Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Neue Einblicke in die Anfänge der Eisenverarbeitung

Freiburg, 06.02.2026

Forschende der Universität Freiburg untersuchten Mikrostruktur und Härteverteilung eines 2.900 Jahre alten Eisenmeißels und beweisen: Schmiede ließen einzelne Abschnitte von Werkzeugen gezielt schneller abkühlen als andere, um den Werkstoff Stahl bewusst zu kontrollieren. Die Ergebnisse belegen eine schrittweise Anpassung bronzezeitlicher Arbeitstechniken an den neuen Werkstoff Eisen. Zudem vertiefen sie das Verständnis des technologischen Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit und früher Wissensweitergabe.

Stark korrodierte Eisenklinge, seitlich aufgenommen und auf weißem Hintergrund präsentiert. Die Klinge ist rostbraun und gelblich verfärbt, mit unregelmäßiger Oberfläche. Darunter eine schwarz-weiß karierte Maßstabsleiste zur Größeneinordnung.
Der Meißel aus Rocha do Vigio, Länge circa 18 Zentimeter. Foto: Ralph Araque Gonzalez

Eine internationale Studie zur Metallverarbeitung in der Vorgeschichte unter Leitung von Ralph Araque Gonzalez, Institut für Archäologische Wissenschaften (IAW) der Universität Freiburg, zeigt: Bereits im 9. Jahrhundert vor Christus wurden Stahlwerkzeuge gezielt wärmebehandelt. Dr. Bastian Asmus, ebenfalls IAW und Inhaber des Labors für Archaeometallurgie in Kenzingen, analysierte Proben aus Schneide und Schaft eines rund 2.900 Jahre alten Eisenmeißels. Mithilfe von Licht- und Elektronenmikroskopie, chemischen Analysen sowie Vickers-Härtemessungen bestimmte er das Gefüge, die Zusammensetzung und mechanische Eigenschaften der Proben präzise.

Die Analysen zeigen einen klaren Funktionsunterschied innerhalb des Werkzeugs: Während der Schaft relativ weich blieb, weist die bewusst schneller abgekühlte Schneide eine deutlich feinere Mikrostruktur auf. Die ergänzend untersuchten Schlackenreste – das sind Abfallprodukte der Eisenherstellung – belegen, dass an der Fundstelle des Meißels in Rocha do Vigio im Südwesten der Iberischen Halbinsel Eisen produziert wurde.

Ein Mann mit Vollbart und grauem Hemd sitzt an einem Holztisch neben einem Mikroskop und schaut lächelnd in die Kamera. Auf dem Tisch stehen weitere Laborgeräte und kleine Fläschchen. Die Szene wirkt wie ein privates oder wissenschaftliches Arbeitsumfeld.

„Wir konnten erstmals demonstrieren, dass frühe Schmiede die thermischen Eigenschaften von Stahl gezielt nutzten, obwohl ihnen moderne Legierungs- und Härtungskonzepte noch nicht zur Verfügung standen. Das zeigt, dass der technologische Wandel nicht durch einen plötzlichen Durchbruch, sondern durch die Weiterentwicklung bestehender handwerklicher Kompetenzen erfolgte.“

Dr. Bastian Asmus

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Archäologische Wissenschaften (IAW), Abt. Urgeschichtliche Archäologie, Universität Freiburg

Die Ergebnisse legen nahe, dass Schmiede in der Bronzezeit ihnen bekannte Arbeitstechniken schrittweise an den neuen Werkstoff Eisen angepasst und ihre Erfahrung mit Wärme, Formgebung und Materialverhalten erfolgreich auf Stahl übertragen haben. „Wir konnten erstmals demonstrieren, dass frühe Schmiede die thermischen Eigenschaften von Stahl gezielt nutzten, obwohl ihnen moderne Legierungs- und Härtungskonzepte noch nicht zur Verfügung standen. Das zeigt, dass der technologische Wandel nicht durch einen plötzlichen Durchbruch, sondern durch die Weiterentwicklung bestehender handwerklicher Kompetenzen erfolgte“, sagt Asmus und ergänzt: „Künftige materialwissenschaftliche Referenzdaten sollten stärker an die chemischen Eigenschaften historischer Stähle angepasst werden, da moderne Vergleichswerte aus unserer Sicht irreführend sein können.“ Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Journal of Materials Research and Technology veröffentlicht.

Mikroskopaufnahme eines Querschnitts durch die Schneide eines Meißels. Links im Bild sind feine Strukturen sichtbar, die durch schnelles Abkühlen entstanden sind. Rechts treten hellere, größere Bereiche auf, die sich bei langsamerer Abkühlung gebildet haben. Unten links ein Maßstabsbalken mit der Angabe „100 µm“.
Querschnitt der Meißelschneide, etwa 1,5 Millimeter vom linken Rand (im Bild) der Probe entfernt. Der Abkühlungsgradient ist deutlich erkennbar. Die linke Seite zeigt aufgrund der schnelleren Abkühlung einen höheren Anteil sehr feinen Perlits; der innere Bereich ist reicher an proeutektoidem Ferrit (weiß) und Widmannstätten-Ferrit (cremeweiß). Mikroaufnahme: Bastian Asmus

Weitere Informationen

Originalpublikation: Asmus, B.; Araque Gonzalez, R.; Mataloto, R. et al. Negotiating between iron and bronze traditions: The impact of a tool – The chisel from Rocha do Vigio. Journal of Materials Research and Technology, Band 41 (2026), Seiten 1615–1629. DOI: 10.1016/j.jmrt.2026.01.091

Dr. Ralph Araque Gonzalez leitet das von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) geförderte Projekt „Die Iberischen Stelen der Spätbronzezeit: Bildkunst, Technologie und Wissenstransfer zwischen Atlantik und Mittelmeer“ (DFG-Projektnummer: 446739573) am Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung Urgeschichte der Universität Freiburg.

Die Analyse des Eisenmeißels wurde innerhalb des obengenannten Projekts realisiert.

Weitere Forschungsergebnisse

Beiträge über weitere Forschungsergebnisse des Projekts „Die Iberischen Stelen der Spätbronzezeit: Bildkunst, Technologie und Wissenstransfer zwischen Atlantik und Mittelmeer“:

Kontakt

Hochschul- und Wissenschaftskommunikation

Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de