Dialektwandel

Phonologischer Wandel am Beispiel der alemannischen Dialekte Südwestdeutschlands im 20.Jahrhundert (DFG) (Au 72/17-1)

Ziel des Projekts war es, phonologischen Sprachwandel in der Dialektologie am Beispiel der alemannischen Dialekte in Südwestdeutschland zu beschreiben und ihre linguistischen Eigenschaften sowie soziolinguistischen Determinanten zu analysieren. Im Rahmen dieses Projekts wurde zum ersten Mal in der Dialektologie ein Zeitraum von ca. 100 Jahren für ein großes Gebiet (das gesamte Untersuchungsgebiet des Südwestdeutschen Sprachatlasses) systematisch erfasst. Im Mittelpunkt des theoretischen Interesses standen Fragen nach der Lexikalisierung des Wandels, nach seinem endogenen vs. exogenen Ursprung sowie nach dem Verhältnis zwischen vertikalem und horizontalem Wandel. Es wurden neue Methoden der digitalen Kartenanalyse mit der datenbankbasierten Analyse akustischer Daten kombiniert. Anhand einer Sekundäranalyse vorhandener Datensätze (SSA/DiWA, Spontansprache vs. Introspektion) wurde mittels eines Vergleichs auf zwei Analyseebenen (Real Time und Apparent Time) der phonologische Wandel in den alemannischen Basisdialekten in Südwestdeutschland für die Zeit zwischen ca. 1885 und 1985 untersucht und beschrieben.

Während der gesamten Laufzeit des Projektes stand die Erstellung von Real-Time-Kartenvergleichen (Vergleich von Wenker und SSA-Abfragedaten) sowie Apparent-Time-Vergleichen (SSA-Abfragedaten und spontansprachliche Daten) im Vordergrund. Insgesamt wurden aus den zur Verfügung stehenden Wenker- und SSA-Karten ca. 110 Real-Time-Vergleichskarten sowie ca. 160 Apparent-Time-Vergleichskarten erstellt. Inklusive aller weiteren Karten, die zur Analyse der Wandelprozesse angefertigt wurden (z. B. Kombinationskarten, Interpolationskarten, dialektometrische Karten) besteht das komplette Kartenkorpus aus ca. 350 Karten. Im Bereich Konsonantismus wurden 18 phonologische Variablen untersucht, im Vokalismus 15 etymologische Lautklassen. Außerdem wurden vier lexikalische Fälle betrachtet (Realisierung vongesagt, gewesen, nichts und nicht).

Hinsichtlich der Bearbeitung der spontansprachlichen Daten bestand die Projektarbeit bis An-fang 2009 in besonderem Maße aus der Transkription (bzw. Ergänzung / Überarbeitung bereits bestehender Transkripte) von insgesamt 478 Tonaufnahmen, die aus 360 Ortschaften stammen und die Korpora des Südwestdeutschen Sprachatlas, des Badischen Wörterbuchs sowie kleine Teile des Zwirner-Korpus umfassen. Alle Transkripte wurden in eine umfangreiche Datenbank (MOCA) eingepflegt und mit der dazugehörigen Tondatei aligniert.

Aus dem spontansprachlichen Datenkorpus wurden ca. 82.000 lexikalische Tokens phonologisch analysiert. Die untersuchten Tokens verteilen sich ca. je zur Hälfte auf 100 für den Konsonantismus untersuchten Lexeme und 99 für den Vokalismus untersuchten Lexeme. Im nächsten Schritt wurden die analysierten Tokens (in der Regel zunächst lexemweise) auf einer Karte aufgetragen, was mit Hilfe des von Rudolf Post entwickelten Kartierprogramms SSAKart durchgeführt wurde. Die Daten konnten nun in Form von Apparent-Time-Vergleichen mit den kompetenzbasierten Daten des SSA verglichen werden. Zusätzlich wurden in Schwarz (2015) die spontansprachlichen Daten für den Bereich Vokalismus in Form von 36 interpolierten Farbkarten dargestellt, die auf einem geostatistischen Verfahren (Kriging) beruhen. In Streck (2012a) werden außerdem 6 dialektometrische Karten präsentiert, die auf der Gesamtzahl der untersuchten Tokens aus dem Konsonantismus und dem Vokalismus beruhen.

Drei zentrale Fragestellungen wurden dem Forschungsprojekts vorangestellt und konnten auf der Grundlage des erstellten Datenkorpus analysiert werden: 1) Inwieweit handelt es sich bei dem beobachtbaren Lautwandel um endogenen oder exogenen Wandel?, 2) Sind die Wandelprozesse lexikalisch gesteuert oder haben sie prozesshaften Charakter?, 3) Wirkt der Lautwandel horizontal oder ist er vertikal geartet, d. h. durch standardnähere Sprechweisen induziert? Zu 1) stellte sich heraus, dass es sich bei den Wandelprozessen in den Dialekten des 20. Jahrhunderts um kontaktinduzierte Phänomene handelt, während endogene Faktoren kaum nachweisbar waren. Hinsichtlich Fragestellung 2) zeigt der Wandel eine klare lexikalische Steuerung und weist nur in wenigen Fällen prozesshaften Charakter auf (vgl. die Entrundung sowie die nhd. Monophthongierung in Schwarz 2015 und die Frikativierung von zwischenvokalischem b in Streck 2012a). Zu Punkt 3) lässt sich Folgendes festhalten: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass es sich um eine Mischung aus horizontalem und vertikalem Wandel handelt, wobei die standardnäheren Regionalvarietäten in der Regel die Richtung des Lautwandels vorgeben. Dies ist dadurch nachweisbar, dass sich oft solche Realisierungen ausbreiten, die mit regionaldialektalen Formen identisch oder diesen ähnlich sind.

Ein weiteres Projektziel war es, im Untersuchungsgebiet Regionen zu identifizieren, in denen sich in der Zeit zwischen ca. 1885 und 1985 besonders starke Dialektveränderungen ergeben haben, um sie anderen, konservativeren Regionen gegenüber zu stellen. Es hat sich gezeigt, dass die Teilbereiche des Untersuchungsgebiets unterschiedlich resistent bzw. offen für Wandel sind. Als besonders innovativ (d. h. offen für Wandel) hat sich ein Teil des Bodenseealemannischen im nördlichen Bodenseeraum erwiesen. Hier wurden starke Veränderungen zugunsten des Schwäbischen festgestellt. Als vergleichsweise konservativ (d. h. stärker resistent gegen Wandel) hat sich dagegen der Raum südlich von Freiburg in der äußersten Südwestecke des Untersuchungsgebiets erwiesen.

Insgesamt hat sich die Methode des doppelten Vergleichs für die selektive Rekonstruktion von phonologischem Dialektwandel als sehr sinnvoll erwiesen. Die zahlreichen Einzelanalysen haben gezeigt, dass der Wenker-Atlas in den meisten Fällen ein zuverlässiger Referenzpunkt ist. Aufgrund der beiden Tatsachen, dass die Gewährspersonen des SSA teilweise nur ca. 20-30 Jahre später geboren waren als die Schüler bei den Erhebungen von Georg Wenker und dass die Zielsetzung des SSA, den ältesten erreichbaren Dialektstand zu erheben, viele alte, erinnerte Formen erbrachte, wirken die Unterschiede beim Vergleich der beiden Atlanten zuweilen eher gering. Der Einbezug der spontansprachlichen Daten auf der zweiten Analyseebene ermöglicht dagegen Aussagen über den tatsächlichen Dialektgebrauch der Gewährspersonen und hat sich in den Analysen als äußerst gewinnbringend erwiesen.

Das reichhaltige Material ermöglichte außerdem weiterführende Analysen, deren Ergebnisse über die eingangs erwähnten Erkenntnisziele hinausreichen. So wurden die gesamten spontansprachlichen Daten (d. h. alle für die Bereiche Konsonantismus und Vokalismus analysierten Tokens) von Streck (2012a) einer dialektometrischen Aggregatanalyse unterzogen und für eine areale Gesamtinterpretation kartiert. Die auf aggregierten Dialektabständen basierenden Netzwerk-, Strahlen- sowie besonders die verschiedenen Typen von Clusterkarten erlauben Aussagen über die geografische Gliederung des Alemannischen in Deutschland in den 1970er/80er Jahren. Schwarz (2015) unterzog die spontansprachlichen Daten des Vokalismus einer statistischen Aggregatanalyse. Mit Hilfe von logistischen Regressionsmodellen wurde beispielweise getestet, ob der geografische Abstand von der Isoglosse die Wandeltendenz beeinflusst, ob Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Dialektalität bestehen oder ob morphologisch komplexe Wortformen als Entlehnungen aus dem Standard die Standardkonvergenz der Dialekte beschleunigen.

Im Detail sind die Projektergebnisse und die vorgefundenen Wandeltypen in den Arbeiten von Schwarz (2015) und Streck (2012a) dargestellt. Analysen zu einzelnen ausgewählten Variablen oder Teilgebieten wurden auch in verschiedenen Aufsätzen vorgestellt (z. B. Auer/Schwarz/Streck 2008, Schwarz 2014a, Schwarz/Streck 2009, 2010, Schwarz/Spiekermann/Streck 2011, Streck 2014a, Auer/Baumann/Schwarz 2011, Auer 2012). Ein Projektbericht (Streck 2015) wurde im Sammelband „Regionale Variation des Deutschen – Projekte und Perspektiven“ (hrsg. von R. Kehrein, A. Lameli & S. Rabanus) publiziert.

Projekttitel auf Dialektkarte

Mitarbeitende

Peter Auer
Projektleiter
Christian Schwarz
Wissenschaftlicher Angestellter
Tobias Streck
Wissenschaftlicher Angestellter

Wissenschaftliche Hilfskräfte
Peter Baumann
Sabrina Deck
Sonja Fischer
Silke Gemünden
Marina Geng
Elias Hauguth
Uli Held
Katharina Kurz
Friederike Proff
Nina Rudloff
Carolin Schwarz
Florian Sieg

Publikationen

Vorträge (und Posterpräsentationen)

Öffentlichkeitsarbeit