Zwischen Lava und Labor: Dr. Harri Geiger erforscht Vulkane weltweit

Freiburg, 03.09.2025
Wer mit Dr. Harri Geiger spricht, merkt schnell: Die Begeisterung für seine Forschung ist ansteckend. Der Petrologe und Geochemiker am Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften in Freiburg will herausfinden, wie Vulkane funktionieren und erklären, warum ihr Verhalten für unser Leben eine größere Rolle spielt, als die meisten Menschen ahnen.
Dr. Harri Geiger ist viel unterwegs: Island, die Kanaren, Indonesien oder Chile gehören zu seinen Stationen. Dort sammelt er Lava, analysiert Gesteine und macht Unsichtbares sichtbar – die Prozesse tief unter der Erde.

Von der Elektrotechnik zur Geowissenschaft
Sein Werdegang war keineswegs vorgezeichnet. Zunächst begann Geiger ein Studium der Elektro- und Computertechnik an der Jacobs University (nun Constructor University) in Bremen. Erst eine Exkursion mit Geowissenschaftler*innen änderte alles: „Ich habe gemerkt, dass mich Steine und die Geschichten, die sie erzählen, viel mehr faszinieren.“
Er sattelte um, absolvierte zusätzlich einen Bachelor in Geowissenschaften, ging nach Schweden für Master und Promotion und kam für die Stelle an der Universität Freiburg vor fünf Jahren zurück nach Deutschland. Heute verbindet er seine technische Ausbildung mit der Geologie: Daten aus Mikroskopie, chemische Analysen und Modellierungen sind für ihn ebenso wichtig wie die Feldarbeit am Vulkan.
Warum Vulkane mehr sind als ein Naturschauspiel
Für viele Menschen sind Vulkane spektakuläre Bilder aus den Nachrichten. Für Geiger steckt viel mehr dahinter: „Vulkanische Ausbrüche sind nicht nur fotogen und aufregend, sie haben weitreichende Implikationen für uns als Menschen und für den Planeten. Eruptionen können Menschen und Infrastruktur bedrohen, gleichzeitig sind vulkanische Böden fruchtbar und ertragreich. Viele metallische Rohstoffe, die wir für Handys und Laptops benötigen, stammen aus magmatischen Prozessen und sogar das Klima kann durch Vulkanausbrüche verändert werden.“ Mit seiner Forschung will Geiger nicht nur Gefahren besser einschätzen, sondern vor allem begreifen, wie unser Planet funktioniert.
„Ein Stück Lava ist wie ein Tagebuch. Diese Steine sind mehr als tote Materie, denn sie erzählen Geschichten von Prozessen tief in der Erde, die unser Leben an der Oberfläche beeinflussen. Das zu verstehen, treibt mich jeden Tag an.“
Dr. Harri Geiger
Petrologe und Geochemiker am Institut für Geo- und Umweltnaturwissenschaften





Lavafontänen und -ströme sowie teils sehr hohe Eruptionssäulen bestehend aus Gasen und Asche waren typische Erscheinungsbilder des 2021 Tajogaite Vulkanausbruchs auf La Palma. Foto: Harri Geiger
Ein Lavastrom des 2021 Tajogaite Ausbruchs auf La Palma, in der Nähe von Todoque. Da aus der Lava giftige Gase entweichen, ist Schutzausrüstung Pflicht bei der Arbeit am aktiven Lavastrom. Foto: James Day
Viele Gebäude und Infrastruktur wurden vom Vulkanausbruch zerstört. Nicht rechtzeitig entfernte Fahrzeuge hatten ebenfalls keine Chance gegen die über 1000 Grad heiße Lava. Foto: Valentin Troll
Für den 38-Jährigen war vor allem der Ausbruch auf der kanarischen Insel La Palma im Jahr 2021 ein unvergessliches Erlebnis: Zum ersten Mal erlebte er einen aktiven Vulkan hautnah.
„Vulkanische Prozesse live zu beobachten und nicht nur erkaltete Gesteine im Labor zu sehen, war sehr beeindruckend.“ Schon Jahre zuvor war klar, dass ein Ausbruch bevorstand – nur genau wann und wo, wusste niemand.
Vulkane und ihre Bedeutung
- Klima: Große Ausbrüche können die Atmosphäre verändern und das globale Klima abkühlen.
- Rohstoffe: Metalle in Smartphones oder Computern entstehen durch Prozesse im Erdinneren.
- Risiken: Millionen Menschen leben in unmittelbarer Nähe aktiver Vulkane. Weltweit gibt es circa 1350 potenziell aktive Vulkane. Etwa 500 sind in den letzten 10.000 Jahren ausgebrochen. 40 bis 50 Vulkane brechen jedes Jahr aus.
- Magmatik
Magmatische Prozesse beschreiben die Entstehung, Bewegung und Abkühlung von Magma – der heißen Gesteinsschmelze aus dem Erdinneren. Sie sind Grundlage für Vulkanismus und entscheidend für die Bildung vieler Bodenschätze.
Steine als Zeitzeugen
Was für Laien wie ein grauer Klumpen aussieht, ist für Geiger ein Archiv voller Informationen. „Ein Stück Lava ist wie ein Tagebuch. Anhand der Chemie der enthaltenden Kristalle erkenne ich, bei welcher Temperatur und welchem Druck sie entstanden sind. Diese Steine sind mehr als tote Materie, denn sie erzählen Geschichten von Prozessen tief in der Erde, die unser Leben an der Oberfläche beeinflussen. Das zu verstehen, treibt mich jeden Tag an.“ Schon im Gelände lassen sich Hinweise erkennen: Ob Lava seilartig oder scharfkantig erstarrt, verrät etwas über ihre Viskosität – also wie flüssig oder zäh sie war. Daraus lassen sich Erkenntnisse zu den Ausbruchsprozessen und -dynamiken ableiten.

Forschung in internationalen Teams
Wenn irgendwo ein Vulkan ausbricht, trifft Geiger auf Kolleg*innen aus aller Welt. „Jeder bringt eine spezielle Expertise mit – sei es Analytik, seismische Daten oder geochemische Modellierungen. Gemeinsam können wir ein viel größeres Bild zeichnen.“ Das Freiburger Institut verfügt über modernste Geräte, die in den letzten Jahren vollständig erneuert wurden. „Wir haben wirklich die neueste Analytik vor Ort, das hilft uns enorm.“

Zuletzt war Geiger in Island unterwegs, wo seit 2021 eine Serie von Ausbrüchen auf der Reykjanes-Halbinsel stattfindet. „Wir haben die jüngste Lava beprobt, oft abseits der Straßen, mit langen Märschen. Danach werden die Gesteinsproben weltweit verteilt: nach Freiburg, an die Uppsala University und das Swedish Museum of Natural History Stockholm in Schweden, die University of Iceland oder an die USA (Cornell University, Scripps Institution of Oceanography – University of California in den USA, sowie an die University of Cape Town in Südafrika.


Zwischen Hörsaal und Vulkanfeld
Zurück in Freiburg unterrichtet Geiger Studierende, betreut Abschlussarbeiten und wertet Daten aus. Vor Ort arbeitet er auch am nahegelegenen Kaiserstuhl, um vulkanische Ablagerungen zu untersuchen und die Prozesse vor 14 bis 18 Millionen Jahren zu verstehen. „Der Kaiserstuhl ist berühmt, da er einer der wenigen Orte weltweit ist, an dem Karbonatit vorkommt – ein sehr seltenes magmatisches Gestein.“ Doch sobald irgendwo ein Ausbruch stattfindet, ändert sich der Plan: „Dann müssen Flüge, Genehmigungen, Geräte organisiert werden. Alles läuft auf Tempo. Aber genau das macht den Beruf so abwechslungsreich.“



Blick in die Zukunft
Die großen Fragen bleiben: Lässt sich ein Ausbruch vorhersagen? Wann und wo genau? „Wir sind noch weit davon entfernt, präzise Prognosen zu machen. Aber wir lernen ständig aus neuen Ausbrüchen, um kleine Erdbeben und Hebungen des Bodens besser interpretieren zu können. Was wir jetzt verstärkt erforschen: Wie verändern sich Vulkane während eines laufenden Ausbruchs?“
Ein Paradigmenwechsel: Früher nahm man eine große Magmakammer unter Vulkanen an. Heute geht die Forschung von einem dynamischen System vieler kleiner Kammern aus. Auch Geigers Analysen bestätigen das. „Die Chemie des Magmas verändert sich während eines Ausbruchs – wenn wir verstehen, wie und welche Auswirkungen dies hat, kommen wir der Vorhersage einen großen Schritt näher.“
Vulkane und Gesellschaft
- Risiken: Besonders in Indonesien leben Millionen Menschen nah an aktiven Vulkanen – Frühwarnsysteme sind entscheidend.
- Chancen: Vulkanische Böden sind fruchtbar, liefern Rohstoffe und Geothermie.
- Faszination: Vulkane verbinden Naturgewalt mit wissenschaftlicher Neugier – ein Grund, warum sie Forschende wie Geiger ein Leben lang begleiten
Für Geiger ist Wissenschaftsvermittlung zentral: Schulklassen, Vorträge, Exkursionen. „Wenn Studierende draußen im Feld plötzlich sehen, dass die Theorie aus den Vorlesungen Sinn ergibt, fallen ihnen oft die Schuppen von den Augen.“ Vulkanforschung ist nicht nur Grundlagenforschung, sondern hat direktem Einfluss auf die Gesellschaft: Sie trägt beispielsweise auch zum Verständnis des Klimawandels bei.



Große Ausbrüche haben in der Vergangenheit das Klima verändert, so können bei Vulkanausbrüchen emittierte Gase und Aschepartikel die Atmosphäre stören und so die Temperatur in den Folgejahren auf der Erde beeinflussen. Wenn im Gegenzug durch die Erderwärmung Gletscher schmelzen und so der Druck auf die unterliegende Erdkruste verändert wird, können vermehrt neue Ausbrüche daraus folgen, die wiederum Gefahren mit sich bringen können. Diese Beobachtungen sind Teil dieses großen Puzzles.