Siegelement der Uni Freiburg in Form eines Schildes

Aller Ungerechtigkeit zum Trotz – aus dem Leben einer promovierenden Erstakademikerin

Freiburg, 27.01.2026

Heute ist Lia Alessandro Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, doch bis dahin war es ein harter Weg für die Erstakademikerin. Über einen von Ungerechtigkeiten geprägten Werdegang.

Eine junge Frau mit schwarzem, halblangem Haar und Pony.
Lia Alessandro ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg – bis dahin war es ein harter Weg für die Erstakademikerin. Foto: Klaus Polkowski / Universität Freiburg

Lia Alessandro hat es eilig. Mit langen Schritten durchschreitet sie die Eingangshalle der Theologie-Bibliothek der Universität Freiburg. Vorbei an hohen Wänden, behängt mit Ölgemälden alter Herrscher*innen, geht es in einen kleinen Sitzungsraum. Hier sind die Wände gesäumt mit vergilbten Schmökern, ein Titel sticht ins Auge: „Kirche und Sexualität“. Gleich beginnt die Sitzung der Kommission für Gleichstellung und Vielfalt der Theologischen Fakultät, die Alessandro als Vorsitzende moderiert.

Spagat zwischen verschiedenen Welten

Alessandro strukturiert das Gespräch, ohne es zu dominieren, und geht dabei stets sicher, dass alle Gedanken gehört werden. Es geht um mögliche Veranstaltungen im kommenden Semester. Alessandro schlägt einen Workshop für FLINTA*s (Frauen, Lesben, inter-, nicht-binäre, trans- und agender Personen) zum Imposter-Phänomen vor, das in der Wissenschaft weit verbreitet ist: Eigene Erfolge werden auf Glück statt Kompetenz zurückgeführt, sodass sich Betroffene wie Hochstapler*innen (Imposter) fühlen. „Mir hat so ein Workshop damals sehr geholfen, um mich als Erstakademikerin irgendwie selbstwirksam zu fühlen.“ Sie fällt auf in der Runde: der rote Liedstrich, die Nasenpiercings und Fingerringe, an denen sie beim Nachdenken spielt, auch ihre Worte: „mega“, „Leute“, „Ich wünsche euch eine gute oder aushaltbare Weihnachtszeit – je nachdem, wie es mit den Familien so ist“.

Für Alessandro war es nicht immer leicht mit der Familie. Ihr Vater, ein Automechaniker, stirbt, als sie ein Jahr alt ist. Ihre Mutter ist damals Anfang 20 und arbeitet als Sachbearbeiterin. Alessandro wächst in Frankfurt in einem Block mit Sozialwohnungen auf, einer von Kriminalität und Drogen geprägten Umgebung. „Gerade als weiblich gelesene Person war ich dort mit Übergriffen konfrontiert. Und gleichzeitig ist es auch irgendwie mein zu Hause.“ Mit ihrer fortschreitenden wissenschaftlichen Karriere wird ihr dieses Spannungsverhältnis immer bewusster: „Ich bin jetzt irgendwie akademisch und gleichzeitig immer noch das Mädchen aus dem Block.“

Lesend und schreibend eingeschult, trotzdem keine Gymnasialempfehlung

Ihren hessischen Dialekt hat Alessandro sich abtrainiert: „Ich habe mich assimiliert, um in der Wissenschaft anders zu wirken.“ Kürzlich war sie als Expertin in einem Podcast zum Thema Tradwives eingeladen, in dem sie nonchalant Sätze formulierte wie: „Das inszenierte Frauenbild ist fast immer weiß, christlich konservativ und kolonial kodiert. Das heißt, dass wir hier eben auch in Gänze Queer- und Transfeindlichkeit wahrnehmen, aber auch klassistische Vermarktungsstrukturen durch das Influencing.“

Ein junge Frau sitzt fingerschnippend und lächelnd vor einem Laptop an einem Besprechungstisch

Lia Allessandro im Gespräch mit Kolleg*innen der Theologischen Fakultät. Foto: Klaus Polkowski / Universität Freiburg

Klassismus und Diskriminierung sind große Themen in Alessandros Leben: Bei ihrer Einschulung kann sie bereits lesen und schreiben, trotzdem bekommt sie nach der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung. „Das lag nicht an den Noten, sondern weil meiner Lehrerin mein Verhalten nicht gefallen hat. Für sie war ich die aufmüpfige Italienerin“, sagt Alessandro. Ihre Mutter, Deutsche mit italienischen Wurzeln, schickt sie trotzdem auf ein deutsch-italienisches Gymnasium. Dort kommt Alessandro in eine bilinguale Klasse und muss sich erst einmal selbst beibringen, auf Italienisch zu schreiben. „Wir wurden von einigen Lehrkräften als die laute, italienische Problemklasse abgestempelt. Deshalb habe ich den Anspruch entwickelt: Jetzt erst recht, ich will gute Noten und studieren. Vielleicht auch aus Trotz“, erzählt sie.

Gläubige Katholikin mit queer-feministischem Forschungsthema

Sechs Menschen sitzen mit Laptops an einem Besprechungstisch

Alessandro moderiert als Vorsitzende die Sitzung der Kommission für Gleichstellung und Vielfalt der Theologischen Fakultät. Foto: Klaus Polkowski / Universität Freiburg

Die meisten ihrer Mitschüler*innen am Gymnasium kommen aus dem noblen Viertel Frankfurt-Sachsenhausen. „Ich wurde ausgelacht, weil ich mir keine Pizza zum Mittagessen leisten konnte“, sagt Alessandro. Heute verdient sie ihr Geld damit, genau solche Ausgrenzungsdynamiken aus wissenschaftlicher Perspektive zu analysieren. Im kommenden Semester wird sie ein Klassismus-Seminar für Theologie-Studierende anbieten.

Trotz Stipendium: Selbstzweifel als ständige Begleiter

Es sind ihre persönlichen Erfahrungen und Fragen, die Alessandro zur Forschung motivieren. David Bayer, studentischer Mitarbeiter an ihrem Lehrstuhl, sagt dazu: „Durch ihre Erfahrungen hat sie manchmal mehr als andere einen Bezug zum echten Leben. Das sieht man an den Themen, zu denen sie publiziert: aktuelle gesellschaftliche Debatten, queer-feministische Diskurse. Sie bringt eine neue, erfrischende Perspektive.“ Dass Alessandros Fragestellungen einen Nerv treffen, zeigt sich auch daran, dass sie nicht nur eine, sondern gleich drei Zusagen für ein Promotionsstipendium erhalten hat. Trotzdem kämpft Alessandro mit Selbstzweifeln: „Ich frage mich manchmal: Warum tue ich mir das an? Wie bei vielen Erstakademiker*innen trifft das Imposter-Phänomen zu 100 % auf mich zu. Besonders am Anfang der Promotion dachte ich oft, ich bin nicht gut genug“, erzählt sie.

Diese Imposter-Gefühle begleiten Alessandro nicht erst seit der Promotion. Schon in ihrem Lehramtsstudium der Germanistik, Philosophie und Theologie an der Universität Frankfurt fühlt sie sich manchmal fehl am Platz. „Ich saß in einer Einführungsvorlesung und hatte die Namen Aristoteles und Platon noch nie gehört“, erzählt sie. Neben kulturellem Kapital mangelt es ihr damals an Geld. Alessandro hat teilweise drei Jobs gleichzeitig, um sich das Studium zu finanzieren.

Drei Studienfächer, drei Jobs, drei Krebserkrankungen

Zu all diesen Herausforderungen kommen Schicksalsschläge, die alles andere überschatten: Im ersten Semester, Alessandro ist 19 Jahre alt, erkrankt ihre italienische Großmutter an Krebs. Alessandro und ihre Mutter pflegen sie bis zum Tod. Direkt danach bekommt auch der Großvater eine Krebsdiagnose und stirbt. „Diese Phase hat mich in eine Glaubenskrise gestürzt. Meine Nonna und mein Nonno waren wie Eltern für mich“, sagt Alessandro. Die Großeltern waren es auch, die ihr den katholischen Glauben mitgegeben haben. In dieser schweren Zeit und auf der Suche nach Antworten erlebt Alessandro die Theologie als kritische und konstruktive Praxis, was sie noch mehr für ihr Studienfach begeistert.

Dem Tod des Großvaters folgt noch ein Schock: Auch bei Alessandros Mutter wird Krebs diagnostiziert. „Aber die hat es Gott sei Dank geschafft“, sagt Alessandro. Heute hat sie ihre Glaubenskrise überwunden: „Ich habe nicht mehr dieses leidvolle Angstgefühl mit Blick auf den Tod, sondern ein Urvertrauen, dass alles irgendwie einen Sinn hat“, sagt sie. Im Nachhinein findet Alessandro, sie hätte sich mehr Zeit für alles lassen können: „Ich hatte von meinem Opa dieses Arbeiter*innen-Narrativ verinnerlicht: Schlafen kannst du, wenn du tot bist. Eigentlich habe ich mein ganzes Studium durchgepflegt, die drei Jobs gehabt und das Studium trotzdem in Regelstudienzeit abgeschlossen“, stellt sie fest.

Nach Alessandros mündlicher Examensprüfung raten ihr zwei ihrer Theologie-Professorinnen, zu promovieren. „Eine davon ist meine heutige Betreuerin. Sie hat mich total motiviert und gesagt: ‚Hey, du bist super kompetent, du hast was zu sagen!‘ Sie hat mich auch beim Schreiben des Exposés unterstützt“, sagt Alessandro. Ohne ihre Betreuerin hätte sie sich die Promotion vermutlich nicht zugetraut.

Zwischen Anpassung und Gestaltungswillen

Was Alessandro antreibt, wenn sie während der Doktorarbeit an sich zweifelt? „Zum einen hilft schon auch die Aussicht auf den Doktortitel, weil meine Familie stolz darauf ist“, sagt sie. Ihr zweiter Antrieb: Idealismus. Sie ist überzeugt davon, dass queer-feministische Perspektiven in der Theologie gestärkt werden müssen. Deswegen passt sie sich dem akademischen Umfeld nicht nur an, sie gestaltet es auch. Beruflich macht sie das als Vorsitzende der Kommission für Gleichstellung und Vielfalt ihrer Fakultät. Manchmal hält sie auf Tagungen auch Vorträge in Hoodie und Cappy, „um die Akademia mal ein bisschen aufzulockern.“ In ihrer Freizeit engagiert sie sich als Sprecherin der Jungen AGENDA, einem Netzwerk junger Theolog*innen, schreibt Artikel für den Theologie-Blog y-nachten.de und organisiert den „Holy Rave“, eine ökumenische Party in der Freiburger Maria-Magdalena-Kirche.

Im vergangenen Jahr wurde Alessandro 30 Jahre alt und postet dazu auf Instagram: „Ich bin ehrlich – ich hätte nie gedacht, dass ich soweit komme.“ Im Gespräch mit ihr wird deutlich, was ihr dabei geholfen hat: Sie ist offen, pflegt tiefe Freundschaften und weiß, wann sie Hilfe braucht. Als Mitschüler*innen sie mobben, trifft sie sich mit alten Kindergartenfreundinnen und findet Halt in der Jugendkirche. Als sie nicht weiß, wie man Hausarbeiten schreibt, lässt sie es sich von ihrer Tutorin erklären. Und als sie, von Selbstzweifeln geplagt, ihre Doktorarbeit fast abbrechen will, spricht sie offen mit ihrer Betreuerin. Alessandros Rat an alle Erstakademiker*innen: „Holt euch Unterstützung, vernetzt euch und schämt euch nicht, Fragen zu stellen.“

Infobox

Wo finden Erstakademiker*innen an der Universität Freiburg Unterstützung?

Erstakademiker*innen finden an der Universität Freiburg bei der Zentralen Studienberatung im Service Center Studium (SCS) Unterstützung. Dort bieten ausgebildete Berater*innen vertrauliche Gespräche zu allen Fragen und Problemen rund um das Studium an, zum Beispiel bei Studienzweifeln, Prüfungsstress oder persönlichen Krisen. Die Berater*innen sind breit vernetzt und vermitteln Studierende bei Bedarf an weitere hilfreiche Stellen. Ergänzend bietet das SCS Workshops zu Themen wie Zeitmanagement und Prüfungsvorbereitung an. Für konkrete fachliche Fragen stehen die Fachberatungen der Fakultäten zur Verfügung, deren Mitarbeitende vom SCS für die Bedürfnisse von Erstakademiker*innen sensibilisiert werden. Derzeit wird im SCS außerdem ein neues Mentoring-Programm entwickelt, das besonders Erstakademiker*innen ansprechen und voraussichtlich im Wintersemester 2026/27 beginnen wird.  Hilfreiche Tipps für alle, die als erste in ihrer Familie studieren, gibt es auch bei ArbeiterKind.de.

Kontakt

Service Center Studium

Zentrale Studienberatung
E-Mail: studium@uni-freiburg.de
Sedanstraße 6
79098 Freiburg

Offene Sprechstunde
Mo, Di, Do: 10:00 bis 12:00 Uhr
Do: 14:00 bis 16:00 Uhr