Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Islamwissenschaftler Tim Epkenhans über den Iran-Krieg: „Die Reaktionen in der iranischen Bevölkerung sind von existenzieller Angst geprägt“

Freiburg, 03.03.2026

Im Interview spricht der Freiburger Islamwissenschaftler Prof. Dr. Tim Epkenhans über mögliche Zukunftsszenarien für den Iran, die iranische Kriegsstrategie und die Stimmung innerhalb der iranischen Bevölkerung.

Portraitbild von Prof. Dr. Tim Epkenhans.
Islamwissenschaftler Prof. Dr. Tim Epkenhans. Foto: Michel Abesser

Nach den Angriffen auf den Iran und Chameneis Tod: Wie könnte sich das Land politisch weiterentwickeln?

Chameneis Tod ist eine politische Zäsur. Die Islamische Republik steht vor einer tiefgreifenden Transformation mit zwei möglichen Szenarien. Szenario A: Präsident Trump erklärt – ähnlich wie im Fall Venezuela – die Kriegsziele für erreicht, um eine langwierige militärische Konfrontation zu vermeiden. Das Regime bleibt geschwächt an der Macht, die Revolutionsgarden dominieren weiterhin Politik und Wirtschaft, während gesellschaftliche Hoffnungen auf eine Öffnung und Demokratisierung enttäuscht werden. Szenario B: Ein längerer regionaler Konflikt übersteigt die Ressourcen des Systems, die Repression der eigenen Bevölkerung verliert an Wirkung, Proteste nehmen zu und aufgrund der fragmentierten Opposition wächst das Risiko eines Staatszerfalls entlang ethnischer und regionaler Linien.

Was denken Sie, wie wird sich der Iran in den nächsten Tagen und Wochen innerhalb des Konflikts verhalten?

Kurzfristig wird Teheran versuchen, den Konflikt weiter zu regionalisieren und asymmetrisch zu führen. Über verbündete Milizen, maritime Störungen und gezielte Angriffe auf die regionale Erdöl- und Gasinfrastruktur sollen die ökonomischen Kosten für die USA, Israel sowie die arabischen Anrainer erhöht werden. Europa und China werden zugleich in Mithaftung genommen. Die EU gerät dabei zunehmend in die Rolle eines sicherheitspolitisch Betroffenen. Gleichzeitig eröffnet Chameneis Tod perspektivisch Spielräume: Nach einer Phase innerer Konsolidierung könnte eine neue Führungselite vorsichtig Kanäle Richtung Washington testen und einen „Deal“ vorschlagen.

Portraitbild von Prof. Dr. Tim Epkenhans.

„Die Mehrheit der Bevölkerung hofft auf einen grundlegenden politischen Wandel zu einem demokratischen System. Angesichts von Krieg, Repression und ökonomischem Zusammenbruch drohen diese Hoffnungen jedoch in Desillusionierung und ein Gefühl der Ohnmacht umzuschlagen, sodass das Überleben Vorrang vor politischem Handeln gewinnt.“

Prof. Dr. Tim Epkenhans

Professor für Islamwissenschaft, Universität Freiburg

Wie reagiert die iranische Bevölkerung auf die Angriffe?

Die Reaktionen in der iranischen Bevölkerung sind von existenzieller Angst und tiefem Kontrollverlust geprägt. Der Iran verfügt kaum über funktionierende Zivilschutzstrukturen, weshalb die Angriffe eine unmittelbare Bedrohung von Leben, Familie und Alltag sind. Zugleich ist die Gesellschaft politisch tief gespalten: Eine loyale Minderheit – etwa ein Fünftel der rund 90 Millionen Iranerinnen und Iraner – unterstützt das Regime und trägt den Konfrontationskurs mit. Die Mehrheit der Bevölkerung hofft auf einen grundlegenden politischen Wandel zu einem demokratischen System. Angesichts von Krieg, Repression und ökonomischem Zusammenbruch drohen diese Hoffnungen jedoch in Desillusionierung und ein Gefühl der Ohnmacht umzuschlagen, sodass das Überleben Vorrang vor politischem Handeln gewinnt.

Prof. Dr. Tim Epkenhans

Prof. Dr. Tim Epkenhans ist seit 2009 Professor für Islamwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit einem regionalen Schwerpunkt auf Iran und Zentralasien. Er hat Iranistik, Islamwissenschaft und Geschichte an den Universitäten Münster, Kairo, Teheran und Bamberg studiert. Von 2002 bis 2009 arbeitete er für das Auswärtige Amt, zunächst an der Deutschen Botschaft in Duschanbe, anschließend als Direktor der OSZE-Akademie in Bischkek (Kirgisistan). Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem (post-)sowjetischen Zentralasien und dem Iran seit dem späten 19. Jahrhundert, insbesondere auf den Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Religion. Seine Dissertation (Bamberg 2002) untersucht die Geistesgeschichte des frühen Pahlavi-Iran, seine Habilitation (Bern 2015) die Ursprünge des Bürgerkriegs in Tadschikistan (1992–1997). Tim Epkenhans verfügt über umfangreiche Felderfahrung in Zentralasien, Iran und dem Nahen Osten und ist an verschiedenen internationalen Forschungs- und Kooperationsprojekten in Zentralasien beteiligt. Er engagiert sich zudem in wissenschaftlichen Gremien und Beiräten, unter anderem seit 2025 als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Orient-Instituts Beirut der Max Weber Stiftung.

Kontakt

Prof. Dr. Tim Epkenhans

Tel.: +49 761 203 3149
E-Mail: tim.epkenhans@orient.uni-freiburg.de