Erneuerung als Prinzip
Freiburg, 01.04.2026
Was heißt es, eine Universität für die Zukunft zu entwerfen? Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gibt eine Antwort: Erneuerung als Prinzip, Exzellenz als Motor, Verantwortung als Haltung. Als eine der forschungsstärksten Universitäten Deutschlands will sie international wirken, Orientierung stiften und Impulse weit über den Campus hinaus entfalten. Im Interview beschreibt Rektorin Prof. Dr. Kerstin Krieglstein, wodurch eine Universität heute Relevanz gewinnt, welche Bedingungen Spitzenforschung braucht und wie die Impulse der Exzellenzstrategie Spitze und Breite gleichermaßen erreichen.

Veränderung als Teil der DNA: „Über Jahrhunderte hinweg hat sich die Universität Freiburg ihre Relevanz immer wieder neu erarbeitet“, sagt Rektorin Prof. Dr. Kerstin Krieglstein im Interview. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg
Frau Krieglstein, die Zukunftsagenda ‘UFR 2040’ steckt einen weiten Horizont ab. Welches Bild haben Sie dabei vor Augen?
Unser Anspruch ist, die Universität Freiburg als forschungsstarke, vernetzte und verantwortungsvolle Institution weiterzuentwickeln. Die Zukunftsagenda ‘UFR 2040’ ist dabei der zielgerichtete Rahmen. Wir erleben schon seit längerem multiple Krisen und rasante technologische Umbrüche. Deshalb müssen wir unsere Rolle in der Gesellschaft neu denken. Wir müssen sichtbarer machen, welchen Mehrwert die Universität für unsere demokratische Kultur, für Wohlstand und Lebensqualität bietet. Das Bild, was ich dabei vor Augen habe, ist eine Universität, die Orientierung gibt und Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt.
Wie verwandelt sich Wissen in Orientierung?
Indem wir die großen Herausforderungen der Zeit inter- und transdisziplinär bearbeiten, vom Klimawandel über neue Therapieansätze bis zu kulturellen Transformationen und KI. Doch Orientierung entsteht nicht allein durch Daten und Diagramme. Eine Universität wirkt am stärksten, wenn sie ihre Erkenntnisse teilt und anschlussfähig macht – in Reallaboren mit Bürger*innen, in der Politikberatung oder in Innovationspartnerschaften mit Unternehmen. Bis 2040 wollen wir die Universität Freiburg noch sichtbarer als Impulsgeberin machen und ihre Forschungsschwerpunkte weltweit an die Spitze führen.
Wer 15 Jahre Hochschulentwicklung plant, muss sich festlegen und zugleich beweglich bleiben. Wie gelingt dieser Spagat?
15 Jahre klingen lang, doch für eine Universität ist das ein realistischer Zeitraum: genug, um Veränderungen einzuleiten, Wirkung zu sehen und bei Bedarf den Kurs zu korrigieren. Über Jahrhunderte hinweg hat sich die Universität Freiburg ihre Relevanz immer wieder neu erarbeitet. Unsere Erneuerungsfähigkeit ist daher auch für unsere Zukunft unerlässlich. Veränderung muss Teil unserer DNA, unserer gesamten Governance sein; getragen von einer Kultur, die Offenheit lebt und Ermöglichung fördert. So bleibt die Universität verlässlich und wird zugleich zukunftsfest.
Die Universität Freiburg bewirbt sich um den Exzellenztitel. Wie fügt sich dieser Wettbewerb in ihre langfristige Entwicklung ein?
Der Wettbewerb ist für uns ein Ansporn. Er verschafft uns den Freiraum, über den Alltag hinaus große Zukunftsfragen zu stellen und die Bedingungen für Spitzenforschung gezielt zu verbessern. Davon profitiert auch die Lehre: Zusätzliche Mittel ermöglichen neuartige Studienformate im europäischen Verbund, mehr Forschungsnähe im Studium und die Vermittlung zentraler Zukunftskompetenzen. Entscheidend ist aber: Exzellenz ist für uns kein Selbstzweck. Wir wollen wissenschaftlich führend sein und zugleich gesellschaftlich relevant bleiben. In diesem Sinne wäre der Exzellenztitel ein Beschleuniger unserer Zukunftsagenda.
„Wir setzen auf die Menschen, die hier arbeiten – ihr Talent und ihre Ideen, ihre Neugier und große Kraft, Dinge ins Rollen zu bringen. Selbstverständlich sind auch Strukturen und Ausstattung wichtig, doch entscheidend ist ein Umfeld, das Zusammenarbeit fördert und Verantwortung stärkt. So entsteht exzellente Forschung, die weit über die Universität hinauswirkt.“
Prof. Dr. Kerstin Krieglstein
Rektorin, Universität Freiburg
Die Exzellenzstrategie zielt auf Spitzenforschung. Doch wie lassen sich ihre Impulse so nutzen, dass auch die Breite der Universität davon profitiert?
Spitze und Breite bedingen einander, denn exzellente Forschung braucht eine starke Basis. Zwei Beispiele aus unseren Maßnahmen: Durch die Breakthrough-Förderung möchten wir Forschenden mit originellen Ideen den Sprung an die Weltspitze ermöglichen. Durch zukunftsweisende Berufungen wollen wir neue Schnittstellenfelder in unserem Forschungsprofil eröffnen. Zugleich verbessern wir die Grundlagen für alle – von leistungsfähigen Core Facilities über moderne Forschungs-IT bis hin zu verlässlichen Karrierewegen in der Wissenschaft und auch darüber hinaus. Dazu gehört auch, fortlaufend Kompetenzen zu erweitern und Forschende, Studierende sowie die Beschäftigten in der Verwaltung zu befähigen, die Weiterentwicklung der Universität mitzugestalten. Dieses Zusammenspiel macht uns auch international zu einem gefragten Partner.

Die Dinge ins Rollen bringen: Die Universität Freiburg teilt ihre Erkenntnisse und macht sie anschlussfähig – in Reallaboren mit Bürger*innen, in der Politikberatung oder in Innovationspartnerschaften mit Unternehmen. Foto: Sandra Meyndt/Universität Freiburg
Was verstehen Sie darunter, als Universität global zu agieren?
Das heißt für uns, Netzwerke zu gestalten, die wissenschaftliche Exzellenz ermöglichen und zugleich Brücken zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schlagen. Für ihre Vorhaben suchen Forschende weltweit die stärksten Partner, und Freiburg ist für sie attraktiv, weil wir Spitzenforschung in Schlüsselbereichen mit einer Kooperationskultur verbinden. Europa ist für uns ein zentraler Handlungsraum, geeint durch unser Bekenntnis zur Wissenschaftsfreiheit und unterstützt durch hohe Mobilität und starke Förderung. Zugleich pflegen wir Partnerschaften in Nordamerika, Asien, Australien und Afrika, die uns internationale Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit sichern.
Diese ZEIT-Beilage trägt den Titel „Exzellente Köpfe, exzellente Forschung“. Beides gehört zusammen, aber was ist das Bindeglied?
Unsere Universitätskultur. Wir setzen auf die Menschen, die hier arbeiten – ihr Talent und ihre Ideen, ihre Neugier und große Kraft, Dinge ins Rollen zu bringen. Selbstverständlich sind auch Strukturen und Ausstattung wichtig, doch entscheidend ist ein Umfeld, das Zusammenarbeit fördert und Verantwortung stärkt. So entsteht exzellente Forschung, die weit über die Universität hinauswirkt.
Hinweis: Dieses Interview wurde am 29. Oktober 2025 bei ZEIT für X veröffentlicht.