Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Wissenschaftsfreiheit: Eine fragile, umkämpfte Norm

Freiburg, 09.06.2026

Im Interview spricht Prof. Dr. Frieder Vogelmann vom University College Freiburg und der Philosophischen Fakultät über „Politik und Wissenschaften: (k)eine Liebesbeziehung?“ Zu diesem Thema hält er am Dienstag, 16. Juni 2026, ab 18:00 Uhr einen Vortrag im Uniseum Freiburg.

Portrait von Prof. Dr. Frieder Vogelmann
Prof. Dr. Frieder Vogelmann vom University College Freiburg und der Philosophischen Fakultät. Foto: Silvia Wolf / Universität Freiburg

In Ihrem Vortrag geht es unter anderem darum, einen angemessenen Begriff von Wissenschaftsfreiheit zu entwickeln. Welche Facetten des Begriffs nehmen Sie dabei in den Fokus?

Ich arbeite daran, ein philosophisches Verständnis von Wissenschaftsfreiheit zu formulieren, das vor der konkreten Rechtsnorm und ihren Begründungen liegt. Die Frage ist also, wie Wissenschaftsfreiheit als Begriff zu denken ist. Auf dieser grundsätzlichen Ebene entpuppt sich Wissenschaftsfreiheit zuallererst als emanzipatorischer Begriff. Mit „Freiheit“ ist schon gesetzt, dass sie uns von Unterwerfung oder aus Gefangenschaft befreien und davor schützen soll, in solche Formen der Unfreiheit gebracht zu werden. Sie ist allerdings beschränkt, denn Wissenschaftsfreiheit gilt nur für diejenigen, die als Wissenschaftler*innen tätig sind. Wie man nun bestimmt, auf wen das zutrifft, klingt zunächst nach einer pedantischen Detailfrage, führt aber in das Herz meiner Überlegungen. Denn Wissenschaftlichkeit lässt sich – so der Stand der Debatte in der Wissenschaftsphilosophie – nicht mit einem einfachen Kriterium bestimmen. Vielmehr wird sie allein von der Anerkennung durch bestehende fachwissenschaftliche Gemeinschaften verliehen. Da Anerkennungsbeziehungen immer auch von Machtverhältnissen durchdrungen sind, ist Wissenschaftsfreiheit von Anfang an eine fragile, umkämpfte Norm mit ambivalenten Effekten.

Portrait von Prof. Dr. Frieder Vogelmann

„Wissenschaftsfreiheit gilt nur für diejenigen, die als Wissenschaftler*innen tätig sind. Wie man nun bestimmt, auf wen das zutrifft, klingt zunächst nach einer pedantischen Detailfrage, führt aber in das Herz meiner Überlegungen.“

Prof. Dr. Frieder Vogelmann

University College Freiburg und Philosophischen Fakultät, Universität Freiburg

Sehen Sie eine zu enge Verflechtung von Politik und Wissenschaften? Möglicherweise auch Abhängigkeiten?

Ich denke, dass Politik und Wissenschaften stets voneinander abhängig sind, ohne dass dies automatisch ein Problem ist. Wissenschaftliche Praktiken brauchen Räume, Zeit, Geräte, Bibliotheken, Rechenzentren und vieles mehr. Nichts davon ist ohne politischen Willen und ausreichende Ressourcen zu bekommen. Umgekehrt gilt: Ohne die Einsichten der Teilchenphysik hätte nicht nur die Atombombe nie gebaut werden können, auch die politischen Abschreckungsdoktrinen hätten sich nie so formulieren lassen. Hier waren wissenschaftliche Erkenntnisse Existenzbedingungen hochproblematischer politischer Entscheidungen, Institutionen und Rationalitäten. Insofern sehe ich wechselseitige Abhängigkeiten. Diese haben immer das Potential, gefährlich zu werden, doch das betrifft beide Richtungen: politische Akteure oder Strukturen können wissenschaftliche Praktiken beschneiden, einschränken oder auf abwegige Bahnen zwingen. Umgekehrt kann bestimmte Forschung unsere demokratische Lebensform gefährden, beispielsweise wenn sie unbekümmert immer weitere Werkzeuge zur effizienteren Machtausübung produziert.

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„Ich denke, dass Politik und Wissenschaften stets voneinander abhängig sind, ohne dass dies automatisch ein Problem ist.“

Prof. Dr. Frieder Vogelmann

University College Freiburg und Philosophischen Fakultät, Universität Freiburg

In der Politik sind oft schnelle und eindeutige Antworten wichtig, um Entscheidungen zu treffen. Wissenschaft wiederum braucht Zeit und Differenzierung. Wo zeigt sich dieser Konflikt in der Realität?

Ich bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht sicher, ob das der entscheidende Konflikt ist. Natürlich inszenieren sich Politiker*innen gern als starke Entscheider*innen und Wissenschaftler*innen präsentieren sich gern als besonnen und unendlich differenziert. Aber auch in der Politik wird sehr bewusst mit Zeit gearbeitet – etwa indem man eine Entscheidung vertagt und erstmal eine Expertenkommission einberuft oder umgekehrt eine Frage zu einer existenziellen zuspitzt, die jetzt beantwortet werden muss. Das zeigt schon, dass es nicht eine Zeitlichkeit in der Politik gibt. Ähnlich ließe sich in vielen wissenschaftlichen Praktiken zeigen, dass immer wieder auch das Eindeutigmachen und die Geschwindigkeit gefragt sind. Es gilt, hinter solche Vereinfachungen zu blicken, mit denen wir – auch ich – vielfach hantieren, sobald wir über die Beziehung von Politik und Wissenschaften sprechen. Dafür braucht man in der Tat Zeit, aber vor allem auch den Willen, eingespielte Denkpfade zu verlassen und vertraute Begriffe zu hinterfragen.

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„Natürlich inszenieren sich Politiker*innen gern als starke Entscheider*innen und Wissenschaftler*innen präsentieren sich gern als besonnen und unendlich differenziert.“

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University College Freiburg und Philosophischen Fakultät, Universität Freiburg

Weitere Informationen

Prof. Dr. Frieder Vogelmann ist Professor für Epistemology & Theory of Science am University College Freiburg und der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg. In seiner Forschung konzentriert er sich auf Grundbegriffe der politischen Epistemologie und greift damit die doppelte Einsicht der frühen Kritischen Theorie auf. Diese Überlegungen arbeitet er im Dialog mit der zeitgenössischen analytischen, kontinentalen und feministischen Epistemologie einerseits und der Politischen Theorie sowie Sozialtheorie andererseits aus. Der Stand seiner Überlegungen ist in den Büchern Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie (2022) sowie Umkämpfte Wissenschaften – zwischen Idealisierung und Verachtung (2023) nachzulesen.

Kontakt

University College Freiburg

Prof. Dr. Frieder Vogelmann

Telefon: +49 761 203-67617
E-Mail: frieder.vogelmann@ucf.uni-freiburg.de