Das Projekt: Phase 2


Emergentes Erinnern: Das Unsagbare sagen (2024-2027)
Das Projekt „Emergentes Erinnern II: das Unsagbare sagen“ (geleitet von Prof. Dr. Thomas Klinkert, U. Zürich und Prof. Dr. Stefan Pfänder, U. Freiburg) setzt das vom SNF/DFG finanzierte Forschungsprojekt “Emergentes Erinnern. Fragmentierte Syntax und textuelle Herstellung in Gegenwartsliteratur und Oral History” mit einem neuen Schwerpunkt fort. Die Projektgruppe, bestehend aus Züricher Literaturwissenschaftlern und Freiburger Sprachwissenschaftlern, hatte zuvor eine vergleichende Untersuchung der Produktion autobiographischer Erinnerungen in Literatur und Interviews anhand von Erinnerungserzählungen in französischer, aber auch in italienischer und deutscher Sprache durchgeführt, die sich auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs konzentrieren. Die Zusammenarbeit zwischen Literatur- und Sprachwissenschaftlern erwies sich als äußerst fruchtbar. Aufbauend auf den Errungenschaften des ersten Projekts, die in dreizehn Artikeln und zwei Büchern (Dissertationen) dokumentiert sind, werden wir nun allgemeiner das emergente Erinnern in literarischen und mündlichen Erinnerungserzählungen unter dem Blickwinkel des Unsagbaren untersuchen. Für die Fortsetzung des Projekts gehen wir damit von einer grundlegenden Herausforderung der Textproduktion aus, die in der (Un-)Sagbarkeit der extremen Gewalterfahrungen von Krieg, Zwangsarbeit, Deportation und KZ-Internierung liegt. Wir fragen, wie Erzählerinnen und Erzähler in Zeitzeugeninterviews und literarischen Texten die Herausforderung meistern können, das Unsagbare zu erzählen und präsent zu machen, indem sie spezifische Formen der Rezipientenorientierung herstellen. Dies ist bisher noch nicht geschehen, zumal unsere verschiedenen Korpora bisher nicht miteinander verglichen wurden. Unsere Vorarbeiten haben gezeigt, dass es bestimmte Techniken zur Bewältigung der Herausforderung der Unsagbarkeit gibt, die in beiden Korpora angewendet werden. Für die gemeinsame Projektarbeit werden wir uns auf drei dieser Techniken konzentrieren:
- die explizite Benennung der Unsagbarkeit des Erlebnisses,
- die Auswahl nur eines hervorstechenden Aspekts der erzählten Situation, der als pars pro toto das Erlebnis nachvollziehbar macht, und
- die Evokation und Vergegenwärtigung einer Situation, die nicht berichtet, sondern durch eine textuelle Darstellung von vielfältigen Sinneserfahrungen oder durch die Körpersprache des mündlichen Erzählers reinszeniert wird.
Das Forschungsziel ist ein doppeltes: Zum einen soll herausgearbeitet werden, wie die sehr unterschiedlichen medialen Bedingungen der Rezeption und Produktion die Erzähltechniken prägen; zum anderen soll gezeigt werden, dass trotz dieser medialen Unterschiede ein Faktor konstant bleibt: die Einbeziehung der Rezipientinnen und Rezipienten.
Keywords
Erinnern, Emergenz, Linguistik, Literaturwissenschaft, Oral History, Gesprächsanalyse, Autobiographie, Französische Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur (20. und 21. Jahrhundert), Unsagbarkeit, Trauma.
Emergent Remembering II: Saying the Unsayable
The project “Emergent Remembering II: Saying the Unsayable” (directed by Prof. Dr. Thomas Klinkert, University of Zurich, and Prof. Dr. Stefan Pfänder, University of Freiburg) continues the research project “Emergent Remembering. Fragmented Syntax and Textual Production in Contemporary Literature and Oral History” (funded by the SNSF/DFG) with a new focus. The project group, consisting of literary scholars from Zurich and linguists from Freiburg, had previously carried out a comparative study of the production of autobiographical memories in literature and interviews, based on narratives in French, but also in Italian and German, concentrating on the period of the Second World War. The collaboration between literary and linguistic scholars proved to be highly fruitful. Building on the achievements of the first project, which are documented in thirteen articles and two books (doctoral dissertations), we will now examine emergent remembering in literary and oral memory narratives more generally, under the aspect of the unsayable.
In continuing the project, we address a fundamental challenge of textual production, namely the (un)representability of extreme experiences of violence such as war, forced labor, deportation, and concentration camp internment. We ask how narrators in eyewitness interviews and literary texts manage to meet the challenge of telling and making present the unsayable by creating specific forms of audience orientation. This has not yet been undertaken, especially since our different corpora have not been compared with one another. Our preliminary work has shown that there are certain techniques for coping with the challenge of unsayability that are applied in both corpora. For the collaborative project, we will focus on three of these techniques:
- the explicit naming of the unsayability of the experience,
- the selection of only one striking aspect of the narrated situation, which serves as a pars pro toto to render the experience comprehensible, and
- the evocation and re-presentation of a situation that is not narrated but re-enacted through a textual rendering of diverse sensory experiences or through the body language of the oral narrator.
The research goal is twofold: on the one hand, to work out how the very different medial conditions of reception and production shape the narrative techniques; on the other hand, to show that, despite these medial differences, one factor remains constant: the involvement of the audience.
Keywords
Remembering, Emergence, Linguistics, Literary Studies, Oral History, Conversation Analysis, Autobiography, French Post-War and Contemporary Literature (20th and 21st centuries), Unsayability, Trauma.