Geschichte des ZPKM
Die Musik der Vielen erforschen und dokumentieren
Zur historischen Entwicklung des Zentrums für Populäre Kultur und Musik
Das Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) wurde im Jahr 2014 gegründet. Mit diesem Schritt ging die Integration in die Universität Freiburg einher. Das Forschungszentrum geht jedoch auf eine viel ältere Tradition zurück, nämlich auf das einhundert Jahre zuvor gegründete Deutsche Volksliedarchiv. Dessen Arbeit setzt es auf neuer inhaltlicher und methodischer Grundlage fort.
Der Zentrumsgründung ging ein umfassender Modernisierungsprozess voraus, der durch das Direktorium und die Mitarbeiter:innen des Deutschen Volksliedarchivs gestaltet und vorangetrieben wurde. Dieser Prozess spiegelt sich bereits in der 2010 neu aufgesetzten Publikationsreihe mit dem wegweisenden Titel „Populäre Kultur und Musik“ wider. Diese Modernisierung war mit einer Neuausrichtung der Forschung sowie der Beteiligung an der akademischen Lehre der Universität verbunden. Zu den Neuakzentuierungen zählte ebenso die Begründung von drei Online-Lexika und die systematische Erweiterung des Sammlungsbestandes.
Seit 2011 ist das ZPKM in der Freiburger Innenstadt untergebracht, später wurden zwei Außenmagazine zur Aufnahme der wachsenden Bestände eingerichtet. Das Zentrum wird seit 2014 von Michael Fischer geleitet, derzeit im kollegialen Verbund mit der Literaturwissenschaftlerin Juliane Blank sowie dem Kulturwissenschaftler Timo Heimerdinger. Seit 2019 engagiert sich das Zentrum im Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik, einer Kooperation zwischen der Hochschule für Musik und der Universität.
Das Deutsche Volksliedarchiv
Das Deutsche Volksliedarchiv – die Vorgängereinrichtung des ZPKM – nahm im Jahr 1914 seine Arbeit auf. Initiator und langjähriger Leiter war der Germanist und Volkskundler John Meier (1864−1953). Das Ziel war es damals, deutschsprachige Volkslieder zu sammeln, zu dokumentieren und in wissenschaftlichen Editionen und populären Liederbüchern zugänglich zu machen. Modern und wegweisend waren damals die empirischen Methoden: Im Unterschied zu vielen romantischen Liebhabern des Volksliedes und den Philologen des 19. Jahrhunderts wollte man sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht auf Buchgelehrsamkeit verlassen, sondern die Liedtexte und -melodien so von den Menschen aufzeichnen, wie sie tatsächlich erinnert und gesungen wurden. Ein Netzwerk von Archiven, Sammler:innen und Sänger:innen (sog. Gewährsleute) unterstützte das Projekt.
Meiers wegweisendes Wissenschaftsunternehmen war jedoch in die konservativen und kulturkritischen Strömungen seiner Zeit eingebettet. Während man die Liedersammlung als „echt vaterländisches Werk“ ausgab und im Ersten Weltkrieg sogar als „geistigen Heimatschutz“ anpries, wurden die zeitgenössischen Schlager als kommerzielle und medial verbreitete Produkte nicht berücksichtigt. Die Volksliedsammlung indes wuchs stetig; zugleich wurden die forscherischen und editorischen Anstrengungen verstärkt. Zwischen 1935 und 1996 erschien die Balladen-Edition, eine philologisch hochkomplexe und mustergültige Ausgabe deutscher Volkslieder. Seit 1928 erschien sodann als eigenes Publikationsorgan das „Jahrbuch für Volksliedforschung“, das heute unter dem Namen „Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture“ herausgegeben wird.
Die Arbeit Meiers und des Deutschen Volksliedarchivs während des Nationalsozialismus wurde in der Forschung unterschiedlich beurteilt, jedoch ist deutlich erkennbar, dass sich der Archivgründer bemühte, sein wissenschaftliches Werk von ideologischer Vereinnahmung freizuhalten. Der Versuchung vieler Fachkolleg:innen, die nationalkonservative und kulturkritische Haltung ins Völkische und Rassistische auszuweiten, ist John Meier nicht erlegen.
Kontinuität und Neuaufbrüche
Nach dem Tod Meiers wurde das Deutsche Volksliedarchiv eine Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Landes Baden-Württemberg und konnte so seine Arbeit fortsetzen. Zunächst wurde inhaltliche Kontinuität gesucht, allerdings weitete sich der Blick zusehends: Während bereits John Meier ausländische Lieder aus komparatistischen Gründen berücksichtigte, erweiterte das Deutsche Volksliedarchiv bereits im Jahr 1956 sein forscherisches Spektrum auf „das Gebiet des gesamteuropäischen Volksliedes“. Tatsächlich wurde die Internationalität in den folgenden Jahrzehnten intensiv gepflegt.
Die politischen und gesellschaftlichen Modernisierungsleistungen der 1960er- und 1970er-Jahre gingen am Deutschen Volksliedarchiv nicht spurlos vorbei. Nun fanden auch die Folkbewegung und die Liedermacherszene dort eine Heimat und einen Inspirationsquell. Viele Künstler:innen der Zeit gingen im Haus ein und aus. So ist es nicht verwunderlich, dass in einer Broschüre aus dem Jahr 1977 auch neuere Liedgattungen wie der Evergreen genannt und ein Protestlied aus der Antikernkraftbewegung abgedruckt wurden. Ausdrücklich heißt es dort, man könne nicht bei einer „retrospektiven Betrachtungsweise“ stehenbleiben, die „Geschichte des Volksgesangs“ sei keineswegs mit dem 19. Jahrhundert zu Ende. Insbesondere müssten im Deutschen Volksliedarchiv die Grundlagen geschaffen werden, um „Fragen nach Kontinuität und Rezeption der Produkte heutiger Unterhaltungsindustrie“ beantworten zu können. Folgerichtig wandte man sich dem Schlager ebenso zu wie dem sozialkritischen Lied und berücksichtigte stärker als früher mediale und ökonomische Aspekte. Zugleich wurde am Haus der Volksliedbegriff problematisiert und entmythologisiert.
Bei allen thematischen und methodischen Neuakzentuierungen gibt es eine durchgehende Traditionslinie vom Deutschen Volksliedarchiv bis zur Gegenwart: Alles dreht sich um die „Musik der Vielen“ – um die vielfältigen musikalischen Ausdrucksformen, welche die Gesellschaft in ihrer Breite geprägt haben und immer noch prägen.