Wahlforscher zur Wahl in Sachsen-Anhalt: „Wo Gefühle dominieren, überzeugen Fakten nicht“
Freiburg, 01.09.2026
Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Im Vorfeld spricht Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Eith im Interview über die Grenzen populistischer Rhetorik, die langfristige Veränderung des deutschen Parteiensystems und die Macht des politischen Storytellings.

Ulrich Eith, außerplanmäßiger Professor am Seminar für Wissenschaftliche Politik an der Universität Freiburg und Leiter der Studienhaus Wiesneck für politische Bildung. Foto: Ralf Killian
Herr Eith, im Kontext der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird derzeit häufig von Populismus gesprochen. Was versteht die Politikwissenschaft darunter?
Ulrich Eith: Der Populismus-Begriff definiert sich unter anderem durch eine ablehnende Haltung gegenüber dem Establishment und ein duales Weltbild. Das damit verbundene Freund-Feind-Denken zeigt sich auf der vertikalen Ebene in der Gegenüberstellung „Wir hier unten gegen die da oben“, auf der horizontalen Ebene in einer „Wir gegen die Anderen“-Logik. „Die Anderen“ ist ein Platzhalter für potenziell missliebige Personengruppen, zum Beispiel Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben oder sich für Feminismus einsetzen. Populist*innen beanspruchen zudem für sich, den wahren Volkswillen zu kennen und bauschen bestehende Probleme zu existenziellen Krisen auf, sodass deren Wahrnehmung nicht mehr zur tatsächlichen Faktenlage passt.
Wo verläuft aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen politischen Zuspitzungen, die auf tatsächliche Defizite aufmerksam machen, und demokratiegefährdenden populistischen Erzählungen?
Politische Zuspitzungen sind Teil der demokratischen Normalität. Wir hören sie häufig in Wahlkämpfen, mitunter auch mit populistischen Elementen. Sobald populistische Narrative allerdings den normativen Boden des Grundgesetzes verlassen, ist die Grenze überschritten. Dies geschieht zum Beispiel, wenn der „Wir-Begriff“ des dualistischen Weltbilds völkisch definiert wird. Weitere rote Linien sehe ich in Erzählungen, die darauf abzielen, Rechtsstaatlichkeit auszuhöhlen – etwa, durch Zweifel an der Unabhängigkeit von Gerichten – und Misstrauen gegenüber geltendem Wahlrecht zu streuen, um dieses zum eigenen Vorteil zu ändern. Wie das geht, zeigt die AfD. Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ruft sie danach, die Briefwahl abzuschaffen und begründet dies mit ihrer Sorge vor Manipulation. Dahinter steckt jedoch ein wahltaktisches Manöver. Die empirische Wahlforschung zeigt: Briefwähler*innen stimmen tendenziell für andere Parteien, sodass es dem Ergebnis der AfD nutzen könnte, ihnen die Stimmabgabe zu erschweren. Weitere charakterisierende Beispiele sind Einschränkungen von öffentlichen Protesten durch Druck auf Demonstrierende und der Versuch, die Unabhängigkeit der Presse einzuschränken.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte die AfD erstmals stärkste Kraft werden. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD einen doppelt so hohen Stimmanteil wie bei der Bundestagswahl 2021. Wie lässt sich dieser Erfolg erklären?
Die aktuelle Weltlage begünstigt den Aufstieg populistischer Parteien. Ob Klimawandel, Kriege, Digitalisierung oder Krankenkassen- und Pflegereform: Unsere Gesellschaft ist mit tiefgreifenden Wandlungsprozessen konfrontiert, und die demokratischen Parteien reagieren oft spät und zu langsam. Bei einem Teil der Bevölkerung führt dies zu Gefühlen wie Angst, Überforderung und Kontrollverlust. Hier knüpfen Populisten an. Sie liefern einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen und geben vor, die wahren Interessen des Volks zu vertreten, während sie parallel die „Schuldigen“ für etwaige Missstände bekämpfen. Kurz: Sie stilisieren sich als Retter. Das verfängt auf emotionaler Ebene, und wo Gefühle dominieren, überzeugen Fakten nicht. Darüber hinaus erzeugen populistische Parteien bei ihren Wähler*innen ein Gemeinschaftsgefühl, indem sie diesen ein gemeinsames Wertesystem anbieten und eine Alternative zum voranschreitenden Individualisierungsprozess eröffnen. So schaffen sie einen alternativen Wahrnehmungs- und Orientierungsrahmen und suggerieren dadurch ihren Wähler*innen, auch in Zeiten hohen Veränderungsdrucks, die Kontrolle zurückzugewinnen. Wie erfolgreich dieses Motiv war und ist, zeigt sich am Pro-Brexit-Slogan „Take Back Control“, der damit warb, sich die Kontrolle über zahlreiche Themen von der EU zurückzuholen. Mit „Hol dir dein Land zurück“ bedient sich die AfD eines ähnlichen Narrativs.
„Hier knüpfen Populisten an. Sie liefern einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen und geben vor, die wahren Interessen des Volks zu vertreten, während sie parallel die ,Schuldigen‘ für etwaige Missstände bekämpfen. Kurz: Sie stilisieren sie sich als Retter. Das verfängt auf emotionaler Ebene, und wo Gefühle dominieren, überzeugen Fakten nicht.“
Prof. Dr. Ulrich Eith
Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg
Was sagt diese Entwicklung über die politische Kultur und Demokratie in Deutschland aus?
Erstmal ist diese Entwicklung kein deutsches Phänomen. In Frankreich hat der Rassemblement National hohe Zustimmungswerte, in Italien regiert mit Fratelli d’Italia eine Partei des rechten Spektrums. Polen und Ungarn kehren derzeit nach Jahren rechtskonservativer, populistischer Regierungen wieder schrittweise zu mehr Rechtsstaatlichkeit zurück. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass der Aufstieg der AfD in Deutschland sogar eher verspätet erscheint. Zumal auch in Deutschland die Gefahr, die von einer polarisierten Weltsicht ausgeht, bekannt ist. Immerhin waren mit den Republikanern und der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bereits rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien in deutschen Landtagen vertreten. Anders als Bündnis 90/Die Grünen oder die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) – heute Die Linke – hat sich die AfD seit ihrer Gründung letztlich nicht in das deutsche Parteiensystem integriert. Vielmehr kam es zu einer immer stärkeren Einigelung und Radikalisierung. Auch die Brandmauer-Strategie war nicht erfolgreich. Aktuell ist nicht davon auszugehen, dass die AfD mittelfristig verschwinden wird. Dennoch sehe ich bislang noch nicht, dass ihr Wirken tragende Säulen der deutschen Demokratie nachhaltig destabilisiert oder die pluralistische Gesellschaft durch völkisches „Stammesdenken“ (Karl Popper) ersetzt. Allerdings gilt es, wachsam zu bleiben, Politik und Zivilgesellschaft sind gefordert.
„Anders als Bündnis 90/Die Grünen oder die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) – heute Die Linke – hat sich die AfD seit ihrer Gründung letztlich nicht in das deutsche Parteiensystem integriert.“
Prof. Dr. Ulrich Eith
Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg
Welchen Anteil haben Medien und im politischen Zentrum stehende Parteien am Aufschwung populistischer Kräfte?
Der Vertrauensverlust in die etablierten Parteien ist bei den Anhänger*innen populistischer Parteien riesengroß. Auffällig ist schon, dass es diesen kaum gelingt, längerfristige Zukunftsperspektiven, deren Chancen und emotionale Seite überzeugend zu transportieren. Es fehlt die sinnhafte Geschichte zu den Fakten rund um Elektromobilität, Windkraft und die Wärmepumpenheizung. Populist*innen füllen die entstandene Lücke mit ihren Narrativen, die sie über ihre eigenen Kanäle vertreiben. Im digitalen Zeitalter sind populistische Kräfte kaum noch auf traditionelle Medien angewiesen und profitieren von den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Netzwerke. Der Anziehungskraft des Populismus kann aus meiner Sicht mit Austauschformaten und dialogischen Beteiligungsprozessen entgegengewirkt werden. Sie tragen dazu bei, dass Menschen sich wahrgenommen fühlen und so schrittweise ihre Ohnmacht über herausfordernde Veränderungen verlieren. Gleichzeitig ist es wichtig, sich immer wieder auch darin zu üben, Widersprüche, Unsicherheiten und andere Meinungen auszuhalten. Demokratie ist kein Zustand, Demokratie ist ein Prozess.
„Der Anziehungskraft des Populismus kann aus meiner Sicht mit Austauschformaten und dialogischen Beteiligungsprozessen entgegengewirkt werden. Sie tragen dazu bei, dass Menschen sich wahrgenommen fühlen und so schrittweise ihre Ohnmacht über herausfordernde Veränderungen verlieren. Gleichzeitig ist es wichtig, sich immer wieder auch darin zu üben, Widersprüche, Unsicherheiten und andere Meinungen auszuhalten.“
Prof. Dr. Ulrich Eith
Politikwissenschaftler an der Universität Freiburg
Zur Person
Über Prof. Dr. Ulrich Eith
Prof. Dr. Ulrich Eith studierte Politikwissenschaft, Mathematik und Soziologie. Er promovierte und habilitierte sich in Politikwissenschaft. Seit 2007 ist Eith außerplanmäßiger Professor am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg und Geschäftsführer der „Arbeitsgruppe Wahlen Freiburg“. Eith ist zudem Leiter des Studienhaus Wiesneck, einem Institut für politische Bildung in Buchenbach bei Freiburg. Sein Forschungsinteresse gilt unter anderem der Wahl- und Parteienforschung, dem deutschen Regierungssystem und politischen Systemvergleich.