Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Wie der Klimawandel die Psyche belastet

Freiburg, 07.10.2026

Die Klimakrise bedroht nicht nur die Umwelt, sondern kann auch Folgen für die mentale Gesundheit haben. Die Psychologin Dr. Ahlke Kip von der Universität Freiburg erforscht psychische Auswirkungen des Klimawandels. Anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober 2026 spricht sie im Interview über traumatische Naturkatastrophen, Klimaangst und Möglichkeiten, damit umzugehen.

Eine junge Frau mit langem braunem Haar

Dr. Ahlke Kip vom Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Freiburg. Foto: privat

Frau Kip, wie genau kann sich der Klimawandel auf die psychische Gesundheit auswirken?

Ahlke Kip: In der Forschung werden vier Wege unterschieden, wie sich der Klimawandel auswirken kann. Erstens durch die Folgen von Naturkatastrophen und Extremwetterereignissen auf die Psyche von Betroffenen – hierzu gibt es am meisten Forschung. Zweitens durch die Auswirkungen längerfristiger Veränderungen wie Anstieg der Temperatur oder Luftverschmutzung, die zum Beispiel einen Einfluss auf unsere kognitive Leistung haben, also auf unser Denken, Konzentrieren oder Erinnern. Der dritte Bereich, der sich psychisch auswirken kann, sind gesellschaftliche Folgen des Klimawandels, etwa Fragen der Lebensmittelsicherheit oder klimabedingte Migration. Der vierte Bereich ist die zukunftsgerichtete Klimaangst – also die sorgenvolle Frage: Was kommt da noch auf uns zu?

Konkrete Naturkatastrophen wirken vermutlich anders als allgemeine Sorgen und Ängste vor Klimakrisen.

Eine Naturkatastrophe wie eine Sturmflut kann im schlimmsten Fall eine traumatische Erfahrung für die Betroffenen sein. Ich habe vielleicht Angehörige verloren, eine Verletzung erlitten, Menschen sterben gesehen. Das kann zum Beispiel zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Dazu kommen möglicherweise weitere belastende Folgen der Katastrophe wie Jobverlust oder Wegfall von Infrastruktur. All das unterscheidet ein konkretes Ereignis von eher allgemeinen Sorgen und Ängsten.

Sie haben den Begriff ‚Klimaangst‘ schon genannt. Was ist damit genau gemeint?

Der Begriff ist Ende des 20. Jahrhunderts aufgetaucht; intensivere Forschung dazu gibt es aber erst seit knapp 20 Jahren. Klimaangst meint im engeren Sinn tatsächlich die Angst vor den Folgen des Klimawandels auf den Planeten und unser Leben. Daneben gibt es aber noch andere damit verbundene Begriffe wie etwa Eco-Anxiety, was auch Aspekte wie Biodiversitätsverlust einschließt, oder Solastalgie, was eher die Trauer um die Zerstörung der Umwelt und des eigenen Lebensraums meint. Dazu kommen Begriffe wie Klimascham und Klimaschuld. Es tauchen in der Forschung immer mehr Emotionen auf, die mit dem Thema verbunden sind und die sich auch überlappen. Das macht es schwierig, diese Emotionen klar zu definieren und wissenschaftlich zu erheben.

Eine junge Frau mit langem braunem Haar

„Fragt man einfach nur ab, ob Menschen Klimaangst erleben, dann kommt man auf sehr hohe Zahlen, teilweise von um die 70 Prozent. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Menschen auch darunter leiden.“

Dr. Ahlke Kip

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Freiburg

Wie verbreitet ist die Klimaangst?

Fragt man einfach nur ab, ob Menschen Klimaangst erleben, dann kommt man auf sehr hohe Zahlen, teilweise von um die 70 Prozent. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Menschen auch darunter leiden – viele beschäftigt das Thema in ihrem Alltag und in ihren Gedanken, sie haben aber nur wenig oder keine psychischen Symptome. Inzwischen gibt es aber auch Skalen für verschiedene Dimensionen von Klimaangst, mit denen auch weitere Belastungen erhoben werden, die mit ihr verbunden sein können. Dazu zählen etwa Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Alpträume, ein eingeschränktes Funktionsniveau im Alltag, Grübelspiralen oder auch Konflikte in der Familie, weil sich deren Bedürfnisse nicht mit den eigenen Nachhaltigkeitsansprüchen vereinbaren lassen.

Eine junge Frau mit langem braunem Haar

„Klimaangst ist eine berechtigte Sorge vor einer realen Gefahr. Wenn ich noch in meinem Alltag funktioniere, aber Klimaangst erlebe, kann das ein Motivationsfaktor sein, mich entsprechend zu engagieren. Gleichzeitig sehen wir aber auch: Je höher die Klimaangst, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit depressiver oder allgemeiner Angstsymptome.“

Dr. Ahlke Kip

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Freiburg

Können Gefühle wie Klimaangst auch positive Folgen haben, indem sie zum Beispiel zum Handeln anregen?

Auf jeden Fall. Klimaangst ist eine berechtigte Sorge vor einer realen Gefahr. Wenn ich noch in meinem Alltag funktioniere, aber Klimaangst erlebe, kann das ein Motivationsfaktor sein, mich entsprechend zu engagieren. Gleichzeitig sehen wir aber auch: Je höher die Klimaangst, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit depressiver oder allgemeiner Angstsymptome. Deshalb kann man auch nicht sagen, dass eine immer stärkere Klimaangst auch zu immer mehr Engagement führen würde.

Sind bestimmte Gruppen besonders gefährdet für die psychischen Auswirkungen des Klimawandels?

Nicht alle Studien sind diesbezüglich konsistent und finden das Gleiche, aber bestimmte Muster gibt es schon. Zum einen sind das Menschen, deren Lebensraum vom Klimawandel stärker betroffen ist, die also zum Beispiel an Gewässern leben und einen schlechten sozioökonomischen Status haben, also wenig Möglichkeiten besitzen, sich anzupassen oder die Folgen abzufedern. Zum anderen werden immer wieder junge Leute genannt – wobei die Zahlen hier nicht unbedingt höhere Werte für Klimaangst zeigen. Aber den jungen Leuten stehen weniger Stellschrauben zu Verfügung, das Problem adaptiv anzugehen. Als Erwachsener ist ein sogenanntes problemfokussiertes Coping-Verhalten leichter, ich passe zum Beispiel mein individuelles Leben an oder engagiere mich politisch. Das ist für Minderjährige oft nicht so leicht möglich.

Eine junge Frau mit langem braunem Haar

„Ich kann in einer bestimmten Situation etwas für meine Emotionen tun, mir zum Beispiel eine Pause verschaffen, indem ich mir abends mal keine Nachrichten anschaue. Ich kann das Thema problemfokussiert angehen und mein Verhalten ändern, zum Beispiel nicht mehr fliegen oder mich vegetarisch ernähren. Oder ich handele gemeinschaftlich, beteilige mich zum Beispiel an Klimaprotesten.“

Dr. Ahlke Kip

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Freiburg

Was raten Sie Menschen, wie sie mit den angesprochenen Gefühlen und Sorgen umgehen können?

Im therapeutischen Setting geht es oft um irrationale Ängste, an denen man arbeitet – aber die Klimaangst ist eben eine berechtigte Angst vor einer realen Gefahr. Es gibt kein Rezept dafür, dass diese Angst einfach verschwindet. Es gibt trotzdem verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen, sowohl als Individuum als auch gesellschaftlich. Ich kann in einer bestimmten Situation etwas für meine Emotionen tun, mir zum Beispiel eine Pause verschaffen, indem ich mir abends mal keine Nachrichten anschaue. Ich kann das Thema problemfokussiert angehen und mein Verhalten ändern, zum Beispiel nicht mehr fliegen oder mich vegetarisch ernähren. Oder ich handele gemeinschaftlich, beteilige mich zum Beispiel an Klimaprotesten.

Was können Politik und Gesellschaft in diesem Bereich tun, um zur psychischen Gesundheit beizutragen?

Bei einer berechtigten Angst geht es darum, die Gefahr zu minimieren – also in diesem Fall eine seriöse und effektive Klimaschutzpolitik zu betreiben. Um Klimaangst-Gefühle zu reduzieren, wäre es deshalb hilfreich, auch das Gefühl zu haben, die Funktionär*innen und Entscheidungsträger*innen meines Landes tun wirklich etwas, um die Gefahren des Klimawandels zu bekämpfen.

Zur Person

Dr. Ahlke Kip ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Freiburg. Die Psychologin forscht unter anderem zu den psychischen Auswirkungen von Naturkatastrophen und Extremwetterereignissen, evidenzbasierten Präventions- und Behandlungsmaßnahmen sowie dem Zusammenhang von psychischer Gesundheit und Klimaschutzmaßnahmen.

Kontakt

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Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
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