Fakultätsgeschichte

Die Geschichte der Fakultät für Chemie und Pharmazie ist reich an wissenschaftlichen Entwicklungen, prägenden Persönlichkeiten und baulichen Veränderungen. Diese Übersicht bietet einen zusammenfassenden Einblick in zentrale Stationen der Fakultätsgeschichte – von den ersten naturwissenschaftlichen Vorlesungen an der Universität Freiburg bis hin zu aktuellen Entwicklungen und Zukunftsperspektiven.
Sie versteht sich bewusst nicht als vollständige oder detaillierte Chronik, sondern als ein verständlicher Gesamtüberblick, der wichtige Etappen und Zusammenhänge sichtbar machen möchte. Wer sich für spezifischere Entwicklungen einzelner Institute interessiert, findet auf deren jeweiligen Websites vertiefende Informationen und weiterführende Details.
Entstehungsgeschichte der Fakultät
Naturwissenschaftliche Themen haben an der Universität Freiburg eine lange Tradition. Erste Vorlesungen zu Mathematik, Physik und Naturphilosophie wurden bereits im Gründungsjahr 1457 gehalten – zunächst jedoch rein theoretisch und eng an die Philosophie angebunden.
Erst mit den Reformbewegungen des 18. Jahrhunderts erhielten die praktischen Naturwissenschaften stärkeren institutionellen Rückhalt: 1759 wurde ein kombinierter Lehrstuhl für Chemie und Botanik eingerichtet und 1779 dann ein Laboratorium – beides jedoch im Kontext der medizinischen Fakultät.
Auch wenn in dieser Zeit das Fach Pharmazeutische Chemie im Lehrplan der Medizinischen Fakultät angesiedelt wurde, sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich Chemie und Pharmazie endgültig aus ihren Rollen als medizinische Hilfsdisziplinen lösen konnten.
Im 19. Jahrhundert gewann die chemische Forschung zunehmend an Eigenständigkeit. Die naturwissenschaftliche Perspektive hielt verstärkt Einzug in die Medizin, und es entstanden erste Lehrveranstaltungen, die chemische Prozesse im physiologischen und pathologischen Zusammenhang beleuchteten.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die chemische Forschung zunehmend auch fakultätsübergreifend betrieben. Zwei Lehrstühle für Chemie an der Medizinischen und Philosophischen Fakultät bildeten die Grundlage für ein gemeinsames Institut, welches sich an der Katharinenstraße, also in etwa am Standort des heutigen Chemiehochhauses, befand. Allerdings blieb dieses in zwei eigenständige Abteilungen gegliedert.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die chemische Forschung in Freiburg eng mit medizinischen Fragestellungen verbunden.
Mit dem rasanten Wachstum der Naturwissenschaften innerhalb der Philosophischen Fakultät wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts der Ruf nach einer organisatorischen Trennung laut. Zunächst entstand 1897 eine provisorische Zweiteilung in eine philologisch-historische und eine mathematisch-naturwissenschaftliche Sektion. Diese Struktur wurde 1900 offiziell bestätigt, aber erst 1910 erfolgte schließlich die Gründung der Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät als eigenständige Einheit, 1920 dann die Ausgliederung des Lehrstuhls für Physiologische Chemie.
Mit dem weiteren Ausbau der Naturwissenschaften setzte sich die Differenzierung der Fakultätsstruktur fort: Im Wintersemester 1966/67 wurden innerhalb der Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät zunächst fünf eigenständige Abteilungen eingerichtet – darunter auch die Abteilung Chemie und Pharmazie. Diese organisatorische Neuordnung bereitete den Weg für die Gründung eigenständiger Fakultäten zum Sommersemester 1970.
Dabei entstand die Fakultät für Chemie und Pharmazie, zunächst mit sechs Instituten, als eine der sechs neuen naturwissenschaftlichen Fakultäten. Sie bündelte die chemischen und pharmazeutischen Fächer, die sich in Forschung und Lehre zunehmend eigenständig entwickelten, und erhielt damit eine deutlich sichtbare institutionelle Verankerung innerhalb der Universität.
Im Rahmen einer umfassenden Neustrukturierung wurde im Jahr 2003 die Fakultät für Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften gegründet. Zum 1. Januar 2013 verließ das Institut für Geowissenschaften die gemeinsame Fakultät wieder und wurde Teil der neugegründeten Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen. Damit trägt die heutige Fakultät wieder den Namen Fakultät für Chemie und Pharmazie.
In jüngerer Vergangenheit entwickelte sich die Fakultät zu einem Kompetenzzentrum für nachhaltige Chemie, pharmazeutische Wirkstoffentwicklung und moderne Materialien. Sie beteiligt sich an renommierten Forschungsclustern wie livMatS, BIOSS und CIBSS, die interdisziplinäre Lösungsansätze in Materialwissenschaft, Signalbiologie und energieautonomen Technologien vorantreiben. Somit blickt die Fakultät mit Innovationskraft und wissenschaftlicher Neugier in die Zukunft.
(Wiederauf-)Bauten und Räumlichkeiten
Am 27. November 1944 kam es im Zuge des Zweiten Weltkriegs zu einem Luftangriff auf Freiburg, bei dem fast 3000 Menschen starben. Weite Teile der Altstadt wurden zerstört, und auch die Gebäude der Fakultät fielen den Bomben zum Opfer – darunter das Chemische Laboratorium, die Institute für Physikalische Chemie, Makromolekulare Chemie und Pharmazie.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund: Bereits 1946 konnte der Lehr- und Forschungsbetrieb im Chemischen Laboratorium zumindest provisorisch wieder aufgenommen werden. Auch das Gebäude der Physikalischen Chemie wurde ab 1949 erneut genutzt – zunächst gemeinsam mit der Pharmazie.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche Neu- und Wiederaufbauten, die die wissenschaftliche Infrastruktur der Fakultät nachhaltig prägten: 1952 wurde der Neubau der Chemie I (Anorganische Chemie) errichtet, zwei Jahre später folgte die Chemie II. Ebenfalls 1954 bezog das Pharmazeutische Institut sein neues Laborgebäude in der Hermann-Herder-Straße 9. Die Makromolekulare Chemie erhielt 1962 ein eigenes Institutsgebäude in der Stefan-Meier-Straße 32.
Mit dem Bau des Chemiehochhauses wurde 1965 ein neuer architektonischer Akzent gesetzt, das Gebäude konnte 1968 bezogen werden.
1990 wurde das Freiburger Materialforschungszentrum als fakultätsübergreifende Einrichtung gegründet, welches ab 1994 bezogen werden konnte.
Im Jahr 2001 bezog der Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie das neu errichtete Otto-Krayer-Haus in der Albertstraße 25. Auch das Institut für Pharmakologie und Toxikologie fand dort eine neue Heimat.
2020 verließ der dort angesiedelte Bereich der Physikalischen Chemie das Gebäude in der Albertstraße 23a und zog in den Flachbau hinter dem Chemiehochhaus um.
Nobelpreisträger der Fakultät
Für „seine Forschungen über die Zusammensetzung der Gallensäure und verwandter Substanzen“ erhielt Wieland 1927 den Nobelpreis. Der Grundstein seiner Arbeit wurde in Freiburg gelegt, wo er 1921 bis 1925 als Professor tätig war. Laut eigener Aussage zählten die vier Jahre in Freiburg „zu den schönsten meiner wissenschaftlichen Karriere“. Als einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit verfasste er etwa 400 Publikationen, welche thematisch breit gestreut waren. Er forschte zu den Naturstoffklassen der Alkaloide, entdeckte die biologisch wichtigen Pterine und die ersten freien Stickstoff-Radikale. Durch seine Arbeiten zur biologischen Oxidation kann er als einer der Väter der Biochemie angesehen werden.
Wieland trat dem Nationalsozialismus offen entgegen, schützte verfolgte Mitarbeitende in seinem Labor und setzte sich sogar vor dem Volksgerichtshof für sie ein.
Nur ein Jahr nachdem der Nobelpreis in Chemie an Wieland verliehen wurde, folgte mit Windaus ein weiterer Freiburger Professor, der für „seine Verdienste um die Erforschung des Aufbaus der Sterine und ihres Zusammenhanges mit den Vitaminen“ ausgezeichnet wurde. Bereits 1899 promovierte er in Freiburg und habilitierte sich wenige Jahre später mit Arbeiten zur Struktur des Cholesterins. Deren endgültige Klärung gelang erst 1932 – unterstützt durch eine enge, kollegiale Zusammenarbeit mit Wieland.
Windaus war ein forschungsstarker Grenzgänger zwischen Chemie und Medizin. Früh erkannte er einen möglichen Zusammenhang zwischen erhöhtem Cholesterinspiegel und Arteriosklerose. Neben Arbeiten zu pflanzlichen Sterolen wie Ergosterin und zur Struktur des Vitamins D war er auch an der Entdeckung des Histamins beteiligt. In Kooperation mit der Industrie gelang ihm zudem die Strukturaufklärung von Vitamin B1.
Windaus begegnete dem Nationalsozialismus mit Kritik, aus seiner Einstellung machte er kaum einen Hehl.
Wie auch Windaus promovierte von Hevesy bereits in Freiburg – 1908 in der physikalischen Chemie. Im Anschluss arbeitete er in Manchester bei Ernest Rutherford, wo er moderne kernphysikalische und kernchemische Methoden kennenlernte, und in Kopenhagen bei Niels Bohr. Gemeinsam mit Dirk Coster entdeckte er mithilfe der Röntgenfluoreszenz das Element Hafnium. Von 1926 bis 1934 setzte er dann als Professor für Physikalische Chemie in Freiburg seine Arbeiten zur Röntgenfluoreszenz fort.
Für „seine Arbeiten über die Anwendung der Isotope als Indikatoren bei der Erforschung chemischer Prozesse“ wurde er 1943 mit dem Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet. Da er Pionierarbeit auf dem Gebiet der Röntgenfluoreszenz leistete und die Grundlagen für die Anwendung radioaktiver Isotope als Indikatoren in Biologie und Medizin schuf, gilt als Vater der Nuklearmedizin.

Der jüdischstämmige von Hevesy fühlte sich als Freiburger, verlies Deutschland aber aufgrund der politischen Entwicklung im Jahr 1934. Vor seinem Tod kehrte er jedoch nach Freiburg zurück, wo er am 5. Juli 1966 verstarb.
Ein Stolperstein vor dem großen Hörsaal Chemie in der Alberstraße (siehe Foto) erinnert an den Chemiker und Nobelpreisträger.


Ein weiterer Pionier auf seinem Gebiet war Hermann Staudinger, der als Vater der Makromolekularen Chemie gilt.
Staudinger war von 1926 bis 1951 als Professor in Freiburg tätig. Die 1940 von ihm begründete Forschungsabteilung für Makromolekulare Chemie war das erste europäische Forschungszentrum, das sich systematisch und ausschließlich mit Makromolekülen in Natur und Technik sowie dem damals neu entstehenden Feld der Polymerwissenschaften verschrieb. Auch nach seiner Emeritierung leitete er die Abteilung bis 1956 weiter.
Seine Freiburger Forschung zu synthetischen und biologischen Makromolekülen legte das Fundament für wegweisende Entwicklungen in den Material- und Lebenswissenschaften sowie für den Aufschwung der industriellen Kunststoffproduktion. Daher wurde er im Jahre 1953 „für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der makromolekularen Chemie“ mit dem Chemienobelpreis ausgezeichnet.
Durch Hermann Staudinger, der ihn an sein Institut holte, kam Wittig im Jahre 1937 an die Universität Freiburg, wo er bis 1944 als außerordentlicher Professor lehrte. In dieser Zeit interessierte er sich vor allem für theoretischen Fragestellungen wie auch für neue Methoden der Synthesechemie.
Neben der Entdeckung des Dehydrobenzols wurde seine Karriere vor allem in jenem Feld der Synthese duch zwei Reaktionen geprägt, die seinen Namen tragen: die Wittig-Ether-Umlagerung und die Wittig-Reaktion. Letztere ermöglicht die gezielte Herstellung von Verbindungen mit Doppelbindungen und wird bis heute für die Produktion von Vitamin A und verwandten Verbindungen in großtechnischem Maßstab durchgeführt.
Neben ihrer Bedeutung für die Synthese organischer Verbindungen und für zahlreiche Technologien war die Wittig-Reaktion auch der Anlass für den Nobelpreis, den Wittig zusammen mit Herbert Charles Brown im Jahre 1979 für die „Entwicklung von Bor- beziehungsweise Phosphorverbindungen in wichtigen Reagenzien innerhalb organischer Synthesen“ erhielt.
Quellen
- Universität Freiburg, Breisgau: 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2007 — ISBN 978-3-495-48255-1
- Universität Freiburg, Breisgau: 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2007 — 978-3-495-48253-7
- 525 Jahre Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau, 1982
- Aus der Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Freiburg i.Br. / hrsg. von Eduard Zentgraf
- https://uni-freiburg.de/wp-content/uploads/Nobelpreistraegerbroschuere_2018.pdf