„Offenbar trifft das Thema einen aktuellen Nerv“
Freiburg, 02.06.2026
Am 9. Juni 2026 startet die Vortragsreihe „Wissenschaft in gesellschaftspolitischer Verantwortung“. Renommierte Forschende setzen sich in Vorträgen und einer Podiumsdiskussion ausführlich damit auseinander, wie es um die Wissenschaftsfreiheit steht, welche Verantwortung Wissenschaftler*innen tragen und wie sich wissenschaftliche Institutionen ihre Freiheit sichern, ohne sich ihrer gesellschaftspolitischen Mitverantwortung zu entziehen. Warum es sich lohnt, diesen Themen auf den Grund zu gehen, erläutern Dr. Verena Kremling, Beauftragte für Chancengleichheit (BfC), und Eva Pereira Borgmeyer, Referentin im BfC-Büro.

Foto: Jürgen Gocke / Universität Freiburg
Frau Kremling, die Wissenschaftsfreiheit steht im Fokus der Reihe. Sehen Sie diese bedroht?
Kremling: Die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit dient unter anderem dazu, Forschung und Lehre vor politischer oder ideologischer Einflussnahme zu schützen. Wissenschaft soll eine unabhängige Suche nach Erkenntnis betreiben. Das Bundesverfassungsgericht hat betont, dass gerade eine von politischer Zweckmäßigkeit freie Wissenschaft Staat und Gesellschaft langfristig am besten diene. Wissenschaftsfreiheit ist damit auch ein grundlegender Bestandteil freier, demokratischer Gesellschaften.
Wir nehmen derzeit Entwicklungen wahr, die Wissenschaft und wissenschaftliche Institutionen zunehmend unter Druck setzen – nicht nur in den USA. Damit verbunden ist auch eine Infragestellung demokratischer Grundprinzipien. Zugleich entsteht daraus die Notwendigkeit, das Selbstverständnis von Wissenschaft sowie die Verantwortung von Wissenschaftler*innen neu zu reflektieren. Genau hier setzt unsere Vortragsreihe an.
„Die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit dient unter anderem dazu, Forschung und Lehre vor politischer oder ideologischer Einflussnahme zu schützen. Wissenschaft soll eine unabhängige Suche nach Erkenntnis betreiben.“
Dr. Verena Kremling
Beauftragte für Chancengleichheit, Universität Freiburg
Sie haben die USA erwähnt: Welchen Einfluss hat die dortige Entwicklung auf unser Wissenschaftssystem?
Kremling: Ein Blick in die USA zeigt, welchen Einschränkungen Hochschulen ausgesetzt sein können, wenn sie sich politischen Vorgaben nicht unterordnen. Auch an deutschen Universitäten ist diese Entwicklung indirekt spürbar: Die Universitäten in Freiburg, Tübingen und Konstanz nehmen derzeit Forschende aus den USA auf, die dort Einschränkungen oder Behinderungen ihrer wissenschaftlichen Arbeit erfahren. Wissenschaft ist international vernetzt, daher können uns solche Entwicklungen nicht gleichgültig sein.
„Ein Blick in die USA zeigt, welchen Einschränkungen Hochschulen ausgesetzt sein können, wenn sie sich politischen Vorgaben nicht unterordnen. Auch an deutschen Universitäten ist diese Entwicklung indirekt spürbar.“
Dr. Verena Kremling
Beauftragte für Chancengleichheit, Universität Freiburg
Frau Pereira, warum war es Ihnen wichtig, die Diskussion über diese Entwicklungen innerhalb der eigenen Universität aufzugreifen?
Pereira:Es geht uns dabei um die Grundlagen universitärer Arbeit und das Selbstverständnis von Wissenschaftseinrichtungen. Diese grundsätzlichen Fragen gehen alle etwas an, die für die Universität arbeiten – auch das Personal in Verwaltung, Service und Technik, dessen Interessen wir im Büro für Chancengleichheit im Blick haben. Die drei Vorträge beleuchten unterschiedliche Aspekte dieses Themenfeldes und setzen verschiedene Schwerpunkte, während die abschließende Podiumsdiskussion am 30. Juni 2026 mit dem Titel „Wissenschaft zwischen Schutzbedürftigkeit und gesellschaftspolitischer Verantwortung“ der Frage nachgeht, wie sich Wissenschaftsfreiheit immer wieder neu definieren und behaupten muss. Uns war es zudem wichtig, Forschende unserer eigenen Universität einzubinden.
Das ist Ihnen gelungen: Die Reihe ist mit renommierten Forschenden und Jurist*innen besetzt. Ist das ein Zeichen dafür, dass das Thema eine besondere Relevanz hat?
Pereira: Das scheint tatsächlich so zu sein. Stimmen aus der eigenen Institution sind besonders wichtig und besonders glaubwürdig, deshalb haben wir uns sehr darüber gefreut, dass sich die Freiburger Wissenschaftler*innen Prof. Dr. Sylvia Paletschek, Prof. Dr. Silja Vöneky, Prof. Dr. Andreas Voßkuhle, Prof. Dr. Thomas Stieglitz und Prof. Dr. Frieder Vogelmann für die Reihe gewinnen ließen. Offenbar trifft das Thema einen aktuellen Nerv und verweist auf die Herausforderungen, denen Wissenschaftsfreiheit und Demokratie derzeit ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass wir auf diese Weise konkret schauen können, welche Handlungsmöglichkeiten es bei uns an der Universität Freiburg gibt. Die Vortragenden bringen jeweils ihre eigenen fachlichen und persönlichen Expertisen ein und werden in der anschließenden Diskussion voraussichtlich auch unterschiedliche Sichtweisen vertreten. Gerade diese Vielfalt macht das Format besonders spannend.
„Die Vortragenden bringen jeweils ihre eigenen fachlichen und persönlichen Expertisen ein und werden in der anschließenden Diskussion voraussichtlich auch unterschiedliche Sichtweisen vertreten. Gerade diese Vielfalt macht das Format besonders spannend.“
Eva Pereira Borgmeyer
Referentin im BfC-Büro, Universität Freiburg
Der Fokus der Reihe liegt dabei nicht nur auf der Wissenschaftsfreiheit, sondern auch darauf, wie sie innerhalb der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen positioniert wird. Welche Rolle spielen dabei aus Ihrer Sicht die Universitäten?
Kremling: Universitäten sind Orte der Wissensproduktion und -vermittlung, die darauf angewiesen sind, dass Forschung und Lehre frei, ergebnisoffen und ohne inhaltliche Vorgaben stattfinden können, um wissenschaftliche Qualität, eine gewisse Neutralität und Innovation zu gewährleisten. Zugleich sind Universitäten aber auch öffentliche, aus Steuergeldern finanzierte Institutionen mit einem gesellschaftlichen Auftrag. Daraus ergibt sich nicht nur die Verantwortung, gesellschaftlich relevante Fragen aufzugreifen, kritisch zu reflektieren und zur öffentlichen Debatte beizutragen, sondern auch die Aufgabe, diese ganz besondere Funktion für die Wissenschaft und für die Gesellschaft zu behaupten und zu verteidigen. In dieser Doppelrolle zwischen wissenschaftlicher Autonomie und gesellschaftlicher Einbindung kommt ihnen also eine besondere Vermittlungsfunktion zu.
Die Termine der Vortragsreihe „Wissenschaft in gesellschaftspolitischer Verantwortung“ im Überblick:
- Dienstag, 9. Juni 2026, ab 18:00 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Thomas Stieglitz vom Institut für Mikrosystemtechnik – IMTEK zum Thema „Wissenschaft im Spannungsfeld von Freiheit und strategischer Ausrichtung“.
Uniseum Freiburg, Bertoldstraße 17 - Dienstag, 16. Juni 2026, ab 18:00 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Frieder Vogelmann vom University College Freiburg und der Philosophischen Fakultät zum Thema „Politik und Wissenschaften: (k)eine Liebesbeziehung?“
Uniseum Freiburg, Bertoldstraße 17 - Dienstag, 23. Juni 2026, ab 18:00 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Silja Vöneky vom Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Öffentliches Recht zum Thema „Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftsverantwortung“
Uniseum Freiburg, Bertoldstraße 17 - Dienstag, 30. Juni 2026, ab 19:00 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema „Wissenschaft zwischen Schutzbedürftigkeit und gesellschaftspolitischer Verantwortung“. Auf dem Podium: Prof. Dr. Sylvia Paletschek, Prof. Dr. Thomas Stieglitz, Prof. Dr. Frieder Vogelmann und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle. Moderation: Dr. Arndt Michael, ass. jur. (Leiter Colloquium politicum, Universität Freiburg)
Hörsaal 1199 im Kollegiengebäude I, Platz der Universität 3
Weitere Informationen
- Die Vortragsreihe wird gemeinsam vom Colloquium Politicum und dem Uniseum der Universität Freiburg umgesetzt. Initiiert wurde sie unter Mitwirkung von Dr. Helmut Waller (früher Connected Services).