Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Warum boomt Fantasy- und Science-Fiction-Literatur in China?

Freiburg, 30.01.2026

Juniorprofessorin Dr. Jessica Imbach geht dieser Frage in ihrer Forschung zu chinesischer Fantastik nach. Im Interview erzählt sie wie die beiden Genres neue Denk- und Imaginationsräume im autoritären China eröffnen und welche Rolle digitale Plattformen und Fangemeinden spielen.

Eine Frau mit dunklen Haaren sitzt auf einer Treppe in einem Innenraum. Sie trägt eine schwarze Lederjacke, einen gestreiften Pullover, schwarze Hosen und schwarze Schnürstiefel. Die Treppe besteht aus dunklem Stein, das Geländer ist gelb mit einem Holzhandlauf.
Jun.-Prof. Dr. Jessica Imbach erforscht in ihrem Projekt „SINOFANTASY“ chinesische Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Die Sinologin Jun.-Prof. Dr. Jessica Imbach arbeitet seit 2024 am Institut für Sinologie an der Universität Freiburg. Der Analyse von chinesischer Fantasy- und Science-Fiction-Literatur geht sie in ihrem Projekt „SINOFANTASY – Studying Imaginative Otherworlds: Chinese Fantasy Fiction, Literary Politics, and Media Creativity“ nach, welches seit 2025 vom Europäischen Forschungsrat (ERC) mit einem Starting Grant gefördert wird. Neben ihrer Arbeit in Freiburg forscht Imbach auch in China vor Ort. Die letzte Forschungsreise führte sie im September 2025 an die Renmin Universität in Peking.

Frau Imbach, was macht die Forschung zu Fantasy- und Science-Fiction-Literatur aus China gerade so spannend?

In China bewegt sich rund um Fantasy und Science-Fiction derzeit enorm viel– nicht nur literarisch, sondern auch kulturindustriell und medienpolitisch. Die Genres haben sich zu einer der wichtigsten populären Unterhaltungsformen entwickelt.
Gleichzeitig sind die beiden Genres sehr divers. Es gibt bereits unzählige Subgenres, die ideologisch weit auseinanderliegen. Neben sehr konservativen, auch misogynen Erzählformen existieren zum Beispiel auch queer-feministische Texte.

Wie hat sich dieser Boom entwickelt?

Genau das möchte ich mit meinem Team im Rahmen unseres Forschungsprojektes herausfinden. Wir wollen erarbeiten, welche Dynamiken diese Begeisterung hervorgebracht und in einem neoliberal organisierten und zugleich stark autoritären Staat unterstützt haben.

Grundsätzlich glaube ich, dass die beiden Genres zunächst einmal einfach aufregend waren. Fantasy- und Science-Fiction haben eine neue Vielfalt auf den Literaturmarkt gebracht. Zudem haben sich beide Genres mittlerweile so stark ausgefächert, dass jede Person eine eigene Nische und Community findet. Hinzukommend ist beispielsweise Science-Fiction-Literatur ein erfolgreiches Werkzeug, um ein neues China-Bild zu vermitteln, das von fortschrittlicher Technologie und Innovation geprägt ist.

Eine Frau mit dunklen Haaren sitzt auf einer Treppe in einem Innenraum. Sie trägt eine schwarze Lederjacke, einen gestreiften Pullover, schwarze Hosen und schwarze Schnürstiefel. Die Treppe besteht aus dunklem Stein, das Geländer ist gelb mit einem Holzhandlauf.

„Die Texte eröffnen wichtige Diskurs- und Denkräume, um alternative Geschichtsentwürfe zu entfalten oder Tabuthemen allegorisch zu verhandeln.“

Jun.-Prof. Dr. Jessica Imbach

Institut für Sinologie, Universität Freiburg

Mit welchen Fragen nähern Sie sich diesem vielschichtigen Literaturkosmos?

Auf einer individuelleren Ebene richten wir spezifische Fragen an die jeweiligen Texte. Wie wird China in diesen Werken dargestellt? Welche Gesellschaftsentwürfe, Themen oder auch Konflikte werden verhandelt? Unser Ziel ist es, die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen in einzelnen Texten sichtbar zu machen.

Kann die Analyse chinesischer Fantasy- und Science-Fiction-Literatur das Verständnis des autoritären Regimes in China unterstützen?

Man muss hier zunächst vorsichtig sein: Chinesische Fantasy- und Science-Fiction-Literatur ist kein direkter Spiegel der Wirklichkeit. Das Feld ist extrem divers – wenn wir wirklich alles lesen würden, würden wir vermutlich nicht ein China kennenlernen, sondern tausend unterschiedliche Chinas.

Trotzdem kann Fantasy- und Science-Fiction-Literatur, gerade angesichts der im Land stark ausgeprägten Medienzensur, sehr aufschlussreich sein. Die Texte eröffnen wichtige Diskurs- und Denkräume, um alternative Geschichtsentwürfe zu entfalten oder Tabuthemen allegorisch zu verhandeln. Werke können zum Beispiel Fragen von Macht, Geschichte, Geschlechterrollen oder sozialer Normierung in verfremdeten Formen reflektieren – und so zum Beispiel Zukünfte entwerfen, in denen keine kommunistische Partei existiert oder Frauen nicht heiraten und Kinder bekommen. Diese textliche Vielfalt ermöglicht es, den Blick auf China jenseits gängiger politischer Schlagzeilen zu erweitern.

Zwei Frauen sitzen auf weißen Sesseln bei einer Podiumsdiskussion während der „2023 Chengdu World Science Fiction Convention“. Die Frau links spricht in ein Mikrofon und gestikuliert mit der Hand. Sie trägt eine schwarze Jacke und ein blaues Veranstaltungsband um den Hals. Die Frau rechts hält ebenfalls ein Mikrofon und schaut aufmerksam zur Sprecherin. Im Hintergrund ist ein großes Eventbanner mit Planetenmotiv sichtbar.
Jun.-Prof. Dr. Jessica Imbach besuchte die World Science-Fiction Convention 2023 in Chengdu, China. Foto: Privat
Großes, modernes Gebäude mit geschwungener, futuristischer Architektur aus silbergrauem Metall. Vor dem Gebäude befinden sich eine weite, nasse Fläche und mehrere Menschen, einige in Sicherheitskleidung. Der Himmel ist bewölkt.
Im Chengdu Science Fiction Museum fand die Convention statt. Foto: Privat

Wie werden diese Genres heute vor allem rezipiert – als klassisches Buch oder digital?

Die meisten Romane werden tatsächlich digital gelesen. Außerdem haben sich viele Online-Foren herausgebildet, über die sich Leser*innen zu ihren Lieblingsautor*innen oder Subgenres austauschen können. Was wir im Westen in Form von BookTok kennen, gibt es in China schon seit mehreren Jahren. Los ging es damit, dass vereinzelte Personen begonnen haben, ihre selbst geschriebenen Texte im Internet zu veröffentlichen.

Das hat sich bis heute bestimmt verändert…

Ja, heute gibt es einen großen Markt für beide Genres, die zudem auch stark kommerzialisiert werden. Ein Beispiel dafür ist, dass Fantasy-Autor*innen pro Kapitel bezahlt werden und so auf Literaturplattformen unendlich lange Texte entstehen.

Der überwiegend digitalisierte Buchmarkt öffnet zudem neue Formen von Autor*innenschaft – gerade in Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Auch diese Aspekte werden wir im Rahmen unseres Projekts untersuchen.

Eine Frau mit dunklen Haaren sitzt auf einer Treppe in einem Innenraum. Sie trägt eine schwarze Lederjacke, einen gestreiften Pullover, schwarze Hosen und schwarze Schnürstiefel. Die Treppe besteht aus dunklem Stein, das Geländer ist gelb mit einem Holzhandlauf.

„Fandoms sind in China ein zentraler Motor literarischer Dynamiken. Leser*innen arbeiten mit dem literarischen Material, indem sie Fanfictions schreiben oder Online-Diskussionen organisieren und tragen dadurch aktiv zur Popularisierung von Autor*innen und Genres bei.“

Jun.-Prof. Dr. Jessica Imbach

Institut für Sinologie, Universität Freiburg

Welche Rolle spielen Fangemeinden, die sich auf digitalen Plattformen herausbilden?

Fandoms sind in China ein zentraler Motor literarischer Dynamiken. Leser*innen arbeiten mit dem literarischen Material, indem sie Fanfictions schreiben oder Online-Diskussionen organisieren und tragen dadurch aktiv zur Popularisierung von Autor*innen und Genres bei.

Gleichzeitig gibt es problematische Aspekte, die wir auch hier im Westen kennen. In sogenannten „toxic fandoms“ können zum Beispiel misogyn geprägte Kommunikationsformen vorherrschen oder sich gewaltvolle Gruppendynamiken entwickeln. Staatliche Akteur*innen beobachten Fandoms in China sehr genau, da die emotionale Bindung der Fans an Autor*innen, Werke oder Genres unter Umständen stärker sein kann als ihre Loyalität gegenüber staatlichen Narrativen. Ein zu intensives Fanverhalten gilt daher teilweise als ungesundes oder gesellschaftlich problematisches Verhalten – und wird als eine Dynamik mit politischem Sprengstoff wahrgenommen.

Wie verschaffen Sie sich einen Überblick über die Literatur für Ihr Projekt?

Als ich begonnen habe, mich mit chinesischer Fantasy- und Science-Fiction-Literatur auseinanderzusetzen, wusste ich zunächst nicht, wo ich anfangen soll – es gab noch keine Wanderkarte. Das wollen wir in unserer ersten Projektphase ändern, indem wir ein digitales Lexikon der zeitgenössischen chinesischen Fantasy entwickeln. In diesem möchten wir die wichtigsten Texte, Autor*innen, Konzepte und Debatten systematisch abbilden.

Anschließend werden wir in eine feingliedrige Analysephase übergehen und größtenteils qualitativ an den einzelnen Texten arbeiten.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie an die kommende Projekt- und Arbeitszeit an der Universität Freiburg denken?

Jetzt richtig mit der Arbeit loszulegen – und zwar gemeinsam mit meinem Team. Die Förderung durch den ERC Starting Grant hat es mir ermöglicht, Doktorand*innen und Postdoktorand*innen einzustellen. Gemeinsam arbeiten wir nun zu fünft an diesem Projekt, wobei ich die Zusammenarbeit als sehr bereichernd empfinde.

Außerdem freue ich mich schon sehr darauf, an unserem Lexikon zu arbeiten, die Diversität der chinesischen Fantasy- und Science-Fiction-Literatur zu systematisieren und dadurch auch für andere Wissenschaftler*innen und Interessierte eine Forschungsgrundlage für weitere Gedanken zu bieten.

Ein Bücherregal mit einer Reihe vorwiegend chinesischer Bücher, hauptsächlich aus dem Genre Science-Fiction. Viele Buchrücken zeigen farbenfrohe Designs und chinesische Schriftzeichen. Einige Titel behandeln Zukunftsthemen, außerirdisches Leben oder technische Utopien. Die Bücher stehen dicht nebeneinander in einem weißen Regal.
Im Rahmen des Forschungsprojekts soll ein Lexikon der chinesischen Fantastik entstehen, das zentrale Werke, Autor*innen und Diskurse aufgreift. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

Der ERC Starting Grant

Der Europäische Forschungsrat (ERC) unterstützt exzellente Wissenschaftler*innen bei der Durchführung wegweisender Forschungsprojekte durch hochdatierte Fördermittel. Die ERC Starting Grants richten sich an innovative Wissenschaftler*innen in einer frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Laufbahn, die bereits zwei bis sieben Jahre Erfahrung nach der Promotion gesammelt haben und eine eigene Arbeitsgruppe aufbauen möchten. Anträge können aus allen Forschungsbereichen gestellt werden. Für ihre Projekte können Wissenschaftler*innen eine Förderung von bis zu 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren erhalten.

Kontakt

Hochschul- und Wissenschaftskommunikation

Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de