterrücks. Von der Polizei wird Serena des Mordes beschuldigt, doch sie beteuert ihre Unschuld. Porgy weigert sich, die Leiche zu identifizieren, und wird daraufhin wegen Missachtung des Gesetzes eine Woche lang festgehalten. Daraufhin verfällt Bess wieder dem Rauschgift und folgt Sporting Life nach New York. Bei seiner Rückkehr findet Porgy Bess nicht mehr und macht sich auf, sie in New York zu suchen.

(Wolfgang Jansen)

Kritiken

„Sie spielen und singen und leben ihre Rollen wie man atmet – wie man die Dinge tut, die man nicht lernen muß. Denn diese Neger sind alle nicht nur begnadete Sänger, sondern geborene Schauspieler. […] Die Bewohner der Katzenfischgasse sind so verschieden im Temperament wie in der Hautfarbe, die alle Schattierungen von Elfenbein bis zum tiefsten Braun umfaßt.

Der Regisseur Robert Breen hat das wilde Temperament der unzähligen Mitspieler gezügelt und gibt doch die ganze verwirrende Fülle der schwülen Südstaaten-Atmosphäre wieder. Nicht nur der gutmütige Porgy – eine Glanzrolle des William Warfield, der den ganzen Abend auf den Knien liegend singt, und seine Bess, das schöngewachsene Unglück der Männer (Leontyne Price), zeigen Glanzstunden – jeder einzelne Charakter ist von übertroffener Lebendigkeit. Da sind die Typen der Erdbeerfrau (Helen Dowdy), des Krebsverkäufers (Ray Yeats) und die großen Partien der Helen Thigpen, wenn sie die Totenklage um ihren Mann singt, Helen Colbert, die leise sich wiegend ihr Schlummerlied vom Balkon ertönen läßt, und Sportin‘ Life, der böse Verführer mit dem Kokain, der Bess zum Schluß von Porgy fortlockt nach New York.

[…] Und überall dominiert die in Amerika typische negroide Melodie, sei es, daß Gershwin echte Negergesänge übernahm oder in deren Art komponierte. In gleicher Weise wird auch die musikalische Gestaltung von vielen eigenen Symptomen beherrscht, hinter denen doch auch die absolute Schönheit der Stimmen zu spüren ist.“

Schirmer/Reinhard: Porgy und Bess im Titania-Palast. Amerikanisches Neger-Ensemble gastiert mit George Gershwins Volksoper. In: Berliner Anzeiger, 19. September 1952.

„Wenn man gefürchtet hatte, hier werde dem deutschen Publikum etwas Fremdes, Unverständliches geboten, hier werde eine Welt geöffnet, zu der es den Zugang nicht finden könnte, so macht der Erfolg des Abends alle Bedenken hinfällig: die Negeroper ‚Porgy and Bess‘, von George Gershwin komponiert, von einer Truppe dunkler Sänger und Schauspieler im Titania-Palast aufgeführt, wurde so spontan verstanden und aufgefaßt, wie es sich für ein Volksstück gehört. Der Neger und sein Schicksal, seine soziale und rassische Stellung und Wertung, sind längst Besitz des allgemeinen Bewußtseins geworden, der Schauplatz der amerikanischen Südstaten ist der Phantasie des Europäers so vertraut wie das Rußland Dostojewskis oder das Schlesien Gerhart Hauptmanns. Der Erfolg dieses Stückes, dessen Fabel auf einen in den zwanziger Jahren erschienen Roman von Dubose Heywards zurückgeht, scheint auch in Amerika darauf zu beruhen, daß hier nicht für den Neger mit sentimentalen Mitteln Propaganda gemacht wird, sondern daß er und seine Welt gezeigt werden, wie sie sind: eng, heiß von Dunst und Leidenschaft, mit Leichtsinn und Spiel, Neid und Klatsch, Haß und Mord; neben dem guten liebenden und duldenden Manne stehen der brutale Gewaltmensch und der elegante Halbweltgangster.

[…] Alexander Smallens, als Dirigent dem Werk seit seiner Uraufführung verbunden, leitete das RIAS-Unterhaltungsorchester.“

Werner Oehlmann: Porgy and Bess. Gershwins Negeroper im Titania-Palast. In: Tagesspiegel, 19. September 1952.

„Dieser Abend wird als ein besonderes Ereignis der Berliner Festwochen im Gedächtnis bleiben. Er brachte die erste Begegnung mit der Volksoper ‚Porgy and Bess‘ von George Gershwin in der authentischen Darstellung der ‚American National Theatre and Academy‘. Über dem künstlerischen Erlebnis hinaus wurde es zu einer triumphalen Offenbarung des Gedankens der Rassengleichheit und der Völkerversöhnung und erfüllte damit die vornehmste Aufgabe, die der Kunst überhaupt gestellt ist.

[…] George Gershwin hat, dies entdeckt und zu seinem bedeutendsten Werk geformt. Er hat sich, durch das Bühnenstück von Dubose Heyward (der dann auch das Libretto verfaßte) angeregt, in die Atmosphäre, in die Seele dieser entfesselten Welt versenkt. Er komponierte eine faszinierende, moderne, aufpulvernde Musik, die Negro-Spirituals mit Jazzrhythmen schöpferisch verbindet. Es atmet und knistert zwischen den Noten vor ursprünglicher Vitalität. Die musikalischen Einfälle überstürzen sich zu einem genialen Mischmasch sämtlicher Stile, um dann wieder in harmonische, lyrische Gesänge auszulaufen. Es ist keine Oper an sich, sondern naturalistisches Musiktheater, mit den Geräuschen der Straße, mit Trommeln und Schlagzeugsoli und Fensterlädenklappen.

Man kann dies wohl nur in originaler Besetzung herausbringen. Eine hinreißende Aufführung, geformt wie aus einem Guß, von überwältigender Schlagkraft, turbulent und doch diszipliniert.“

Heinz Ritter: Ballade vom heißen Leben. Großer Erfolg von Gershwins Volksoper „Porgy and Bess“ im Titania-Palast. In: Telegraf, 19. September 1952.

Medien / Publikationen

Audio-Aufnahmen

Literatur

Kommentar

Rüdiger Albrecht vom Schallarchiv Deutschlandradio schreibt zu den erst 2007 wiederentdeckten Tonbandaufnahmen der Berliner „Porgy and Bess“-Inszenierung:
„Der Mitschnitt dokumentiert die Aufführungen, die anlässlich der Berliner Festwochen 1952 im Titania-Palast stattfanden, einem ehemaligen Kino im Südwesten Berlins, heute wieder als Kino genutzt, das unmittelbar nach dem Krieg über eine der wenigen bespielbaren Bühnen der Stadt verfügte. Zwischen dem 17. und 27. September 1952 gab es insgesamt 11 Aufführungen von Porgy and Bess. Am Sonntag, den 21. September wurde die Nachmittagsvor-stellung von der Tontechnik des RIAS als Probe genutzt, die zweite Vorstellung am Abend wurde mitgeschnitten. Drei Wochen zuvor hatten die Protagonisten der Aufführung, Leontyne Price und William Warfield, geheiratet.

Empfohlene Zitierweise

„Porgy and Bess [Berlin]“. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. https://uni-freiburg.de/musicallexikon/porgy-and-bess-berlin/

Letzte inhaltliche Änderung: 5. Januar 2024.