Wandel, der verbindet: Studierende und Promovierende erforschen Wege in gerechtere Zukunft
Freiburg, 08.12.2025
Das Ende der Heineken-Brauerei in Schiltigheim/Frankreich bietet die Chance, auf deren innerstädtisch gelegenem Gelände etwas gänzlich Neues zu schaffen. Wie das Areal auf ‚gerechte‘ Weise nachgenutzt werden kann, untersuchten 70 Studierende und Promovierende aus Deutschland, Frankreich und der Slowakei im Workshop „Ein Brauereigelände in sozial-ökologischer Transformation?!“. Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit, kunstbasierte Forschung und interkulturellen Austausch entstanden neue Perspektiven darauf, wie Veränderung auf lokaler Ebene gelingen kann.

Wie soll das Areal der Heineken-Brauerei im französischen Schiltigheim nachgenutzt werden, wenn diese Ende 2025 schließt? Braucht es eine neue Schule? Oder eher eine innerstädtische Grünanlage? Fragen, die nicht nur die Bewohner*innen der ehemaligen Bierbrauerstadt beschäftigen. Sie standen auch im Zentrum der einwöchigen Exkursion „Ein Brauereigelände in sozial-ökologischer Transformation?!“, zu der sich Mitte November 70 Studierende und Promovierende der Universitäten Freiburg, Frankfurt, Straßburg/Frankreich und Bratislava/Slowakei in Straßburg trafen. Sie sind in den Fächern Empirische Kulturwissenschaft, Sozial- und Kulturanthropologie und Soziale Arbeit zuhause. Gemeinsam mit Medienexpert*innen verbanden die Teilnehmenden interdisziplinären und interkulturellen Austausch mit kunstbasierter Forschung, um „Just Transition“-Initiativen – also Aktionsgruppen, die sich für einen gerechten sozial-ökologischen Wandel einsetzen – vor Ort zu unterstützen.
Umbrüche von allen Seiten betrachten
„Das Konzept hinter Just Transition geht auf amerikanische Gewerkschaften zurück, die sich in den 1990er-Jahren dafür engagierten, dass Arbeitnehmer*innen in der Brennstoffindustrie nicht durch die damalige Klimapolitik benachteiligt werden“, erklärt Dr. Sarah May, Vertretungsprofessorin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Freiburg und Co-Leiterin des Workshops. „Die Idee wurde im Folgenden in diversen politischen Kontexten neu gedacht und breiter gefasst. Heute strebt das Konzept danach, sozial-ökonomische Umbrüche auf globaler und lokaler Ebene von allen Seiten zu betrachten. Übergeordnetes Ziel ist es, Transformationsprozesse hin zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen Gesellschaft so zu gestalten, dass sie nicht nur Umwelt und Wirtschaft dienen, sondern auch das Soziale – die dritte Säule der Nachhaltigkeit – berücksichtigen.“ Gleichzeitig stärke der Just-Transition-Ansatz Handlungsmacht und Kompetenzen auf Seiten der Menschen und sei auch deswegen aktuell relevanter denn je, ergänzt May.
Große Zukunftsfragen in kleinen Teams bearbeitet
Wissenschaftler*innen, die im Bereich von „Just Transition“ forschen, analysieren Umbrüche nicht nur aus der Ferne. Vielmehr verfolgen sie selbst transformative Ziele und wollen Wandel gestalten – sei es anhand von Forschungsdesigns, die lokale Akteur*innen aktiv in den Prozess integrieren, oder mithilfe von audiovisuellen Methoden, die Fotos, Videos und Soundscapes (Klanglandschaften, die Umgebungsgeräusche und Gespräche wiedergeben) mit einbeziehen.
Das spiegelt sich auch in der Workshop-Woche wider: Auf dem Programm standen Kurse zu Fotografie, Video- und Audioproduktion, in denen die Teilnehmenden unter anderem lernten, wie sie obengenannte Medien erstellen und auswerten. Drei Studierende und/oder Promovierende bildeten ein Medienteam, das sich gemeinsam eine Forschungsfrage stellte. Besetzt mit je einer Person aus Deutschland, Frankreich und der Slowakei waren die Teams sowohl fachlich, kulturell als auch mit Blick auf ihre Wissensstände bunt gemischt. Gemeinsam analysierten sie beispielsweise utopische wie dystopische Zukunftsszenarien der Bewohner*innen Schiltigheims, die von Parks und sozial-offenen Räumen bis hin zu Wohnsilos und Gentrifizierung reichten. Sie diskutierten mit lokalen Akteur*innen Fragen des kulturellen Erbes der „Stadt der Bierbrauereien“ und suchten nach dessen Spuren im Stadtbild. Nicht zuletzt sprachen sie mit Personen, die mit dem Schließen der Brauerei ihre Arbeit verloren haben: Enttäuschung und Wut waren Emotionen, die hier ebenso zu Tage traten wie Momente der Zufriedenheit und der Ausdruck von Selbstwirksamkeit, wenn ehemalige Angestellte von gemeinsamen Praktiken und Streikstrategien angesichts der angekündigten Schließung sprachen.
Alle Forschungsteams suchten den Austausch mit Anwohnenden, Graswurzelorganisationen, Brauereimitarbeitenden, Stadtplaner*innen, Sozialarbeiter*innen sowie anderen lokalen Akteur*innen – und so ein Verständnis von ‚Just Transitions‘ aus Sicht der in diesen Wandel Involvierten. Zudem wendeten sie ethnografisch-kulturwissenschaftliche Methoden an und setzten die frisch erworbenen Kompetenzen aus den Kursen um.




Lernen durch Herstellen
„So große, interdisziplinäre und internationale Forschungsexkursionen sind in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften nicht alltäglich“, sagt May. „Unser Angebot hat den Teilnehmenden die besondere Chance geboten, über Tage hinweg verdichtet praktische Forschungserfahrung zu sammeln. Dabei konnten sie erleben, dass sie ihr theoretisch erlerntes Methodenwissen tatsächlich befähigt, Projekte in der Praxis umzusetzen.“ Zum Erfahrungspaket der Teilnehmenden zählt May auch, dass diese in den Kursen neue berufliche Kompetenzen erworben haben. „Die Teilnehmenden konnten viel über Menschen, deren abweichende Bedürfnisse und Hintergründe lernen. Dieser Austausch hat ihnen die Vielzahl an möglichen Perspektiven auf ein Thema aufgezeigt und sie dafür sensibilisiert, Transformationen sowie neuen Kooperationen offen gegenüberzustehen, einen Schritt zurückzutreten und das große Ganze mit Abstand zu betrachten.“
Das bestätigt auch Lea Breitsprecher, die als Promovierende an dem Workshop teilnahm: „Interdisziplinär, multimedial und interkulturell zu arbeiten, bedeutet, sich schnell auf verschiedene und sich verändernde Kontexte einzulassen, etwas womit man sicherlich immer wieder konfrontiert sein wird. Das war an manchen Stellen herausfordernd und von Momenten des Aushandelns und Aushaltens begleitet. Das Endprodukt zu sehen und zu erfahren, dass ein solches Projekt gelingen kann, hat uns auch stolz gemacht.“
Ergebnisse werden weiter genutzt
Der Workshop schloss mit einer Ausstellung, die die Vielzahl fachlicher Perspektiven und erarbeiteter Inhalte abbildet. Insgesamt sind acht fotografische Kapitel, vier Videos und sieben Soundscapes entstanden. Sie zeigen unter anderem Arbeitnehmer*innen der Brauerei an ihrem letzten Arbeitstag, Spuren vergangener baulicher Veränderungen in Schiltigheim und rücken immer wieder die Perspektive der Anwohner*innen des nun ehemaligen Brauereigeländes in den Fokus. Zahlreiche Forschungspartner*innen kamen zur Ausstellungseröffnung am Freitagabend in die Universität Straßburg. Auch in der Nachnutzung der Daten zeigt sich das Interesse der Beteiligten der Forschungswoche, Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch zu bringen: Studierende werden einen öffentlichen Blog erarbeiten, die Daten sollen in wissenschaftlichen Texten und Abschlussarbeiten weitergenutzt werden. Zudem hat die Gruppe ihre Ergebnisse den Kooperationspartner*innen vor Ort zur weiteren Bearbeitung überlassen.