Islamwissenschaftler Tim Epkenhans über den Iran-Krieg: „Die Reaktionen in der iranischen Bevölkerung sind von existenzieller Angst geprägt“
Freiburg, 03.03.2026
Im Interview spricht der Freiburger Islamwissenschaftler Prof. Dr. Tim Epkenhans über mögliche Zukunftsszenarien für den Iran, die iranische Kriegsstrategie und die Stimmung innerhalb der iranischen Bevölkerung.

Nach den Angriffen auf den Iran und Chameneis Tod: Wie könnte sich das Land politisch weiterentwickeln?
Chameneis Tod ist eine politische Zäsur. Die Islamische Republik steht vor einer tiefgreifenden Transformation mit zwei möglichen Szenarien. Szenario A: Präsident Trump erklärt – ähnlich wie im Fall Venezuela – die Kriegsziele für erreicht, um eine langwierige militärische Konfrontation zu vermeiden. Das Regime bleibt geschwächt an der Macht, die Revolutionsgarden dominieren weiterhin Politik und Wirtschaft, während gesellschaftliche Hoffnungen auf eine Öffnung und Demokratisierung enttäuscht werden. Szenario B: Ein längerer regionaler Konflikt übersteigt die Ressourcen des Systems, die Repression der eigenen Bevölkerung verliert an Wirkung, Proteste nehmen zu und aufgrund der fragmentierten Opposition wächst das Risiko eines Staatszerfalls entlang ethnischer und regionaler Linien.
Was denken Sie, wie wird sich der Iran in den nächsten Tagen und Wochen innerhalb des Konflikts verhalten?
Kurzfristig wird Teheran versuchen, den Konflikt weiter zu regionalisieren und asymmetrisch zu führen. Über verbündete Milizen, maritime Störungen und gezielte Angriffe auf die regionale Erdöl- und Gasinfrastruktur sollen die ökonomischen Kosten für die USA, Israel sowie die arabischen Anrainer erhöht werden. Europa und China werden zugleich in Mithaftung genommen. Die EU gerät dabei zunehmend in die Rolle eines sicherheitspolitisch Betroffenen. Gleichzeitig eröffnet Chameneis Tod perspektivisch Spielräume: Nach einer Phase innerer Konsolidierung könnte eine neue Führungselite vorsichtig Kanäle Richtung Washington testen und einen „Deal“ vorschlagen.
„Die Mehrheit der Bevölkerung hofft auf einen grundlegenden politischen Wandel zu einem demokratischen System. Angesichts von Krieg, Repression und ökonomischem Zusammenbruch drohen diese Hoffnungen jedoch in Desillusionierung und ein Gefühl der Ohnmacht umzuschlagen, sodass das Überleben Vorrang vor politischem Handeln gewinnt.“
Prof. Dr. Tim Epkenhans
Professor für Islamwissenschaft, Universität Freiburg
Wie reagiert die iranische Bevölkerung auf die Angriffe?
Die Reaktionen in der iranischen Bevölkerung sind von existenzieller Angst und tiefem Kontrollverlust geprägt. Der Iran verfügt kaum über funktionierende Zivilschutzstrukturen, weshalb die Angriffe eine unmittelbare Bedrohung von Leben, Familie und Alltag sind. Zugleich ist die Gesellschaft politisch tief gespalten: Eine loyale Minderheit – etwa ein Fünftel der rund 90 Millionen Iranerinnen und Iraner – unterstützt das Regime und trägt den Konfrontationskurs mit. Die Mehrheit der Bevölkerung hofft auf einen grundlegenden politischen Wandel zu einem demokratischen System. Angesichts von Krieg, Repression und ökonomischem Zusammenbruch drohen diese Hoffnungen jedoch in Desillusionierung und ein Gefühl der Ohnmacht umzuschlagen, sodass das Überleben Vorrang vor politischem Handeln gewinnt.