Freiburger und Mainzer Archäolog*innen entdecken seltene griechische Skulptur in Italien
Freiburg, 08.12.2025
Interdisziplinäres Ausgrabungsprojekt um Freiburger und Mainzer Archäolog*innen entdeckt außergewöhnlich gut erhaltene griechische Skulptur in der etruskischen Stadt Vulci / Italien. Der mehr als 2.500 Jahre alte Kopf einer weiblichen Marmorstatue zählt zu den wenigen Beispielen griechischer Großplastiken, die außerhalb des Mutterlandes gefunden wurden und rückt kulturellen Austausch zwischen Griechen und Etruskern in neues Licht.

Paul P. Pasieka und Mariachiara Franceschini mit der Kore. Foto: Agnese Sbaffi
Griechen und Etrusker pflegten in der antiken Stadt Vulci kulturell umfangreichere Beziehungen als bisher bekannt. Anhaltspunkte hierfür liefert der Kopf einer weiblichen Marmorstatue (Kore), der zu den äußerst seltenen Funden griechisch-archaischer Großplastiken außerhalb des Mutterlandes zählt. Das Team des interdisziplinären Ausgrabungsprojekts „Vulci Cityscape“ um Archäologin Dr. Mariachiara Franceschini, Institut für Archäologische Wissenschaften an der Universität Freiburg, und Archäologe Dr. Paul P. Pasieka, Institut für Altertumswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hat den Kopf der Kore, die traditionell junge, aufrechtstehende Frauen in aufwendig gestalteter Kleidung zeigen und als Weihgabe oder Grabmonument dienten, gefunden. Der Kopf stammt aus dem Bereich des neuen monumentalen spätarchaischen Tempels, der 2020 im Rahmen des Projektes entdeckt wurde. Dort lag er mehr als 2.500 Jahre verborgen im Boden der mittelitalienischen Region Latium, einem Teilbereich des früheren Etruriens. Aus dem Fundgebiet sind nur eine Handvoll Skulpturen bekannt, von denen keine in vergleichbar herausragender Qualität erhalten ist.
Der Kopf wurde im Beisein des italienischen Kulturministers Alessandro Giuli am 5. Dezember 2025 bei einer Pressekonferenz in Rom erstmals vorgestellt. Franceschini und P. Pasieka ordnen den Fund derzeit wissenschaftlich ein und bereiten gemeinsam mit den Kolleg*innen des Zentralinstitut für Restaurierung (italienisch: Istituto Centrale per il Restauro – ICR) in Rom eine Veröffentlichung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.
Einzelstück von herausragender Güte
Der Kopf der Kore findet seine engsten Parallelen in den Koren der Athener Akropolis und kann auf den Anfang des 5. Jahrhunderts vor Christus datiert werden. Dargestellt ist eine knapp unterlebensgroße junge Frau mit aufwendig gestalteter Frisur und einem Diadem im Haar. „Wir gehen von einer attischen Produktion aus, die nach Etrurien exportiert wurde”, erklärt Franceschini. „Wann genau sie nach Vulci kam, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, doch ist es wahrscheinlich, dass es einen Zusammenhang zum Bau des neuen Tempels von Vulci gibt, der genau in diese Zeit datiert.” Das monumentale Bauwerk gehört zur Gruppe der etrusko-italischen Peripteroi, jener Tempel mit einfacher Cella und umlaufender Ringhalle auf einem hohen Podium, die von griechischen Vorbildern inspiriert wurden. Er wurde zeitgleich mit dem bereits seit den 1950er-Jahren bekannten Tempio Grande im späten 6. beziehungsweise frühen 5. Jahrhundert vor Christus errichtet. Die beiden monumentalen Tempel bilden ein Sakralquartier und dominieren das Erscheinungsbild der Stadt an einer zentralen Stelle des Plateaus.


„Neben der bildhauerischen Qualität besticht der Kopf durch seine einzigartigen Details, die sich in der Form nicht oder nur sehr selten finden lassen und die Kore zu einem ganz besonderen Fund machen. Reste der antiken Bemalung sind hervorragend erhalten”, erläutert Pasieka. „Die Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert vor Christus war ein Moment intensiver Aktivität und kultureller Blüte in Griechenland wie auch in Etrurien, in die sich der Kopf der Kore sehr gut einfügt“, ergänzt Franceschini. „Wir bekommen durch diesen Fund ein ganz neues Bild der kulturellen Verflechtung, das bislang zumeist von den zahlreichen bemalten griechischen Vasen, die Etrurien massenhaft erreichten, geprägt ist, sich aber anscheinend noch viel weiter erstreckte.”
Für die kommenden Jahre sind weitere Ausgrabungen im Bereich des neuen Tempels von Vulci geplant. An diesem zentralen öffentlichen Monument lässt sich die Geschichte der Stadt von ihren Anfängen in der ausgehenden Bronzezeit bis zur Spätantike und zum Frühmittelalter exemplarisch nachvollziehen, wovon unter anderem der Fund spätantiker Bestattungen in der jüngst zu Ende gegangenen Grabungskampagne im Sommer 2025 zeugt. Daneben werden mit modernsten Methoden weiterhin Struktur und Entwicklung der Stadt großflächig untersucht.
Über „Vulci Cityspace“
Das Projekt „Vulci Cityscape“ untersucht seit dem Jahr 2020 in enger Kooperation mit dem Denkmalamt Soprintendenza Archeologia Belle Arti e Paesaggio per la provincia di Viterbo e per l’Etruria Meridionale, dem archäologischen Park von Vulci (ital.: Parco di Vulci) und weiteren internationalen Institutionen die urbane Struktur der antiken etruskischen Stadt. Besonders Simona Carosi, Archäologin des Denkmalamts, und Carlo Casi, wissenschaftlicher Direktor des archäologischen Parks von Vulci, unterstützen die enge Zusammenarbeit zwischen lokalen Institutionen, der Denkmalbehörde und ausländischen Forschungseinrichtungen in Vulci. Dabei wird das Projekt durch verschiedene Partner finanziell unterstützt. Darunter die Fritz Thyssen Stiftung (2020-2022), die Gerda Henkel Stiftung (2022-2024) sowie der Profilbereich „40,000 Years of Human Challenges: Perception, Conceptualization and Coping in Premodern Societies“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2024 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Arbeiten in Vulci. Die Förderung läuft noch bis 2027.
Das Team von Vulci Cityscape um Dr. Mariachiara Franceschini, Universität Freiburg, und Dr. Paul P. Pasieka, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hat bereits 2020 einen bis dahin unbekannten monumentalen Tempel in der Nähe des Tempio Grande in Vulci entdeckt.

Weitere Informationen
Die Enthüllung der Kore zum Nachschauen
Das italienische Kulturministerium hat die Pressekonferenz, in deren Rahmen die Kore aus Vulci vorgestellt wurde, live übertragen.