Moderne traditionelle Drucke: Visuelle Medien als ethnographische Objekte zwischen Nanjing und Hamburg
Vortrag von Dr. Bernd Spyra

Mittwoch, 01. Juli 2026, 12:00 – 14:00 Uhr
Breisacher Tor, Raum 207
Die populäre chinesische Druckgrafik (nianhua) des frühen 20. Jahrhunderts wird in der Forschung bislang meist als „traditionelles“ Medium verstanden: als handgefertigte Holzschnitte, eng verbunden mit rituellen Praktiken, ländlicher Gesellschaft und kultureller Kontinuität. Solche Einordnungen sind jedoch keine neutralen Beschreibungen, sondern Ergebnis bestimmter wissenschaftlicher und musealer Perspektiven.
Der Vortrag nimmt die Sammlung chinesischer populärer Drucke am Museum am Rothenbaum (MARKK) in Hamburg zum Ausgangspunkt. Im Zentrum steht die Frage, wie die Unterscheidung zwischen „traditioneller“ und „moderner“ visueller Kultur im frühen 20. Jahrhundert überhaupt entstanden ist, und welche Rolle ethnologische Forschung, Volkskunde und internationale Austauschprozesse dabei spielten.
Besonders aufschlussreich ist dabei eine Gruppe industriell gefertigter Farbdrucke aus dem Shanghai der 1920er und 1930er Jahre. Sie greifen “traditionelle” Bildmotive auf, sind aber zugleich Produkte moderner Massenmedien. Damit passen sie nur schwer in gängige Vorstellungen von chinesischer Druckkultur. Gerade diese Spannung macht sie jedoch interessant: An ihnen lässt sich zeigen, nach welchen Ordnungsmustern populäre Drucke gesammelt, beschrieben und eingeordnet wurden, und zwar in China ebenso wie in Europa.
Der Vortrag rückt so Sammelpraktiken, Objektlisten und Ausstellungen in den Blick und macht sichtbar, wie eng die wissenschaftliche Beobachtung von Populärkultur, die Überlieferung visueller Medien und Vorstellungen von „Moderne“ miteinander verknüpft sind. Populäre Drucke erscheinen damit nicht mehr als bloße Überreste einer vergangenen Kultur, sondern als Teil moderner Wissens- und Repräsentationsordnungen.
Keine Anmeldung erforderlich.